Kanzlerin auf dem Gillamoos Bier, Backhendl und Euro-Krise

Es gibt wenige Orte, an denen Angela Merkel so deplatziert wirkt: Auf dem Gillamoos-Volksfest im niederbayrischen Abensberg treten Spitzenpolitiker Zelt an Zelt im Fernduell gegeneinander an - da sind laute, launige Sprüche gefragt. Die Kanzlerin versucht es trotzdem mit Argumenten.

REUTERS

Aus Abensberg berichtet


Angela Merkel versucht ein Lächeln. Die Kanzlerin steht auf der Bühne des Hofbräuzelts, eingerahmt von zwei Dirndlköniginnen und einem feixenden Alexander Dobrindt. Bayernlied und Deutschlandhymne hat Merkel gerade zusammen mit mehr als 3000 Zuhörern abgesungen, als Martin Neumeyer, Gastgeber und Kreisvorsitzender der CSU ein "Überraschungslied" ankündigt. Und schon schnappt sich der Sänger mit dem Künstlernamen "Winzi" das Mikrophon und schmettert aus vollem Halse den Rolling-Stones-Klassiker "Angie". Das Lied begleitet Merkel seit ihrem Wahlkampf 2005, richtig glücklich wirkte sie nie damit, aber sie bewahrt auch diesmal die Fassung. Schließlich wippt sie sogar ein wenig unbeholfen mit den Füßen.

Wenn die Union "Angie" spielen lässt, ist Wahlkampf. Am Montag hat die Kanzlerin ihren Wahlkampf für weitere vier Jahre Regierungsverantwortung auf dem Gillamoos-Volksfest in Abensberg eingeläutet. Abensberg ist eine Kleinstadt im ländlichen Niederbayern, zwischen München und Regensburg gelegen. Der Ort ist bekannt für seine Judokas - Ole Bischof und Andreas Tölzer gewannen bei den Olympischen Spielen in London Silber und Bronze - und für den Gillamoos, ein mehrtägiges Volksfest, das seit 1313 rund um den ersten Sonntag im September stattfindet.

Seit etwa 60 Jahren steht der Abschlusstag des Festes im Zeichen der Politik. In mehreren Festzelten treten Politiker verschiedener Parteien gleichzeitig auf und reden zu ihren Anhängern. Die SPD schickte in diesem Jahr ihren Spitzenkandidaten Christian Ude ins Rennen, für die Grünen trat Jürgen Trittin in die Bütt, dem schon vorab die Genugtuung zuteil wurde, den FDP-Redner Wolfgang Kubicki in ein kleineres Zelt abgedrängt zu haben. Ursprünglich hatte nämlich der Liberale im Weinzelt reden sollen, der Wirt versprach sich von Trittin jedoch mehr trinkfeste Kundschaft.

Merkel füllt das größte Zelt

Das größte Zelt füllte jedoch Merkel, die nach 2002 zum zweiten Mal auf dem Gillamoos auftrat, damals machte sie noch Wahlkampf für Edmund Stoiber. Als Merkel an diesem Montag um kurz nach elf Uhr das Festzelt betritt, ist die Luft zum Schneiden. Viele Unionsanhänger warten da schon drei Stunden auf ihren Auftritt, unter dem weiß-blau geschmückten Dach hängt der schwere Duft von Backhendln und Schweinebraten.

Für die Fotografen nimmt Merkel einen Schluck Bier aus der Maß, dann beginnt sie ihre Rede, die einen Vorgeschmack auf die Punkte gibt, mit denen sie die Wahl in ziemlich genau einem Jahr gewinnen will. Nur mit der Union sei ein solides Wirtschaften möglich, verkündet Merkel - in Deutschland und in Europa. Die Seele des bayrischen Publikums streichelt sie, indem sie den Freistaat zum Vorbild erklärt. "Die Bundesrepublik wird von den Rating-Agenturen mit AAA bewertet, Bayern hat sich AAA mit drei Sternchen verdient", sagt die Kanzlerin.

Das alles sei natürlich das Verdienst von CDU und CSU und nur die Union könne sicherstellen, dass dieser Kurs fortgeführt werde. Ein Bekenntnis zum Koalitionspartner FDP kommt Merkel jedoch nicht über die Lippen. Die Liberalen dürfen es als Erfolg verbuchen, von der CDU-Chefin nicht attackiert zu werden. Anders als die SPD, die den Bürgern immer mehr Steuern abknüpfen und Leistung bestrafen wolle. Die Grünen kanzelt Merkel als "Dagegen-Partei" ab, mit der man nicht regieren könne.

Das alles sind keine neuen Töne sondern Variationen der vergangenen Landtagswahlkämpfe - beim Publikum kommen sie trotzdem an.

Die Anhänger sehnen sich nach markigen Worten

Manfred Weber, Bezirksvorsitzender der CSU Niederbayern, hatte sich von der Rede erwartet, dass die Regierungschefin "den Euro-Kurs bierzelttauglich macht". Doch Merkel bleibt im Ungefähren: Sie erinnert an die deutsch-französische Aussöhnung, und würdigt, dass der dank der Europäischen Union 500 Millionen Menschen in Freiheit, Frieden und Demokratie leben könnten. "Doch wenn Europa seinen hohen Lebensstandard halten will, müssen wir in Zukunft besser sein als andere." Im globalen Wettbewerb hätten 500 Millionen Europäer nur gemeinsam eine Chance gegen die aufstrebenden Großmächte China und Indien.

Nun gehe es darum die EU zukunftsfest zu machen. Die angeschlagenen Krisenländer in Südeuropa hätten die Solidarität der Deutschen verdient, müssen ihre versprochenen Reformen nun aber auch umsetzen. "Wir brauchen in Europa eine Stabilitätsunion statt einer Schuldenunion", sagt Merkel und erntet dafür den stärksten Applaus während ihrer Rede. Doch all jene, die sich noch markigere Worte von der Kanzlerin gewünscht hätten, werden enttäuscht. Merkel bleibt in ihrer Rolle als präsidiale Kanzlerin, die über dem Kleinklein des Parteienzanks steht.

Auch zu den Streitthemen Rente und Homo-Ehe äußert sie sich nicht. Die Union sei "demütig" gegenüber dem, was in Familien geleistet werde. Deshalb verdienten Familien auch besonderen Schutz. Ob dazu auch Familien gehören, in denen zwei Väter oder zwei Mütter Kinder großziehen, ließ die Kanzlerin offen.

Gesellschaftspolitik wird ohnehin nicht im Mittelpunkt ihres Wahlkampfes stehen. Die Bekämpfung der Schuldenkrise, die Energiewende und der Umgang mit dem demografischen Wandel in Deutschland seien stattdessen die vorrangigsten Themen. Merkels Ziel: Sie wolle beweisen, dass man auch mit solidem Haushalten Wahlen gewinnen könne. Im September oder Oktober kommenden Jahres wird gewählt. Bis dahin wird Merkel noch öfter Mick Jaggers "Angie" hören.



insgesamt 7 Beiträge
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muguet 03.09.2012
1. Abensberg!!!
"...Gillamoos-Volksfest im niederbayrischen Abendsberg... ", ABENSBERG!!! Soviel Korrektheit ist wohl angebracht.
spon-facebook-10000409902 03.09.2012
2. Was will Merkel ?(oder das
Sicher eine gute Rede der Kanzlerin.Sie erklärt was sein sollte oder muß und was trotzdem beibehalten und /oder nicht aufgegeben werden darf.Alles mit eindringlichen Worten und eindringlicher Ausstrahlung.Nicht verständlich und rätselhaft war jedoch,wenigsten für mich ,was Sie konkret in der Tagespolitik machen oder umsetzen wolle.
robrien 03.09.2012
3. ja da hat Herr Sydow
wohl gedacht, die haben im Ortsschild doch glatt das D vergessen und in seinem Artikel den Phantasieort "AbenDsberg" erfunden....
king_pakal 03.09.2012
4. Ganz einfach
Zitat von spon-facebook-10000409902Sicher eine gute Rede der Kanzlerin.Sie erklärt was sein sollte oder muß und was trotzdem beibehalten und /oder nicht aufgegeben werden darf.Alles mit eindringlichen Worten und eindringlicher Ausstrahlung.Nicht verständlich und rätselhaft war jedoch,wenigsten für mich ,was Sie konkret in der Tagespolitik machen oder umsetzen wolle.
Nichts. Banken (und derzeitiges Geldsystem) sind Alternativlos - die Hauptaufgabe Merkel's ist diese Alternativlosigkeit zu verteidigen und am Geldsystem festzuhalten bis der nächste Krieg kommt. Dann kommt ein neues Geldsystem (wieder alternativlos) für 60/70 Jahre, dann geht alles von vorne los.
Steff-for 03.09.2012
5. Hat die
werte Frau "Alternativlos" nix Besseres zu tun, als in den bayerischen Kongo zu fahren um dort vielleicht noch paar Eingeborene als Stimmvieh zu ködern??? Glaubt die denn wirklich, dass wir Niederbayern und Oberpfälzer vollkommen blöd sind und nicht mitbekommen, WAS so alles unter ihrer Führung läuft???? Die soll ihren alternativlosen Hintern packen und zusehen, dass dieses (UNSER!!!!!) Land nicht noch schlimmer an die Wand gesetzt wird, wie sie es bis jetzt getan hat!!!! Es ist nicht IHR Deutschland! Sie ist eine Altlast aus der DDR und auf dem besten Weg aus unserem Land genau solch ein krankes Konstrukt zu bauen, wie es die Täterä war. Ich freu mich auf den Tag der Abrechnung und sie nicht mehr gewählt wird! Unglaublich diese Frau!
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