Abwahlverfahren gegen Duisburgs OB Er geht nicht

Erstmals könnten Bürger in Nordrhein-Westfalen ihr Stadtoberhaupt abwählen: Knapp 80.000 Duisburger wollen den umstrittenen Oberbürgermeister Adolf Sauerland absetzen. Doch der CDU-Mann will seinen Posten einfach nicht räumen.

Von , Duisburg


Es gibt diese Szene am Montagnachmittag im Rathaus, die einiges aussagt über die Stimmung in Duisburg. Gleich soll der Bürgermeister Adolf Sauerland vor das Dutzend Kameras treten, weshalb sich unter den versammelten Journalisten und Wutbürgern allmählich Unruhe verbreitet: Tut er es oder tut er es nicht? Wird der CDU-Mann mehr als ein Jahr nach der Love-Parade-Katastrophe endlich seinen Rücktritt erklären? Doch die beiden Beamten im Flur winken routiniert ab: "Keine Panik, Leute, es gibt gleich dieselben Phrasen zu hören wie sonst auch."

Duisburg schwankt weiter zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen Aufbruchstimmung und Beharrungsvermögen, zwischen gestern und morgen. Und das liegt vor allem an Adolf Sauerland.

Dabei gibt es wohl keinen Amtsträger in Deutschland, der jemals von Spitzenpolitik und Fußvolk zugleich derart unter Druck gesetzt worden ist wie er. Sogar Bundespräsident Christian Wulff empfahl seinem Parteifreund abzutreten. Bei einem Kulturereignis im vergangenen Jahr ließen sich weder Wulff noch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft mit Sauerland fotografieren. Der Oberbürgermeister der 500.000-Einwohner-Stadt stand da wie ein Aussätziger.

Doch er blieb.

Nun allerdings ist etwas geschehen, was selbst im Duisburger Rathaus lange Zeit kaum jemand für möglich gehalten hat: Mehr als 79.000 Bürger fordern inzwischen öffentlich und organisiert den Rücktritt des CDU-Mannes, den im Jahr 2009 gerade einmal 74.179 Menschen gewählt hatten.

In 17 Wochen haben die Aktivisten der Bürgerinitiative "Neuanfang für Duisburg" die dazu notwendigen Unterschriften gesammelt. Und weil zuvor die Gemeindeordnung geändert worden war, könnte nun das erste Stadtoberhaupt in NRW tatsächlich abgewählt werden.

Sie wollen der Stadt ihre Würde zurückgeben

Seine Kritiker nämlich machen Sauerland für die Genehmigung der Techno-Party verantwortlich, bei der 21 Menschen gestorben und Hunderte verletzt worden waren. Der Duisburger Bürgermeister habe die "Würde seines Amtes aufs Gröbste verletzt und die Aufarbeitung des Unglücks in verantwortungsloser Weise versäumt", so der Sprecher der Wutbürger, Werner Hüsken. Und sein Kollege Theo Steegmann sagt: "Wir haben jetzt angefangen, der Stadt ihre politische Würde zurückzugeben."

Die Männer, beide sind groß und kräftig, klingen sehr aufgeregt, ihre Stimmen überschlagen sich. Sauerland indes absolviert den medialen Spießrutenlauf am Montagnachmittag mit der Routine eines Mannes, der Schlimmstes gewöhnt ist. "Ich respektiere als Demokrat das Verfahren", sagt er, "und werde meine Arbeit fortsetzen, bis es ein Votum gibt."

Die letzten Worte gehen fast unter, in dem plötzlich einsetzenden Konzert aus Buhrufen, Pfiffen und Gebrüll, das nun durch den Rathausflur schallt. "Dieser Mann hat kein Gewissen", empört sich eine Mittvierzigerin: "Ich bin so sauer." Sauerland zieht regungslos wieder ab.

Sauerland entschuldigt sich - und bleibt

Im August 2010, drei Wochen nach der Katastrophe, hatte der Christdemokrat dem SPIEGEL gesagt: "Das ganze tragische Unglück tut mir so unendlich leid. Es ist für mich bis heute unfassbar." Ein Jahr später erklärte er im WDR: "Die Übernahme moralischer Verantwortung, sich bei den Angehörigen der Opfer zu entschuldigen", das hätte von ihm kommen müssen. Es tue ihm unendlich leid. Und im Juli 2011 barmte er wieder vor Journalisten: Entschuldigung! Nur von Rücktritt sprach Adolf Sauerland bei diesen Gelegenheiten nie.

Im Gegensatz zu Werner Hüsken. Es war zwei Tage nach der Love-Parade-Katastrophe im Juli 2010, dass der Krankenpfleger mit einem Tischchen und ein paar Zetteln in die Duisburger Innenstadt zog. Stundenlang hatte er am Abend der Massenparty um das Leben seines jüngsten Sohnes gebangt. Der war schließlich zwar unverletzt nach Hause gekommen, doch die Entscheidung des Vaters stand da bereits fest: Sauerland muss weg.

Bei manchen Unterschriften fehlen Angaben

Er sei kein notorischer Leserbriefschreiber, kein Querulant oder Besserwisser, sagte Hüsken vor einiger Zeit SPIEGEL ONLINE. In bester Ruhrpott-Tradition verstehe er sich als "Macher", als Malocher im Weinberg der sozialen Gerechtigkeit, dessen Credo lautet: "Ich pack dat an." Aufzugeben sei für ihn nie in Frage gekommen, betont er - und genießt am Montag deutlich die allgemeine Aufmerksamkeit, mit der er für seine Beharrlichkeit belohnt wird.

Mit großer Geste übergeben Hüsken und seine Mitstreiter am Nachmittag die Unterschriftenlisten dem Rat der Stadt. Die Signaturen sollen nun öffentlich ausgezählt und in den folgenden Wochen auf ihre Gültigkeit überprüft werden. Dafür verlangt die Verwaltung unter anderem die vollständige Adresse der Unterzeichner mit Hausnummer - offenbar aber fehlt bei einem Teil der Einträge diese Angabe.

Am 12. Dezember wird der Rat das Ergebnis der Auszählung offiziell verkünden. Bei mindestens 55.000 gültigen Stimmen müsste dann innerhalb von drei Monaten das Abwahlverfahren erfolgen. Votierten daraufhin mindestens 92.000 Duisburger gegen Adolf Sauerland, müsste er endgültig gehen.

Seine Gegner jedenfalls sind optimistisch: "Diese Stimmen kriegen wir auch noch", sagt Steegmann. "Wir freuen uns darauf."



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Seite 1
NormanR, 17.10.2011
1. man kann es nicht mehr nachvollziehen
was in diesem Manne vor sich geht!!! Kann der überhaupt noch schlafen nachts, wenn ihn keiner mehr haben will? kann man so wenig Ehrgefühl haben?
adam68161 17.10.2011
2. noch ein kleiner Schritt zu Lynchjustiz fehlt,
und dann haben wir das gesunde Volksempfinden zufrieden gestellt. Bye bye Rechtsstaat!
fleischwurstfachvorleger 17.10.2011
3. Jeder Tag den er im Amt aushält
Zitat von sysopErstmals könnten Bürger in*Nordrhein-Westfalen ihr Stadtoberhaupt abwählen:*Knapp*80.000 Duisburger wollen den umstrittenen Oberbürgermeister Adolf Sauerland absetzen.*Doch der CDU-Mann will seinen Posten einfach*nicht*räumen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,792291,00.html
bringt ihn seiner Pension etwas näher. Der Mann ist eiskalt und berechnend. Eigentlich ist er davon ausgegangen, dass der Sturm sich irgendwann legen wird. Pech gehabt. Tja über ein Jahr hat er doch schon durchgehalten, der macht weiter bis zum letzten Tag.
beobachter1960 17.10.2011
4. .
Zitat von NormanRwas in diesem Manne vor sich geht!!! Kann der überhaupt noch schlafen nachts, wenn ihn keiner mehr haben will? kann man so wenig Ehrgefühl haben?
Sie kennen die persönlichen Konsequenzen für diesen Mann und seine Familie wenn er sein Amt aufgibt? Ich glaube kaum das der "ehrliche Malocher" die gleichen Konsequenzen für seine Familie fordern würde wenn in seiner Arbeit eine ähnliche Katastrophe passieren würde.
vonnixneahnung 17.10.2011
5. Wahnsinn...
Wahnsinn. wie machtgeil is der typ überhaupt. jeden halbwegs anständige mensch, wäre damals zurückgetreten, als dieses desaster passiert ist. aber nein der typ bleibt in seinem amt. es geht hier nicht mal darum ob er schuld am ganzen war oder nicht. aber ich an seiner stelle hätte damit nicht leben können, das unter meiner amtszeit sowas passiert. und soweit ich weiß, wollte er ja unbedingt das die love parade stattfindet. echt schlimm. naja mappus nr. 2 is das für mich.
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