Abgesetzte Mozart-Oper Islamkonferenz will gemeinsam "Idomeneo" sehen

Trotz etlicher Konfliktpunkte hat Innenminister Schäuble ein positives Fazit der ersten Islamkonferenz in Berlin gezogen. Die Teilnehmer haben sich für eine Wiederaufnahme der abgesetzten Mozart-Oper ausgesprochen - sie wollen die umstrittene Inszenierung besuchen.


Berlin - Gemeinsam haben sich die Teilnehmer der ersten Islamkonferenz für eine Weiter-Aufführung der Mozart-Oper "Idomeneo" an der Deutschen Oper Berlin ausgesprochen. Die Intendantin Kirsten Harms hatte die umstrittene Inszenierung nach einer diffusen Sicherheitswarnung aus dem Programm gestrichen - und damit in Deutschland und weltweit eine Welle der Empörung ausgelöst.

Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte heute nach der Konferenz, die Teilnehmer würden sich freuen, wenn das Haus bald eine Möglichkeit sähe, die Oper wieder aufzuführen. Die Konferenzteilnehmer würden die Aufführung gern gemeinsam besuchen.

Schäuble und Konferenzteilnehmer: "In tolerantem Ton"
DPA

Schäuble und Konferenzteilnehmer: "In tolerantem Ton"

Insgesamt bewertete Schäuble das knapp dreistündige erste Treffen von Vertretern des Staates und islamischer Verbände im Berliner Schloss Charlottenburg positiv. Es habe eine intensive Diskussion "in tolerantem Ton, aber mit unterschiedlichen Positionen" gegeben, sagte Schäuble. Die Aussprache sei "sehr offen" gewesen und "nicht immer nur harmonisch". Das Treffen war der Auftakt eines auf zwei Jahre angelegten Dialogprozesses. Alle seien sich einig gewesen, diesen Diskussionsprozess "mit möglichst viel Leben" zu füllen.

Schäuble strebt eine Übereinkunft zwischen dem Staat und den in Deutschland lebenden Muslimen an, in der sich beide Seiten zur Einhaltung gesellschafts- und religionspolitischer Grundsätze verpflichten. Schäuble sagte auf der Konferenz in Berlin: "Jeder, der in Deutschland lebt, muss unsere Verfassungs- und Rechtsordnung akzeptieren und respektieren."

Der Innenminister hob weiter hervor, der interkulturelle Dialog mit dem Islam sei von "großer Bedeutung". Der Dialog sei nicht nur wichtig für eine erfolgreiche Integrationspolitik, sondern auch zur Verhinderung und Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und Extremismus.

Bayerns Innenminister und Vorsitzender der Innenministerkonferenz, Günther Beckstein (CSU), sah in dem Treffen einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Integration der Muslime und des Islam in die deutsche Rechtsordnung. "Eine weite Wegstrecke liegt aber noch vor uns", sagte Beckstein. So werde es sicherlich auf muslimischer Seite noch heftige Diskussionen bei der Gleichstellung der Frau geben.

Der Dialogbeauftragte des größten Muslim-Verbandes in Deutschland (Ditib), Bekir Alboga, sagte, die Erwartungen der muslimischen Gemeinden seien voll erfüllt worden. Der Generalsekretär des europäischen Integrationszentrums, Badr Mohammed, sprach von einem historischen Tag. "Der Durchbruch in der interkulturellen Öffnung der Gesellschaft für einen Dialog zwischen deutscher Gesellschaft und Muslimen ist gelungen", sagte er.

Mit der Islam-Konferenz will die Regierung das Verhältnis des Staates zu den rund drei Millionen Muslimen in Deutschland auf eine belastbare Grundlage stellen und so auch den wachsenden Einfluss islamistischer Kräfte eindämmen. Am Ende des auf mehrere Jahre angelegten ersten institutionalisierten Dialogs zwischen muslimischen Organisationen und dem Staat soll ein Gesellschaftsvertrag stehen, der verbindliche Regeln für das Zusammenleben festschreiben soll.

Am Auftakt der Konferenz nahmen je 15 Vertreter der gut drei Millionen Muslime in Deutschland sowie von Ministerien, Bundesländern und Kommunen teil. Neben fünf islamischen Dachverbänden hatte Schäuble auch zehn Einzelpersönlichkeiten eingeladen, darunter auch Vertreter eines "modernen und säkularen" Islam. Bislang ist die Interessenvertretung der Muslime stark zersplittert, so dass dem Staat ein zentraler Ansprechpartner fehlt.

Die Fortsetzung der Konferenz soll von 30 ständigen Vertretern von Staat und Muslimen bestritten werden. Drei Arbeitsgruppen sollen sich mit den Themen "Deutsche Gesellschaftsordnung und Wertekonsens", "Religionsfragen im deutschen Verfassungsverständnis" und "Wirtschaft und Medien als Brücke" befassen.

In Deutschland leben nach Angaben des Ministeriums 3,2 bis 3,5 Millionen Muslime. Nur zehn bis 15 Prozent seien jedoch in muslimische Organisationen eingebunden. 1,8 Millionen der in Deutschland lebenden Muslime sind türkischer Abstammung. 80 Prozent der Muslime in Deutschland gehören der sunnitischen Glaubensrichtung an. 17 Prozent sind Aleviten und drei Prozent Schiiten.

asc/dpa/ddp/Reuters

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