Abschottung von Migranten Kültürsüz in Berlin-Neukölln

Rückzugsorte vor der Germanisierung und ein bisschen Heimat in der Fremde: In Kulturvereinen bleiben türkische und kurdische Einwanderer meist unter sich. Eine neue Studie warnt vor der Abschottung durch die ethnischen Clubs. SPIEGEL ONLINE hat in Berlin hinter die Kulissen geschaut.

Berlin – Blickdichte Vorhänge verdecken die Schaufenster in der Friedelstraße. Über dem Eingang hängen zwei verschmutzte Leuchttafeln mit der Aufschrift "Europa" und "Bistro". Relikte von Vorpächtern. Von innen ist ein vergilbtes Papier an das Fenster geklebt, darauf steht "Kulturverein". Neukölln, bekannt für seine hohe Migrantendichte, ist voll von solchen Etablissements. Oft findet man in ihnen nicht wirklich, was ihr Name verspricht.

In der selbsternannten Kulturstätte trinken drei Männer Tee und starren auf einen überdimensional großen Fernseher. Es laufen gerade Nachrichten auf EuroD, einem türkischen Sender aus Deutschland. Im kleinen Hinterzimmer starrt ein Mann allein vor sich hin. Eine Flasche Bier steht vor ihm auf dem Tisch. Hinter dem Holztresen im Vereinsraum steht ein kleingewachsener grauhaariger Wirt, der offiziell keiner ist. Er ist der Vereinschef. An der Wand neben ihm hängt ein Schild mit der Aufschrift "Privat".

In deutschen Großstädten etablieren sich immer mehr ethnische "Kulturvereine", deren Kulturverständnis so undurchsichtig ist wie die Schaufenster ihrer Lokale. In der Regel handelt es sich dabei um Kaffeehäuser ("Kahvehane") nach orientalischem Vorbild. Orte, an denen sich Männer treffen, um unter sich zu sein, etwas zu trinken und zu pokern. Es sind Lebensräume, in denen Frauen ausgeschlossen werden, genauso wie Deutsche.

Der Hamburger Soziologe Ismail Ermagan sieht in den als Kulturvereine getarnten Kaffeehäusern eine Tendenz zur Abschottung, zum Rückzug und zur Desintegration. Es sei zu beobachten, dass viele solcher "ethnischen Vereine von Türken oder Kurden existieren, die sich in der neuen Heimat Deutschland immer noch auf ihr altes Heimatland fixieren", so Ermagan. "Das ist keinesfalls gut für sie."

Ermagan hat eine Studie zu "Segregationsneigungen von Türken" verfasst. Segregation, das ist das Gegenteil von Integration. Sein Fazit: Die türkischen Migranten in Deutschland sind nicht homogen. Die einen sind sehr gut integriert, die anderen gar nicht. "Integration hat zwei Seiten. Sie funktioniert nur, wenn keine Seite sich von der anderen abschottet." Kaffeehäuser alias Kulturvereine seien jedoch "leider mikroethnisch", also keineswegs offen.

Der Chef hinter der Bar im Kulturverein Friedelstraße widerspricht: "Bei uns darf jeder rein, natürlich auch Frauen und Ausländer." Mit Ausländern meint er Deutsche. Und alle anderen Nichttürken. Die anwesenden Mitglieder in seinem Laden stammen alle aus der Türkei. Sein Kulturverein sei nun mal für Leute aus Adana, einer Stadt im Osten der Türkei. "Ich dachte Antakya", sagt einer, der bei ihm am Tresen steht.

Angst vor kultureller Anpassung

Warum eigentlich Kultur? Der Wirt zuckt die Achseln. Ein grauhaariger Teetrinker mischt sich ein: "Was wir hier machen, das ist Teil unserer Kultur", sagt er. "Wir sitzen zusammen und unterhalten uns." Hinter ihm flackern die bunten Lichter eines Glückspielautomaten.

Die Freizeitstätten der ehemaligen Gastarbeiter lassen laut Ismail Ermagan "Rückschlüsse auf ihre kulturelle Zerrissenheit" zu: Aus Angst vor der "Germanisierung" ziehen sie sich in ihre türkische oder kurdische Gemeinde zurück. Dort fänden sie eine "ethnisch ausgerichtete Infrastruktur", in der sich die Einwanderer wohl fühlen: türkische Ärzte, Gemüsehändler, Friseure und Männer-Vereine.

Die Hälfte der Türken habe laut Ismail Ermagans Studie Angst davor, "langsam deutsch zu werden". Um die türkische Alltagskultur zu bewahren, grenze sich ein Viertel der Türken von der deutschen Gesellschaft ab.

"Kulturlose sollen draußen bleiben"

Zwei U-Bahn-Stationen weiter in der Morusstraße zuckt auch der Chef im "Fan Sport und Kultur e.V." mit den Schultern. Kultur? "Das nennt man halt so. Alle nennen ihre Läden so", sagt der 45-jährige Anatolier, dessen Name ungenannt bleiben soll. Unter den etwa 25 Anwesenden in seinem Verein seien auch "Jugoslawen" und Araber. Alles Männer. Sie rauchen und spielen Karten. Die Schaufenster sind teilweise mit gelber Folie zugeklebt. Draußen an der Tür steht ein Schild: "Nur für Mitglieder".

Ein Türke sagt: "Das heißt Kulturladen, weil hier nur Leute mit Kultur rein dürfen". Die "ohne Kultur" sollen draußen bleiben. "Kültürsüz", kulturlos, ist im Türkischen ein Synonym für ungebildet. Sind Frauen dann kulturlos, weil hier keine sind? Der Vereinschef widerspricht: "Unsere Frauen wollen nicht kommen, weil hier nur Männer sind."

Wieder gibt der selbsternannte Kulturexperte vom Nebentisch eine andere These zum Besten: "Wir trinken Alkohol, deshalb haben Frauen hier nichts zu suchen." Es sei eine "Kulturlosigkeit", vor Frauen zu trinken. Der Mann mittleren Alters hat ein Bier vor sich stehen.

Für die Getränke braucht der Ethnoclub übrigens keine Ausschanklizenz. Es ist ja schließlich kein Bar. Alkohol kaufen dürfen hier nur Vereinsmitglieder. Dafür zahlen sie bei "Fan Sport und Kultur" einen monatlichen Beitrag. Danach steht ihnen so viel "Kultur" zur Verfügung, wie sie wollen: Sie können ein- und ausgehen, zocken bei Glückspielen und gemeinsam türkische Fußballspiele ansehen.

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