Großdemo gegen Corona-Schutz Ach so, ja, Nazis sind auch da

Mehrere Zehntausend Menschen demonstrieren in Berlin gegen Corona-Schutz, Maskenpflicht und die Regierung. Die Allianz aus Unbedarftheit, Esoterik und organisiertem Rechtsextremismus festigt sich.
Foto: CHRISTIAN MANG / REUTERS

Vor dem Reichstagsgebäude steht ein Mann auf einer kleinen Bühne. Er zeigt auf das Gebäude, in dem der deutsche Bundestag seinen Sitz hat, und sagt, dass alle darin "über Jahrzehnte versagt haben und Verrat geübt haben". Er sehe, sagt er weiter, "viele Fahnen meines Vaterlandes hier wehen", sagt er - die schwarz-weiß-roten Fahnen des Kaiserreichs: "Weil das Deutsche Reich eben für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt stand."

Er hebt den Zeigefinger: "Der Spruch ist wahr: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!" In der Welt, auch in Afrika, habe man so viel Gutes getan. "Infrastruktur, Bildung, Wohlstand, was auch immer", sagt er über die Kolonialzeit. Über den Völkermord an den Herero oder den an den Nama sagt er nichts. In der Kolonialzeit hätte Afrika geblüht - und es hätten "keine Massen hierherfliehen" müssen. Da klatschen viele, mehrere brüllen "Jawoll!". 

Eine Frau sitzt währenddessen nicht weit von ihm auf einer Absperrung. Sie ist mit Bollerwagen gekommen, darin sind Wasserflaschen und Schilder, auf denen es ums Impfen geht. Sie dreht sich zu einem Paar, das neben ihr steht: "Das ist mir alles ein bisschen zu viel Deutschland". Dafür sei sie ja nicht hergekommen.

Doch sie bleibt sitzen - und klatscht am Ende auch wieder mit.

Mehrere Zehntausend Menschen kamen am Samstag in Berlins Mitte zusammen, um gegen Corona-Schutzmaßnahmen zu demonstrieren, vor allem gegen Mund-Nasen-Masken, vor allem aber auch einfach gegen die Regierung. Wieder verstießen die Demonstranten permanent gegen Auflagen. Wieder blieben sie auf der Straße. Wieder demonstrierten Menschen mit Regenbogenflaggen neben solchen in T-Shirts mit rechtsextremen Motiven.

Mit dieser Veranstaltung verfestigt sich die Allianz der Corona-Leugner, in der der organisierte Rechtsextremismus nicht die Kontrolle hat, aber zu der er jetzt ganz selbstverständlich gehört.

Verbot vor Gericht aufgehoben

Bis in die Nacht vorher war überhaupt nicht klar, ob es eine Demonstration geben würde - oder wenn doch, dann unter welchen Umständen. Berlin hatte unter der Woche den Aufmarsch verboten. Schon am 1. August, bei der letzten solchen Veranstaltung, war flächendeckend gegen Hygieneauflagen verstoßen worden. Das sei wieder zu erwarten.

Doch während Unterstützer die Berliner Polizei mit Demonstrations-Anmeldungen fluteten, gingen die Organisatoren gerichtlich dagegen vor und bekamen vor dem Berliner Verwaltungsgericht recht. Das Oberverwaltungsgericht entschied dann in der Nacht, dass es dabei bleibt.

So versammeln sich Menschen am Vormittag und Mittag in Berlin-Mitte. Ein Teil an der Siegessäule, dem Ort der Kundgebung am Nachmittag, und im Tiergarten, dem umgebenden Park, ein Teil auf der Straße des 17. Juni und vor dem Brandenburger Tor, wo von einem Lautsprecherwagen Musik von Xavier Naidoo erklingt. Dann weiter die Prachtstraße Unter den Linden entlang bis zum Bahnhof Friedrichstraße, wo der Demonstrationszug bis zur Kundgebung offiziell starten sollte.

Karoline Preisler, FDP-Politikerin aus Mecklenburg-Vorpommern, steht am Vormittag auf dem Pariser Platz nicht weit vom Brandenburger Tor. In der Hand hält sie eine Packung mit einfachen OP-Masken, und sie trägt ein Schild: "Ich hatte Covid-19 und mache mir Sorgen um Euch." Darauf sind rote Herzchen gemalt. Vielleicht, sagt sie, könne sie ja einen Menschen erreichen.

Immer wieder gehen Menschen auf sie zu, suchen das Gespräch. Mal bezweifeln sie, dass Deutschland eine Demokratie sei. Mal treibt sie aber auch ganz anderes um. Ob die Masken aus Plastik seien, fragt eine Frau aufgebracht? "Plastik dünstet aus!", ruft sie. "Man kann seinen Kindern doch keine Plastikmasken aufsetzen."

"Ohne Liebe geht es nicht"

Ursula, 48

Nicht weit davon hält eine Gruppe Frauen Luftballons in Herzform in der Hand. Ursula ist eine von ihnen, sie will nur ihren Vornamen nennen. Die 48-Jährige ist extra aus Baden-Württemberg angereist. Sie sagt, sie demonstriere gegen die Corona-Maßnahmen, eine Corona-Leugnerin will sie nicht sein. "Das Virus ist eine Gefahr", sagt sie. Und die Ballons? "Ohne Liebe geht es nicht", sagt sie. Liebe, ein Wort, das immer wieder fällt.

Nicht weit davon kann man aber hören, wie ein Mann drei anderen einen Vortrag hält über die Notwendigkeit des Widerstands, dass der im Grundgesetz vorgesehen sei, dass es Leute gebe, die bewaffneten Widerstand vorbereiten. Wie sie den Vortrag fanden? Nein, sie möchten nichts sagen.

Es ist die gleiche kühne Mischung, die schon zuletzt auf die Straße ging: Friedensaktivisten, Impfgegner, Verschwörungstheoretiker, etwa von Q-Anon, Rechtsextreme, und viele, die nicht auf den ersten Blick zuzuordnen sind. Ein Österreicher etwa, der sagt, er sei extra neun Stunden gefahren, und er wolle nicht, dass Angela Merkels Regierung wieder so strenge Maßnahmen durchführe.

Berlins Innensenator sprach von bis zu 38.000 Teilnehmern

Nur dass diesmal noch mehr gekommen sind als Anfang August. Die Erwartungen der Veranstalter seien übertroffen worden, teilt die Polizei am Abend mit. Dabei hatten die schon 22.000 Menschen angemeldet. Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) sprach von bis zu 38.000 Teilnehmern. Das wären etwa doppelt so viele wie Anfang August. Immer noch ein kleiner Teil der Bevölkerung, die in Umfragen in überwältigender Mehrheit die Politik der Regierung unterstützt. Aber doch eine beachtliche Gruppe - vor allem in dieser Zusammensetzung.

Häufig zu sehen sind Fahnen von Deutschland, Schweden, das wegen seiner etwas milderen Einschränkungen von Corona-Leugnern idealisiert wird, den USA, meist mit Verweis auf Donald Trump, und von Russland. Dazu kommen einige Flaggen mit der Friedenstaube, etliche Regenbogenflaggen, auffallend viele schwarz-weiß-rote Flaggen des deutschen Kaiserreichs und einige rot-gelb-schwarze Wirmer-Flaggen, die vor allem durch Pegida ein Zeichen radikal rechter Gruppen wurden.

Zahlreiche radikal rechte und rechtsextreme Gruppen hatten mobilisiert und zur Demonstration aufgerufen. Darunter die Partei Der 3. Weg, die NPD, Björn Höcke und andere Vertreter der AfD und Martin Sellner von der Identitären Bewegung.

Man kann die organisierte radikale Rechte nicht übersehen

Man kann die organisierte radikale Rechte hier nicht übersehen. Man würde der Wirklichkeit zwar nicht gerecht, beschriebe man diese Veranstaltung als durch und durch rechtsextrem. Man würde der Wirklichkeit aber auch nicht gerecht, beschriebe man nicht, dass die Massen durchsetzt waren mit Menschen, die mit ihren Flaggen, T-Shirts und Tattoos offensichtlich als Rechtsextreme zu erkennen waren.

Auf die Frage, ob er nicht glaube, dass hier viele seien, die es mit der Freiheit nicht so haben, antwortet ein Mann, doch, da wollten sicher einige nur Freiheit für ihre eigene Gruppe. Es scheint ihn nicht sonderlich umzutreiben, er muss jetzt auch weiter, dem Demonstrationszug folgen. Man könnte die Haltung so zusammenfassen: Ach so, ja, Nazis sind auch da.

All diese Menschen haben sich nun ein zweites Mal als gemeinsame Bewegung empfunden, diese Art des Bündnisses wird selbstverständlicher, damit auch die Gegenwart der organisierten radikalen Rechten, die unter allen Gruppen als einzige eine klare Vorstellung davon haben dürfte, was sie gern an die Stelle des aktuellen Systems setzen würde. Während ihre Vertreter üblicherweise mit einem großen Aufmarsch an Gegendemonstranten rechnen müssen, sind sie hier gut sichtbar in der Menge geschützt, die Gegenproteste sind weit weg.

Wenn die Polizei die Hygieneregeln durchsagt, pfeifen die Demonstranten

An der Friedrichstraße etwa haben sich auch Gegendemonstranten positioniert. "Ihr marschiert mit Nazis und Faschisten", rufen sie. Doch sie sind deutlich in der Unterzahl. 

Der Eindruck bleibt: So entspannt und selbstverständlich stehen offenkundige Rechtsextreme und Polizisten selten auf Demonstrationen in Sichtweite voneinander.

Die Polizei lässt die Demonstranten den Tag über ohnehin weitgehend gewähren, obwohl Hygieneregeln kaum einer ernst nimmt. Fast niemand trägt eine Maske, die zunächst auch nicht vorgeschrieben ist. Ein Mann hat sich ein Netz über Mund und Nase gehängt. Ein 50-Euro-Schein bedeckt seinen Mund. "Das ist das Bußgeld", brüllt er. Wenn die Polizei die Hygieneregeln durchsagt, pfeifen die Demonstranten. Abstand hält man auch kaum - obwohl zumindest das eine Auflage ist.

Kurz nach Mittag reicht es der Polizei und sie verkündet neue Auflagen für den Demonstrationszug vom Bahnhof Friedrichstraße aus - unter anderem eine Maskenpflicht. Dann löst sie offiziell den Zug auf. Es dauert allerdings noch Stunden, bis die Teilnehmer das Gebiet verlassen. Die Polizei lässt sie überwiegend gewähren. Einige Demonstranten zieht sie heraus, es habe Flaschenwürfe gegeben, teilt sie später mit.

Für die Kundgebung am Großen Stern am Nachmittag gilt die Maskenpflicht nicht. Nur auf Abstände haben die Organisatoren zu achten. Sie verkünden das in vielen Sprachen von der Bühne, Ordner geben Anweisungen auf dem Platz um die Siegessäule, Polizisten streifen durch die Reihen und bitten nett auseinanderzurücken, ohne damit große Wirkungen zu erzielen. In Teilen um die Siegessäule stehen, sitzen und liegen die Menschen dicht gedrängt. Trotzdem sagte Berlins Innensenator Geisel am Abend in einem Statement, das sei vom Veranstalter durchgesetzt worden.

Sosehr die Polizei erkennbar bemüht war, eine Eskalation zu vermeiden - am Abend kam es doch noch dazu. Vor der russischen Botschaft, den ganzen Tag über Anziehungspunkt für Reichsbürger und andere Rechtsextreme, sollen sich laut Innensenator Geisel 2000 bis 3000 Rechtsradikale versammelt haben. Die Polizei habe nach Ausschreitungen 200 von ihnen festgenommen - darunter auch den bekannten Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann. Videos zeigen, wie die Menge dabei "Putin, Putin!" ruft.

Und kurz vor 20 Uhr eskaliert die Lage noch einmal vor dem Reichstag, wo am Mittag noch die Frau mit den Wasserflaschen einem Kolonialismusverherrlicher zugehört hatte. Eine Gruppe von Menschen stürmt auf das Gebäude zu, wie Videos zeigen. Bis zur Treppe seien sie gekommen, teilte die Polizei mit. Kurz darauf werden die Demonstranten vom Gelände gedrängt. Dabei rufen einige: "Volksverräter."

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