Abschied mit leisen Worten Schäubles Unvollendete


Essen - Eine tragische Figur wird Wolfgang Schäuble nicht. Aber sein Werk und seine Visionen als Vorsitzender der CDU bleiben unvollendet. Am Montag nahm der 57-Jährige mit nachdenklichen, fast leisen Worten Abschied von der Parteispitze. Eine Ära war beendet, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Die CDU Deutschlands könne und wolle auf die Mithilfe des einstigen Kanzlersamtschefs, Innenministers und Fraktionsvorsitzenden nicht verzichten, rief der saarländische Ministerpräsident Peter Müller auf dem Essener Parteitag aus. Gut 1000 Delegierte spendeten artig Beifall - mehr nicht.

In Schäuble scheint in den vergangenen Monaten während des Spendenskandals mehr zerbrochen zu sein als nur Freundschaften. Seine als Rechenschaftsbericht bezeichnete Abschiedsrede las er nahezu Wort für Wort vom Blatt und fast emotionslos ab. Als sich die Delegierten anschließend erhoben und drei Minuten lang applaudierten, war in Schäubles Gesicht kaum eine Regung zu erkennen. Tränen, wie sie seinem Vorgänger Helmut Kohl bei solchen Anlässen leicht über die Wangen liefen, waren nicht zu sehen.

In seiner Rede kam Kohl mit keinem Wort vor, und auch beim vorausgegangenen Presseabend wurde die Erwähnung des Mannes, der die CDU 25 Jahre lang führte, tunlichst vermieden. Fast verächtlich sagte Schäuble, dass Gesetze für alle zu gelten hätten. "Die Zeit der Hinterzimmer und der Strippenzieher geht zu Ende", formulierte er fast genüsslich.

Wie viel Tragik kann ein Mann ertragen? Seine körperliche Behinderung, Folge eines Attentats vor zehn Jahren, hat Schäuble als Schicksalsschlag akzeptiert. Sie hat seine politische Kraft nie gemindert - im Gegenteil. An Kohls Wahlsiegen der letzten zwei Jahrzehnte hatte er maßgeblichen Anteil, und für nahezu alle in der CDU war er Kohls natürlicher Nachfolger. Das Wort "Kronprinz" und was damit gemeint war, konnte Schäuble nie ertragen. Vor allem zu jenem Zeitpunkt nicht, als ihn Kohl auf dem Leipziger Parteitag 1997 ohne Absprache zum Nachfolger "krönte".

Schäuble trat am Montag ins Glied zurück. Nahezu alle Redner beschworenen den einstigen "Zuchtmeister" der Fraktion, weiter zu machen. "Ein Stück weit" - so eine der Lieblingsformulierungen Schäubles - wird er nun im Parteipräsidium am Neuanfang der CDU mitwirken. Doch von ihm kam lediglich das Signal, so wolle er auch seinen Rücktritt verstanden wissen. Die Führung übernehmen andere unter Leitung von Angela Merkel. Sie war für Schäuble nie - wie für Kohl - "sein Mädchen". Schäuble hat Merkel zur Hoffnungsträgerin werden lassen. Das war nach Überzeugung vieler Delegierter sein letztes, großes Verdienst.

Gerd Reuter



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.