Abrechnung mit dem Provokateur Sarrazins böse Welt

Bundesbanker Thilo Sarrazin: Ex-Senator und bald Ex-Sozialdemokrat?
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Bundesbanker Thilo Sarrazin: Ex-Senator und bald Ex-Sozialdemokrat?

2. Teil: Sprachlich provokativ, aber auch sachlich richtig?


Nun ist nicht alles falsch, was Thilo Sarrazin schreibt. Seine Ablehnung eines leistungslosen Grundeinkommens ist richtig. In der Tat würde damit die Motivation für Menschen, Anerkennung zu finden, gebraucht zu werden, sich beweisen zu können, Aufstieg zu schaffen, völlig untergraben.

Sarrazin wirbt auch zu recht für Ganztagsbetreuung. Doch er benutzt Statistiken, Zitate und Wissenschaft nicht für einen fundierten Diskurs. Alles steht im Dienst der Provokation. Wie Sarrazin dazu kommt, zu unterstellen, dass die Mehrheit der Türken und Araber den deutschen Staat ablehnen, möchte man gerne belegt wissen. Viele von diesen Einwanderern sind Steuerzahler und unterstützen das deutsche Gemeinwesen.

Auch die Behauptung, türkische Einwanderer hätten keinerlei produktive Funktion, lässt sich schon mit dem Hinweis darauf, dass es deutschlandweit etwa 70.000 türkischstämmige Unternehmer gibt, die für ungefähr 330.000 Jobs sorgen, leicht widerlegen.

Nein, das, was Sarrazin schildert, ist nicht unser Land.

Sarrazin, der von sich sagt, er spreche nur unangenehme Wahrheiten aus, vertritt in Wirklichkeit eine falsche inhaltliche Position. Seine Behauptung, nicht Kinder produzieren Armut, sondern Transferempfänger produzieren Kinder, ist schon eine krasse Verkehrung der Umstände in einem Land, in dem die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft. Sarrazins Plädoyer gegen steigende Löhne von Niedrigverdienern und für eine Absenkung von Sozialleistungen, um das sogenannte Lohnabstandsgebot zu untermauern, entspricht der Methode Westerwelle, Geringverdiener und Transferempfänger gegeneinander auszuspielen. Das bleibt neoliberaler Unfug.

Kuriositäten und Geschmacklosigkeiten

Sarrazin versteigt sich zu den Thesen, Fortbildung von Unterschichtsangehörigen lohne sich nicht, und behauptet sogar, das Bildungswesen sortiere unerbittlicher, je chancengerechter die Bildung erfolge. Das ist laienpädagogischer Mumpitz. Eine fortschrittliche Bildungspolitik setzt auf längeres gemeinsames Lernen und die Überwindung von sozialen Ungleichheiten. Sie gibt auch denen Chancen, die nicht aus privilegierter Herkunft kommen.

Sarrazin vergleicht in seinem Bildungskapitel beim Thema Führung, Leistungsforderung, Disziplin und Zuwendung die Bildung von Kindern mit dem Verhältnis zwischen Jäger und Hund oder Reiter und Pferd - und kommt zu der Schlussfolgerung, individuelle Begabungsunterschiede seien wesentlich wichtiger als die Qualität von Schulen.

Sarrazin schreibt:

Der absolute Wahrheitsanspruch, der dem wörtlichen Text der Suren des Koran beigemessen wird, kann je nach Vorverständnis und Textauswahl zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen fuhren. Auch zur Rechtfertigung terroristischer Aktivitäten gibt es genügend passende Suren.

Auch das ist absurd. Die Behauptung, der Islam könne nicht gedacht werden ohne Islamismus und Terrorismus, auch wenn 95 Prozent der Gläubigen friedensliebend seien, ist unverhüllte Hetze.

Daneben finden sich auch andere Kuriositäten und manche Geschmacklosigkeit. So fabuliert Sarrazin über die Tradition der Inzucht in türkischen Clans und deren mögliche Folgen für die Unterschicht der Zugewanderten. Ist es wahr, dass Zugewanderte pauschal integrationsunwillig sind? Nein! 2005 wurden in Deutschland die Integrationskurse eingeführt. Und seither haben über 600.000 Migranten daran teilgenommen.

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Benjamin1965 28.08.2010
1. Nun ja
Zitat von sysopDie Diskussion um Ausländer-Integration fokussiert sich immer häufiger auf die Gruppe der Muslime. Zeigen radikale Thesen eine fatale Wirkung? Nimmt dadurch die generelle Islamfeindlichkeit in Deutschland zu?
Ich glaube eher, dass die Feindlichkeit gegenueber Leuten zunimmt, die sich nicht in dieses Land integrieren wollen. Deutschland braucht keine lebenslangen Sozialleistungsempfaenger, die ungebildet sind und z.B. weder Deutsch noch Englisch lesen udn schreiben oder grundsaetzlich rechnen koennen. Leider wollen sich viele Muslime einfach nicht integrieren. Sie halten die Deutschen sogar fuer Weicheier, weil sie sich das alles so gefallen lassen.
Bert2501 28.08.2010
2. Nein
Die Islamfeindlichkeit nimmt nicht zu, sondern a) das Selbstbewusstsein der Bevölkerung, seine Meinung offen zu sagen, ohne gleich Angst davor zu haben, als Nazi beschimpft zu werden. b) die kritische Haltung jedweder Gruppierung gegenüber, egal ob Religion oder Nation, die unsere Freiheit und Sicherheit, die Säulen unserer demokratischen Grundordnung gefährden und unsere Lebensweise ablehnen. c) das Bewusstsein, dass unser "Reichtum" nur eine Illusion ist. Wir haben Schulden bis über beide Ohren, und somit nichts zu verschenken an Menschen, die unser soziales Netz ausnützen. d) die Dummheit und/oder mangelhafte Bildung und das fehlende Interesse der jungen Generation, etwas daran zu ändern. Das muss man leider jeden Tag aufs Neue feststellen. Das betrifft aber auch, jedoch nicht in so großem Maße wie bei manchen anderen Nationalitäten, die deutsche Jugend.
Moralinsaurer 28.08.2010
3. Sicher nimmt die zu,
man muss sie aber anders interpretieren: Islamfeindlichkeit ist die Feindlichkeit des Islam gegen die europäischen christlichen Gesellschaften.
MonaM 28.08.2010
4. Es kommt darauf an
Zitat von sysopDie Diskussion um Ausländer-Integration fokussiert sich immer häufiger auf die Gruppe der Muslime. Zeigen radikale Thesen eine fatale Wirkung? Nimmt dadurch die generelle Islamfeindlichkeit in Deutschland zu?
Das scheint mir eine ganz natürliche Konsequenz der Tatsache zu sein, dass sich ein Teil der in D lebenden Muslime am deutlichsten von der autochthon-deutschen Mehrheitsbevölkerung unterscheidet, d.h. als eigene Gruppe erkennbar ist und sich auch bewusst abgrenzt (Stichwort: Parallelgesellschaft). Warum wohl gibt es keine Diskussion um die - sagen wir - Vietnamesen- oder Japaner-Integration in D? Nein. Der Vorwurf der generellen Islamfeindlichkeit ist wie jeder Pauschalvorwurf falsch. Liberal und demokratisch orientierte Muslime haben auch im säkularen Europa keine Probleme. Was es gibt ist allerdings ein Grundmisstrauen gegenüber allen Gruppen, die demonstrativ archaische Denk- und Lebensweisen praktizieren und sich offensichtlich nicht in die moderne, westlich-demokratische Gesellschaft, in der sie leben, integrieren wollen. Feindschaft gegenüber einem archaisch-fundamentalistischen Islam, der z.B. die Menschenrechte nicht anerkennt und Frauen benachteiligt, ist legitim.
TC Matic 28.08.2010
5.
Zitat von sysopDie Diskussion um Ausländer-Integration fokussiert sich immer häufiger auf die Gruppe der Muslime. Zeigen radikale Thesen eine fatale Wirkung? Nimmt dadurch die generelle Islamfeindlichkeit in Deutschland zu?
Nur in Deutschland? In ganz Europa bilden sich Fronten gegen eine Religionsgesellschaft, die sich die nichtislamische Gesellschaft (und davon eine nicht unerhebliche Anzahl an Atheisten) durch das massive Vorpreschen des Islam ausbreiten sieht. (Islamisch-)Religiöse "Vorschriften" haben bereits in weiten Bereichen des täglichen Lebens Einzug gehalten (werden vehement von den Islam-Verbänden eingefordert und von den verantwortlichen Politikern vorbehaltlos zugestanden) und beeinträchtigen nicht unerheblich die bisher religionsfreie Lebensführung eines großen Teils der Bevölkerung. Das massiv-auffällige Hineindrängen von Religiosität in die Öffentlichkeit wird als aufdringliche Frömmelei empfunden, die in die privaten Räumlichkeiten oder die entsprechenden religiösen Stätten gehört. In Schulen sind nichtislamische Schüler einem Spießrutenlaufen ausgesetzt ( siehe http://www.zitty.de/magazin-berlin/63190/ und viele andere Quellen). Der Islam wurde von (den) Politikern für unantastbar erklärt, die "restliche" Bevölkerung dazu verdonnert, sich der Etablierung islamischer "Eigenheiten" widerstanslos zu beugen, anderenfalls sie zu rassisten und fremdenfeinde erklärt (kriminalisiert) wird. Die Menschen haben die Nase voll von grundgesetzwidriger Bevorzugung einer bestimmten Personengruppe.
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