Jakob Augstein

S.P.O.N. - Im Zweifel links Die Geister, die er rief

Chaostage am rechten Rand- die AfD steht vor der Spaltung. Volkswirt und Parteigründer Bernd Lucke lernt eine Lektion in Politik: Man spielt nicht ungestraft mit dem rechten Ressentiment.

Bernd Lucke hat einen schlimmen Verdacht: Die AfD ist eine rechte Partei. Aber rechts will Lucke nicht sein. Er ist nur gegen den Euro, nicht gegen Ausländer. Lucke lernt jetzt: Der Umgang mit dem Ressentiment ist gefährlich - wenn man eins weckt, kommen die anderen gleich mit. Nun hat Lucke einen Verein in der eigenen Partei gegründet. Die AfD steht vor der Spaltung. Chaostage am rechten Rand.

"Weckruf 2015" heißt der Verein, den Bernd Lucke, Hans-Olaf Henkel und ein paar andere AfD-Leute gegründet haben. Die Satzung verlangt von den Mitgliedern die "Ablehnung ausländerfeindlicher, rassistischer, nationalistischer, antisemitischer, islamfeindlicher, islamistischer, homophober, rechts- oder linksradikaler Positionen". Offenbar ist diese Klarstellung notwendig.

Unlängst erst hatte der knarzig-konservative Knochen Henkel bemerkt, dass er in einer rechtspopulistischen Partei gelandet ist. Das muss ein schlimmer Schock gewesen sein. Henkel beschwerte sich über Angriffe von "Rechtsaußen", räumte seinen Vorstandsposten und schimpft seitdem über "Karrieristen, Rechtsideologen, Spinner und Pleitiers". Nun dämmert es auch Lucke, mit wem er sich da eingelassen hat. Die "neuen Rechten" wollten die Partei übernehmen, klagten Lucke und seine Leute jetzt als sie ihren Verein vorstellten.

Lucke, der brave Volkswirt aus Hamburg, will also mit den Ausländerfeinden und Islamophoben nichts zu tun haben, mit den Deutschnationalen und den Schwulenhassern. Er ist einfach nur gegen den Euro. Aber wie schon so mancher vor ihm mag er jetzt klagen:
Herr, die Not ist groß
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.

Denn, wie Lucke jetzt lernt: Bestimmte politische Überzeugungen haben ihre natürlichen Nachbarn. Es kommt immer eins zum anderen. Wer der Ansicht ist, es gehe mit dem Feminismus viel zu weit, der findet oft genug auch, es gehe mit der Einwanderung zu weit. Wer den Euro loswerden will, der will nicht selten auch die Ausländer loswerden.

Die Neigung zum Ressentiment ist eine seelische Disposition, die ziemlich eindeutige politische Konsequenzen hat. Lucke hat die Leute eingeladen, die sich an der Welt rächen wollen. Für was auch immer. Nietzsche hat geschrieben: "Einen Rachegedanken haben und ausführen, heißt einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber vorübergeht: einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Mut, ihn auszuführen, heißt ein chronisches Leiden, eine Vergiftung an Leib und Seele mit sich herumtragen." Um Lucke sammelten sich die Vergifteten.

Man kann da seine Überraschung nicht teilen. Als die AfD sich zusammenfand, im Februar 2013, konnte man in dieser Kolumne lesen: "Man kann ja getrost davon ausgehen, dass der Euro erst der Anfang ist. Als nächstes geht es gegen den Islam, die Klimaforschung, den Feminismus und die Schwulen - das ganze Programm der modernen Rechtspopulisten." Das ist nun eingetreten.

Die Mär von der Alternativlosigkeit

Es war eine politische Naivität zu glauben, mit liberaler Kritik am Euro allein ließe sich eine neue Partei aufbauen. Vielleicht ist Politik gar nicht Luckes Sache. Das wäre ungünstig für den Chef einer Partei.

Oder anders: Lucke droht, zum Opfer einer irrigen Idee von Politik zu werden. Die Gründungserklärung des "Weckrufs" ist aufschlussreich: eine "unideologisch, sachlich, konstruktiv arbeitende Volkspartei für die Mitte" wolle die AfD sein, heißt es da. Offenbar hat Lucke für bare Münze genommen, was echte Politiker nur zur Tarnung sagen: die Mär von der Alternativlosigkeit. Dass es eine - und nur eine - politische Wahrheit gebe, und man den Weg dorthin durch scharfes Nachdenken finden könne. Das glaubt kein echter Politiker auch nur eine Sekunde lang. Lucke ist darauf reingefallen.

Was wird nun aus der AfD? Vielleicht übernimmt die knallharte Pastorengattin Frauke Petry den Laden, die als gebürtige Dresdnerin auch keine Berührungsängste mit den Islamhassern von Pegida hat: "Man kann auch mit gesellschaftlich schwierigen Themen konstruktive Politik machen. Man kann die AfD nicht auf Wirtschaft und Währung reduzieren."

Und vielleicht erleben wir den Häutungsprozess einer neuen Partei, den wir noch von den Grünen kennen. Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel wären dann einfach Geschichte.

Wer erinnert sich noch an Baldur Springmann, den völkischen Bauern aus Schleswig-Holstein, der bei der Gründung der Grünen dabei war? Oder an Thomas Ebermann, immerhin mal Fraktionssprecher der Grünen im Bundestag, heute Kleinkunstdarsteller in Hamburg. Oder an Jutta Ditfurth, die Grüne der ersten Stunde, die jetzt Krimis schreibt und immer noch für den Öko-Sozialismus kämpft, wenn auch nur noch im Frankfurter Stadtparlament.

Keines dieser Schicksale will man Lucke wünschen. Diesem Candide der Volkswirtschaft, der allzeit ein tapferes Lächeln im Gesicht trug, aber dessen Suche nach der besten aller Welten im Chaos der Untiefen des rechten Ressentiments mündete.

Man bekommt ein bisschen Mitleid mit dem Mann und will ihm helfen. Also hier eine Durchsage an alle: Der kleine Bernd findet sich am rechten Rand wieder und möchte abgeholt werden.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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