Votum über Abspaltung Lucke-Anhänger drängen auf Alternative zur AfD

Frauke Petry hat den Machtkampf in der AfD gewonnen. Die Anhänger ihres Rivalen Bernd Lucke wollen jetzt eine eigene Partei gründen: Eine Abstimmung ihres Weckruf-Vereins fiel deutlich aus.
AfD-Mitgründer Lucke in Essen: Offen für eine Neugründung

AfD-Mitgründer Lucke in Essen: Offen für eine Neugründung

Foto: Maja Hitij/ dpa

In den vergangenen Tagen hat Frauke Petry viel telefonieren müssen. Denn aus der AfD, die sie nach ihrer Wahl in Essen zusammen mit dem Co-Vorsitzenden Jörg Meuthen führt, treten viele bekannte Mitglieder aus. Es sind die Anhänger des unterlegenen Rivalen Bernd Lucke.

Petry hat auch einen Brandbrief geschrieben, in dem sie die Basis zum Bleiben auffordert. An diesem Freitagmittag wird sie in der Bundesgeschäftsstelle in Berlin vor Journalisten ihren Kurs erläutern. Die Erwartungen ihrer Anhänger sind jetzt groß. Auf einer AfD-Facebook-Seite hat der Bundesvorstand bereits vorsorglich mitteilen lassen: "Für einen Kurswechsel oder eine Verschärfung des Tons steht dieser Bundesvorstand nicht zur Verfügung."

Wenn von einem Rechtsschwenk die Rede ist, sind am schlechten Image nach Essen bei der AfD - mal wieder - die anderen schuld. Uwe Wurlitzer, Parlamentarischer Geschäftsführer der sächsischen Landtagsfraktion, twitterte: "Angeblicher Rechtsruck der AfD ist eine Erfindung linker Medien."

Die unter Petry weiter nach rechts gerückte AfD droht auszubluten. Zwar sind die Austritte - gemessen an der Gesamtmitgliedschaft - noch überschaubar. Angeblich sollen es bis Dienstag nicht mehr als 600 von rund 22.000 Mitgliedern gewesen sein. Doch dürfte die Zahl weiter steigen, sollte der von Lucke gegründete Verein "Weckruf 2015" tatsächlich eine eigene Partei bilden - er stützt sich nach eigenen Angaben auf rund 4000 Mitglieder.

Am Donnerstag gab der Verein die Ergebnisse einer internen Befragung bekannt. Demnach votierten nach Angaben eines Sprechers 75 Prozent für eine Neugründung. Rund 71 Prozent der Befragten wollen aller Voraussicht nach in die neue Partei eintreten. Eine finanzielle Unterstützung können sich 47 Prozent vorstellen, eine aktive Beteiligung knapp 44 Prozent. Zudem gaben demnach mehr als 58 Prozent an, dass sie die AfD bereits verlassen hätten oder dies definitiv planten. An der Umfrage beteiligten sich dem Sprecher zufolge knapp 2600 der fast 4000 Weckruf-Mitglieder.

Lucke hat zwar noch keine definitive Entscheidung getroffen, ist aber einer Neugründung nicht abgeneigt. Er telefoniert in diesen Tagen ebenso viel wie Petry - um Anhänger für eine neue Formation zu gewinnen. Doch bei "Weckruf" gibt es auch viele Zweifel, ob eine Alternative zur AfD überhaupt Strukturen aufbauen und bei Wahlen Erfolg haben kann.

Teile des Westens werden zum Lucke-Reservoir

Vor allem im Westen kann Lucke mit Unterstützung rechnen. Oft sind es dort bürgerliche Vertreter, die die Basis der AfD schwinden oder in manchen Orten sogar gänzlich verschwinden lassen. Hier ein - nur unvollständiger - Überblick:

  • In Freiburg überlegt der dortige Kreisverband, sich aufzulösen.
  • In Hessen kursiert eine Liste, in der über 20 Kreisvorsitzende ihren Abschied verkünden.
  • Ähnliche Rück- und Austritte werden aus den Landesverbänden in Baden-Württemberg, Bayern, Schleswig-Holstein, Bremen, Hamburg gemeldet.
  • In Hamburg, bislang eigentlich eine Lucke-Bastion, forderte der frühere Innenminister Bernd Nockemann, seit Frühjahr mit der AfD in der Bürgerschaft, den Lucke-Anhänger und Landes- und Fraktionschef Jörn Kruse zum Rücktritt auf.
  • In der elfköpfigen Thüringer Landtagsfraktion waren schon vor dem Parteitag drei Mitglieder aus der Fraktion ausgeschieden. Zwei von ihnen haben nun auch die Partei verlassen.
  • In Bremen - gerade erst in die Bürgerschaft gewählt - traten drei von vier Mitgliedern aus der Fraktion und der Partei aus.
  • Die einst siebenköpfige Gruppe der AfD-Abgeordneten im Europaparlament gibt es so nicht mehr. Seit Wochen tief zerstritten, gehören ihr jetzt nur noch die Führungsmitglieder und Petry-Anhänger Marcus Pretzell und Beatrix von Storch an.
  • Lucke und weitere vier Europaparlamentarier - der baden-württembergische Landeschef Bernd Kölml, Ulrike Trebesius, der frühere Volkswirtschaftsprofessor Joachim Starbatty und der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel - traten aus der Partei aus, wollen aber Abgeordnete in Brüssel bleiben.
  • Unternehmer wollen die Partei verlassen. Noch in dieser Woche zum Beispiel will der Gründer des in Berlin beheimateten und international auf Außenwerbung spezialisierten Wall-Unternehmens, Hans Wall, austreten.
  • Auch Hans Hermann Schreier, Aufsichtsratschef der Nanofocus AG aus Oberhausen und Vorstand im Mittelstandsforum der AfD, will sich aus allen AfD-Ämtern zurückziehen.

Weitgehend stabil ist die AfD - bis auf Thüringen - im Osten: Petry kann in Sachsen genauso wie der wiedergewählte Vizechef Alexander Gauland in Brandenburg auf noch intakte Landesverbände bauen.

Am rechten Flügel der AfD werden jedoch schon konkrete Erwartungen an die neue Führung formuliert. Der Islamwissenschaftler Hans-Thomas Tillschneider, Mitglied im Vorstand von Petrys sächsischem Landesverband und Sprecher der Patriotischen Plattform, beschrieb das im neurechten Webauftritt "Sezession" so: "Unter Frauke Petry ist einfach mehr Mut zu Deutschland möglich als unter Lucke, und deshalb haben wir sie in Essen gegen Lucke unterstützt."

Publizistische Großerfolge wie das Buch "Deutschland schafft sich ab" des SPD-Mitglieds und früheren Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin und "die Straßenbewegung Pegida zeigen, dass es im bürgerlichen Milieu eine breite Strömung abseits des Hauptstroms gibt, die eine Partei wie die AfD tragen kann", hofft Tillschneider.

Im Video: Petry-Triumph über Lucke

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