Adoptionsrecht für Homosexuelle Von Kindeswohl und schwuler Alterssicherung

Die rot-grüne Koalition möchte schwulen und lesbischen Paaren Adoptionsrechte einräumen. Die Konservativen legten erwartungsgemäß Protest ein. Doch auch mancher Homosexueller hält nicht viel vom Vorhaben der Regierung.
Von Karin Geil

Berlin - Er hat lange mit einem Schwulenvertreter darüber diskutiert und kann die Euphorie über das neue Gesetz zur Stiefkindadoption nicht nachvollziehen: Michael Link, Lebensgefährte von Volksmusiker Patrick Lindner, hält nicht viel vom neuesten Vorhaben der Bundesregierung. Beide umsorgen sie Sohn Daniel, adoptiert hatte ihn jedoch Lindner allein - egal, ob homo- oder heterosexuell, als Einzelperson darf man heute schon Kinder adoptieren. Schwulen und Lesben soll nun jedoch unter bestimmten Umständen ein gemeinsames Adoptionsrecht gewährt werden können. Das klingt modern und tolerant, doch Link hält "das Vorhaben für schlichtweg unpraktikabel und zu kurz gedacht".

Die neue Initiative der Koalition sorgt jetzt schon für heftige Auseinandersetzungen - nicht nur bei den Homosexuellen selbst. Ursprung ist der letzte Woche präsentierte Gesetzesentwurf, der den homosexuellen Paaren in Deutschland neue Rechte zuspricht. Neben weitergehenden Maßnahmen bei Güter- und Unterhaltsrecht, Hinterbliebenenversorgung und Scheidungsvoraussetzungen gewährt der "Entwurf zur Überarbeitung des Lebenspartnerschaftsrechts" den Homosexuellen erstmals auch die so genannte Stiefkindadoption.

Bringt einer der Partner aus einer früheren Beziehung ein leibliches Kind mit in die neue Lebenspartnerschaft oder wird dieses Kind innerhalb dieser neuen Beziehung geboren, so soll der andere Partner das Recht bekommen, dieses "Stiefkind" adoptieren zu können - bei Zustimmung des zweiten leiblichen Elternteils. Die gleichberechtigte Adoption fremder Kinder ist hierbei nicht vorgesehen.

Grüne Minderheit

Link hält nicht viel von diesem Gesetzesprojekt. "Man hat hier auf der halben Strecke aufgehört zu denken. Nicht für Schwule oder Lesben sollte man Gesetze machen, sondern für den Menschen an sich", erklärte er gegenüber SPIEGEL ONLINE. Der Lindner-Lebensgefährte glaubt, es gehe hier nur um die "egoistische Befriedigung der Erwachsenen".

Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) hält dagegen - und ist voll des Lobes für ihre eigene Gesetzesinitiative. Mit diesem Entwurf sei die Bundesregierung bei der Gleichberechtigung unterschiedlicher Lebensentwürfe und verschiedener sexueller Orientierung ein gutes Stück vorangekommen, meinte sie in ihrer Rede anlässlich der ersten Lesung am vergangenen Freitag.

Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, fragte: "Worin besteht denn das Wohl des Kindes, das bei Papi und Papi oder Mami und Mami aufwächst, wenn diese rechtlich nichts miteinander zu tun haben?" Beide machten deutlich, dass es "langfristig" die vollkommene Gleichstellung von homo- und heterosexuellen Paaren im Adoptionsrecht geben soll. Doch man müsse Schritt für Schritt gehen, so Beck, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt. Die Gesellschaft sei noch nicht so weit.

Dies trifft wohl nicht nur auf die Gesellschaft zu, sondern auch auf Mitglieder der Regierung. Antje Vollmer, grüne Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, ließ schon in einem Beitrag für den "Tagesspiegel" Ende Mai an ihren Vorbehalten keinen Zweifel. Sie sei entschieden für die Zurückhaltung des Gesetzgebers in dieser Frage. "Kinder wollen einen Vater und eine Mutter." Außerdem fehle "der alltägliche Leidensdruck für diese Gesetzgebung". Im Bundestag konkretisierte die Theologin dann ihren Einwand und fragte, ob man denn angesichts der wenigen zu erwartenden Fälle überhaupt ein Gesetz brauche. Zypries konterte: "Auch die Diskriminierung Einzelner muss man bekämpfen."

CDU und CSU halten vom Vorstoß der Justizministerin überhaupt nichts. Sollte die Regierung das Gesetz beschließen, werde die Union Verfassungsbeschwerde einlegen, warnte der rechtpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Norbert Röttgen. So wie CSU-Chef Edmund Stoiber sprach auch er sich entschieden gegen ein solches Vorhaben aus. Im Gegensatz zur "homosexuellen Erwachsenengemeinschaft ist die Ausweitung auf Kinder der entscheidende Schritt zu viel". Auch Röttgen mahnte wie Vollmer: "Kinder brauchen für ihre Persönlichkeitsentwicklung die Erfahrung des Zusammenlebens mit beiden Geschlechtern."

"Raffinierte Nachwuchssicherung"

Dieses Argument wird oft vorgebracht und ist deswegen nicht weniger heiß umstritten. Studien aus den USA, Großbritannien, Holland oder Belgien kommen jedoch zu dem Schluss, dass sich die Kinder homosexueller Paare kaum von denen heterosexueller Eltern unterscheiden. Sie seien genauso intelligent, emotional und körperlich fit und übernähmen auch die gleichen Rollenmuster. Der Familienforscher Wassilios Fthenakis, Leiter des bayrischen Instituts für Frühpädagogik und Familienforschung, kommt sogar zu dem Schluss: "Die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften sind flexibler, partnerschaftlicher, demokratischer." Als Eltern schneiden homosexuelle Paare diesen Untersuchungen zufolge in mancherlei Hinsicht also besser ab als heterosexuelle.

Doch so wie die Parteien ist auch die Wissenschaft beim Thema Stiefkindadoption gespalten. Für Gerhard Amendt, Professor emeritus am Institut für Geschlechter und Generationenforschung an der Universität Bremen, geht es hierbei lediglich um "eigennützige und verquere Wünsche von homosexuellen Frauen", die damit ihrer "offenkundigen Feindlichkeit gegen das Männliche - nicht unbedingt den einzelnen Mann - einen handfesten Ausdruck verleihen". Für die gesamte Gesellschaft würde damit nichts Sinnvolles geleistet werden. Von anderen Kommentatoren ist zu lesen, dies sei eine "besonders raffinierte Form der Nachwuchssicherung" ("FAZ"). Nicht das Kindeswohl, sondern das Wohl des homosexuellen Stiefelternteils werde hier berücksichtigt.

Axel Hochrein, stellvertretender Bundesvorsitzender der Lesben und Schwulen in der Union (LSU), mahnt nun eine sachliche Diskussion an. Das Adoptionsrecht sei kein Selbstbedienungsladen, denn hier gehe es um die Rechte Dritter, der Kinder. Und dennoch: "Dieses Gesetz muss kommen." Trotz des massiven Drucks von Kirchenvertretern sei die Union in einen Wandel begriffen und würde sich bewegen. "Wir, die LSU, hätten es aber gerne, wenn sie sich schneller bewegt."

Wandel der bürgerlichen Front?

Der Hamburger Senat und sein schwuler Bürgermeister Ole von Beust (CDU) geht da mit großen Schritten voran: In einer neuen Gesetzesinitiative strebt er die steuerliche Gleichberechtigung homosexueller Lebenspartnerschaften an - wenn diese denn mindestens fünf Jahre bestehen.

Auch die FDP, langjähriger Koalitionspartner der Union auf Bundesebene, bewegt sich schneller als die Union und auch als die rot-grüne Regierung selbst. Kernpunkt eines neuen Gesetzesentwurfs der liberalen Fraktion im Bundestag ist das, was Zypries und Beck erst "langfristig" planen: das komplette Adoptionsrecht für homosexuelle Paare und in dieser Hinsicht die Gleichberechtigung mit Heterosexuellen.

"Bei der derzeitigen Diskussion plädiere ich auf Abrüstung", meint Jörg van Essen, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion. Er habe bei diesem Regierungsentwurf grundsätzlich keine Bedenken und lasse sich durch die Position der CDU/CSU weder entmutigen noch beeinflussen sagt der liberale Abgeordnete.

Der Union werde es nicht gelingen, die Bevölkerung gegen ein solches Vorhaben zu mobilisieren. Denn im Grunde seien die CDU- und CSU-Wähler "schon sehr viel weiter als ihre Abgeordneten".

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