Ägyptischer Präsident Sisi in Berlin Die Krise in Person

Ägyptens Präsident Abdel Fattah el-Sisi wollte bei seinem Besuch in Berlin vor allem eines: schöne Bilder, heile Welt. Es kam anders. Die Vorfälle zeigen, wie gespalten sein Land ist.

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Anfangs schien alles zu laufen wie immer. Zwei Fragen der deutschen Medien wurden zugelassen, zwei der Ägypter. Doch der Besuch des ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah el-Sisi bei Kanzlerin Angela Merkel endete anders als sonst bei ausländischen Gästen - nämlich in tumultartigen Szenen.

Eine junge Frau mit Kopftuch, die nach eigenen Angaben Medizin studiert und sich als Journalistin akkreditiert hatte, wollte zum Ende der Pressekonferenz auch noch eine Frage stellen. Als das nicht gelang, schrie sie auf Deutsch mehrmals in Richtung Sisi: "Er ist ein Mörder", schließlich noch "Er ist ein Nazi, er ist ein Faschist".

Kaum hatte die junge Frau, die fließend Deutsch sprach, zu skandieren begonnen, standen rund 30 ägyptische mitgereiste Journalisten, darunter auch einige Frauen, auf und hielten lautstark dagegen: "Es lebe Ägypten!"

Eigentlich wollte sich Sisi als neuer starker Mann Ägyptens präsentieren, unter dem das Land wieder stabil und regierbar werde. Doch diese Pressekonferenz machte deutlich, wie tief gespalten das Land weiterhin ist. Wie sehr Sisi die Ägypter polarisiert. Deutsche Sicherheitsbeamte hatten ihre Mühe, die Frau vor den aufbrachten Sisi-Anhängern zu schützen. Merkel und ihr Gast suchten sichtlich konsterniert das Weite.

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Ägyptens Präsident in Berlin: Tumulte bei Pressekonferenz von Merkel und Sisi
Wenig später, an der Hauptwache des Kanzleramts, bat die junge Frau mit Kopftuch um den Schutz der deutschen Polizisten. "Ich habe keine Lust, umgebracht zu werden", sagte sie, während ein ägyptischer Sicherheitsbeamter an ihr zerrte.

Aus Kairo waren 150 Sisi-Anhänger eingeflogen

Draußen, vor den Absperrungen des Kanzleramts, hatten sich schon am Vormittag mehrere Hundert Pro-Sisi-Anhänger versammelten. Musik dröhnte aus Lautsprechern, Willkommensbanner wurden ausgerollt. Die ägyptische Botschaft hatte im Vorfeld über soziale Netzwerke Sisi-Anhänger in Deutschland mobilisiert.

Sisi-Anhänger am Kanzleramt: Fleißig jubeln für den Präsidenten
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Sisi-Anhänger am Kanzleramt: Fleißig jubeln für den Präsidenten

Zudem war aus Kairo neben der offiziellen Delegation eine 150-köpfige "Volksdelegation" eingeflogen, ausgestattet mit Sisi-Postern und ägyptischen Flaggen. Ihre Aufgabe sei es, Deutschland das wahre Ägypten zu zeigen, hieß es.

Aber auch die Opposition war da: Unter Polizeischutz zogen mehrere Hundert Gegendemonstranten an den wütenden Sisi-Freunden vorbei.

Die Umstände, unter denen die Pressekonferenz stattfand, waren nicht nur wegen des Vorfalls mit der jungen Frau bemerkenswert: Nach mehreren Wortbeiträgen Sisis applaudierten ägyptische Journalisten laut. Ein TV-Reporter bedankte sich gar zunächst bei seinem Präsidenten - bevor er eine kritische Frage an Merkel stellte.

Die brisante Morsi-Frage

Sisi stand bei der Pressekonferenz genau an dem Platz, an dem vor zwei Jahren noch Präsident Mohammed Morsi gestanden hatte. Das frühere Staatsoberhaupt und Mitglied der Muslimbruderschaft, von dem Ex-General Sisi nach Massenprotesten im Lande gestürzt, sitzt in Haft. Erst kürzlich wurde gegen ihn in erster Instanz ein Todesurteil ausgesprochen.

Bei aller Wahrung der Etikette machte Merkel dem Gast klar, dass Deutschland grundsätzlich gegen die Todesstrafe sei. "Unter keinen Umständen", auch nicht wegen terroristischer Vergehen, dürften Menschen zum Tode verurteilt werden. Außerdem kritisierte sie die Beschränkungen der Arbeit der CDU-nahen Konrad-Adenauer Stiftung. Gleichzeitig betonte die Kanzlerin die "strategische Bedeutung" Ägyptens für Frieden im nahen Osten und den Kampf gegen den islamistischen Terrorismus.

Sisi griff das Thema Morsi von sich aus auf - er wisse ja, dass die Journalisten danach fragen würden - und verteidigte sich. Man müsse auch Ägyptens Perspektive verstehen. Zugleich deutete der Präsident aber auch an, dass sein Vorgänger möglicherweise der Höchststrafe noch entgehen könnte: "Lassen wir das Verfahren seinen Lauf und sehen wir was kommt - alles kommt zu seiner Zeit."

Gauck redet Sisi ins Gewissen

Die deutlichsten Worte von offizieller Seite waren wieder einmal dem Bundespräsidenten vorbehalten. In der Vergangenheit hatte Joachim Gauck bereits mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin im Rahmen der diplomatischen Etikette Klartext geredet. Mit Sisi führte Gauck, nachdem er seinen Gast mit militärischen Ehren vor Schloss Bellevue empfangen hatte, ein gut halbstündiges Gespräch. Nach Teilnehmer-Angaben habe man sehr konzentriert gesprochen. Ägypten sei ein wichtiger Partner, so Gauck - aber es müssten eben auch Fragen besprochen werden, die das freundschaftliche Verhältnis belasteten.

Gauck (Mitte), Sisi: Festlicher Empfang, klare Worte
DPA

Gauck (Mitte), Sisi: Festlicher Empfang, klare Worte

So betonte der Bundespräsident die Erwartung, dass sich Sisi für mehr Rechtssicherheit in seinem Land einsetzen werden, hieß es. Die von Ägyptens Präsident versprochenen freien Wahlen seien dabei ein zentraler Schritt, so das deutsche Staatsoberhaupt.

Ägyptens Präsident beteuerte Teilnehmern zufolge, dass er Demokratie und Menschenrechte in seinem Land wolle. Aber er bat auch um Nachsicht. So seien etwa Demonstrationen in Ägypten eben nicht mit Demonstrationen hierzulande zu vergleichen, so Sisi.

Gleich drei Demos soll es am Abend in Berlin geben: Die Sisi-Anhänger wollen ihren Präsidenten bejubeln, die Muslimbrüder und die liberalen Demokratie-Aktivisten gegen ihn auf die Straße gehen.

"Wir werden nicht gemeinsam mit den Muslimbrüdern demonstrieren", sagte eine ägyptische Aktivistin SPIEGEL ONLINE. Sie wollte nicht namentlich zitiert werden: "Sie verstehen, dass ich keine Schwierigkeiten bekommen will, wenn ich wieder zurück nach Ägypten gehe."


Zusammengefasst: Es war ein denkwürdiger Besuch von Ägyptens Präsident Sisi in Berlin. Kanzlerin und Bundespräsident forderten Reformen und Wahrung der Menschenrechte. Der Gast verteidigte sich - bekam aber auch bei einem brisanten Zwischenfall die Krise im eigenen Land zu spüren.

Hinweis: In einer ersten Version stand, die junge Frau habe el-Sisi zugerufen "Du bist ein Mörder". Nach Durchsicht des Videomaterials rief sie "Er ist ein Mörder". Und auch "Er ist ein Faschist, er ist ein Nazi". 

insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
testthewest 03.06.2015
1. Warum wird Sisi von unseren Medien angegriffen?
Es ist klar: Sisi ist sicher kein Demokrat und Ägypten unter Ihm auch keine Demokratie. Aber was davor war, war noch schlechter. Wenn man sieht was in der Region passiert, wieso wird versucht einen der letzten Stabilitätsanker dort zur beschädigen? Wollen wir wirklich wissen wie es aussieht, wenn der IS in Ägypten das Ruder in die Hand nimmt? Oder sind unsere Medien so dumm zu glauben, dass könne ja nicht passieren? Meine Befürchtung ist: Wenn Sisi weg ist, dann wird der IS sein Kalifat von Nordafrika bis Persien bekommen. Und da es auf Krieg gebaut ist, wird Europa danach einen Krieg auf seinem Boden bekommen. Durch die Millionen an Muslimen, die das Lager wechseln werden und uns mit Anschlägen im Tausenderbereich angreifen werden. Und durch die dann sehr kampferprobten Truppen die uns zeigen werden wieviel Atomwaffen wert sind, wenn der Feind mit der Kalashnikow in unseren Ländern steht.
nschlichtmann 03.06.2015
2.
Wir sehen heute, wo uns der arabische "Frühling" hingeführt hat. Die gesamte arabische Welt ist vom islamistischen Terror überzogen, überall sprießen Terrorzellen von al-Kaida aus dem Boden und der islamische Staat breitet sich über weite Teile zweier großer Länder aus, dessen Machthaber durch unsere Hilfe gestürzt wurden. Die desolaten Zustände in den Ländern und der beispiellose Strom von Flüchtlingen runden das Bild der wunderbaren Emanzipation der arabischen Staaten ab.
1besserwisser1 03.06.2015
3.
Wie kommt die da 7erhaupt rein? Sag ich jetzt dem Pf9rtner ich bin Journlist und hab freien Eintritt??!
Krass357mag 03.06.2015
4. Menschrechte für die Muslimbrüder ...
.. die selber eiern Gottesstaat ohne Menschenrechte errichten wollen. Noch Fragen? Antworten gibt es sowieso nicht auf so was.
gollygee01 03.06.2015
5. unsere Sicherheitsdienste
können nicht einmal einen "wahren Journalisten" von einem fake unterscheiden. Die Blamage liegt ganz auf unserer Seite.
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