AfD-Spitzenkandidaten Alles andere als gemäßigt

Die AfD hat im Spitzenteam dem Rechten Alexander Gauland die Ökonomin Alice Weidel an die Seite gestellt. Sie soll moderate Wähler ansprechen. Doch sie ist ebenso Hardlinerin wie andere sogenannte Gemäßigte auch.
AfD-Spitzenkandidaten Weidel, Gauland

AfD-Spitzenkandidaten Weidel, Gauland

Foto: Rolf Vennenbernd/ picture alliance / Rolf Vennenbernd/dpa

Alice Weidel ist anders als viele in der männlich dominierten AfD. Sie lebt mit Partnerin und zwei Kindern zusammen. Ihr Lebensmodell wirkt wie der Gegenentwurf zum traditionellen Familienbild mit Vater, Mutter und Kind, wie es im Wahlprogramm der AfD propagiert wird.

Lesbisch, modern - vielleicht hat Weidel deshalb lange Zeit von den Medien das Etikett verpasst bekommen, eine Vertreterin des liberalen Flügels zu sein. Auch von SPIEGEL ONLINE.

Es sind Zuschreibungen, die noch nach dem klassischen Muster funktionieren, mit dem andere Parteien in einen "linken" und "rechten" oder "liberalen" und "konservativen" Flügel eingeteilt werden. Im Falle der AfD fällt das schwer, es geht eigentlich nur noch um graduelle Abstufungen in einer rechtspopulistischen Gemeinschaft. Der Bundesparteitag in Köln hat das zuletzt eindrücklich dokumentiert - am Beispiel von Weidel.

Die Unternehmensberaterin, die nun mit Parteivize Alexander Gauland das Spitzenduo im Bundestagwahlkampf bildet, mied selbst Begrifflichkeiten wie "liberal" oder "wirtschaftsliberal", als sie um die Beschreibung ihrer Position in der Partei gefragt wurde. Noch im März klang das etwas anders: In der "Welt" erklärte sie, sie stehe für eine "liberal-konservative Ausrichtung" .

Etiketten, die offenbar auch bei ihr ausgedient haben. Weidel bezeichnete sich zuletzt als Vertreterin des "freiheitlich-konservativen Arms" der AfD. Das macht Sinn - aus ihrer Sicht: "Freiheitlich" statt "liberal" ist eine logische Konsequenz, wenn man sich Weidels Reden anhört. Die rechtspopulistische "Freiheitliche Partei Österreichs" (FPÖ) nannte sie im Herbst vor Anhängern ein "Vorbild" und "ein Erfolgsrezept für die AfD".

Wer ist Weidel, die in Überlingen am Bodensee lebt, sechs Jahre in China gearbeitet und ihre Doktorarbeit über das Rentensystem der Volksrepublik geschrieben hat?

Im persönlichen Umgang freundlich, wirkt sie auf AfD-Versammlungen oft kühl, ihre Sätze fliegen schneidend durch den Raum, mühelos wechselt sie in den antimuslimischen Sound der Partei. "Ohne uns ist dieses Land, unsere Heimat, ist das Deutschland, das wir lieben und in dem wir geboren sind, bald Geschichte", sagt sie.

Video: Das ist Alice Weidel

SPIEGEL ONLINE

Es ist eine Grundmelodie, von der die 38-Jährige überzeugt scheint. Wer mit ihr über den Islam spricht, stößt auf eine Frau, die hart und unnachgiebig argumentiert. Im Oktober 2016 schrieb sie in einem Beitrag für die rechte Wochenzeitung "Junge Freiheit", das muslimische Gemeinwesen sei "einzig und allein auf die Errichtung eines Gottesstaates ausgerichtet", auf "die Islamisierung unserer Gesellschaft." Nach dem Referendum in der Türkei verlangte sie, man müsse "konsequenterweise" Erdogans "fünfter Kolonne die deutsche Staatsbürgerschaft aberkennen".

Warum aber hat sich Weidel den Ruf als Vertreterin des gemäßigten Flügels erworben? Den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke kritisierte sie, als der im Januar das Holocaust-Mahnmal in Berlin als "Denkmal der Schande" bezeichnet und eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" verlangt hatte. Weidel sprach von einer "unsäglichen, rückwärtsgewandten Debatte".

Steckt dahinter Überzeugung oder Kalkül?

Als Spitzenkandidatin aber will sie mit Höcke gemeinsam im Wahlkampf auftreten. So schnell kann das mitunter in der AfD gehen - im Bundesvorstand hatte sie zusammen mit Parteichefin Frauke Petry zur Mehrheit gehört, die ein Ausschlussverfahren gegen Höcke beantragten.

Die Welt der sogenannten Gemäßigten in der AfD greift mitunter weit nach rechts aus. Steckt dahinter Überzeugung? Oder bloßes taktisches Kalkül?

Höcke-Gegnerin Petry, die ihre Partei in Köln mit einem "realpolitischen" Ansatz auf den koalitionsbereiten Weg schieben wollte und damit gescheitert ist, hatte im Herbst über eine Rehabilitierung des Begriffs des "Völkischen" gesprochen. Man müsse "daran arbeiten, dass dieser Begriff wieder positiv besetzt ist", sagte sie damals.

Auch Petrys Co-Parteichef Jörg Meuthen galt lange Zeit als "das bürgerlich-liberale Gesicht" der AfD. So beschrieb ihn etwa das "Handelsblatt" noch im April 2016.

Seit Langem aber hat sich Meuthen nach rechts bewegt, mit Parteivize Alexander Gauland und Höcke ging er ein Bündnis gegen Petry ein. In Köln hat Meuthen genau jene Stimmungslage getroffen, nach der sich die Mehrheit in der Partei sehnt und die ihr in Umfragen nicht zu schaden scheint. Unter dem Jubel der Delegierten erklärte er, wenn er an einem Samstagmittag im Zentrum seiner Stadt unterwegs sei, sehe er "noch vereinzelt Deutsche".

Provozieren und danach relativieren - für dieses in der AfD weit verbreitete Muster steht prototypisch Meuthen. Im Deutschlandfunk sagte er einen Tag nach seiner Rede auf dem Kölner Parteitag, er kenne "viele Menschen türkischer Herkunft, die perfekt integriert in unserer Gesellschaft leben", um sie "gehe es doch beileibe nicht", sondern um die "verfehlte Migrationspolitik" von Kanzlerin Angela Merkel.

Der derzeit beurlaubte Volkswirtschaftsprofessor Meuthen kommt oft sanft daher. Er kann auch anders. Beispielhaft steht dafür sein Umgang mit dem Tod der Freiburger Studentin Maria L., die mutmaßlich von einem afghanischen Flüchtling umgebracht wurde.

Als AfD-Fraktionschef im Stuttgarter Landtag erklärte Meuthen, eine "entscheidende Mitverantwortung für diese grausame Tat und viele andere 'Einzelfälle', die seit der ungehinderten Einreise illegaler Einwanderer täglich in Deutschland passieren, trägt Frau Merkel und ihr Unterstützer in der Großen Koalition, Sigmar Gabriel".

Ebenso zynisch wirkt jene Passage, in der er Äußerungen des Vaters der Getöteten - eines EU-Beamten und gläubigen Katholiken - gegen eine Abschottungspolitik zitierte und anfügte, es erscheine "wie bitterste Ironie", dass der Afghane eine junge Frau getötet habe, deren Familie in der Flüchtlingshilfe tätig sei.

Es war eine fürchterliche, heuchlerische Presseerklärung. In der AfD von Jörg Meuthen aber kam sie glatt durch.

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