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Petry übernimmt AfD Der Lucke geht von Bord

Das war deutlich: Auf ihrem Parteitag wählt die AfD Frauke Petry zur neuen Vorsitzenden und straft ihre bisherige Galionsfigur ab. Bernd Lucke kämpfte vergeblich gegen eine teilweise hochaggressive Stimmung. Verlässt er nun die Partei?

Bernd Lucke packt seine Sachen. Sein Handy, sein Ladekabel. Er stopft alles in den Rucksack, den er stets bei sich trägt. Dann nimmt er ein Brötchen, in dem eine Bulette klemmt, und geht die Stufen vom Vorstandspodium herab. Unten warten die Journalisten, oben steht Frauke Petry und lässt sich feiern.

Sie hat ihrem Kontrahenten eine demütigende Niederlage bereitet. 60 Prozent - 2047 von 3412 gültigen Stimmen - sind auf sie entfallen. Der Mitgliederparteitag hat sich klar entschieden. Petry, die für einen rechtskonservativen Kurs steht, wird die Partei künftig maßgeblich führen.

Lucke hat ihr kurz nach der Verkündung des Ergebnisses, die unter dem ohrenbetäubenden Beifall der Petry-Anhänger erfolgte, artig die Hand gegeben. Sie wirbt dafür, die Liberalen und Wirtschaftsliberalen in den Vorstand einzubinden.

Auch Lucke spricht sie einen Dank aus, aber der klingt wie eine nachträgliche Ohrfeige. "Du bist die Galionsfigur der Gründerzeit, und ich hoffe, du bleibst der AfD treu verbunden", sagt Petry.

Die Galionsfigur, die nun ausgedient hat, will sich noch nicht festlegen. "Vorläufig" werde er sein Mandat im Europaparlament behalten, sagt Lucke, der beurlaubte Wirtschaftsprofessor.

Der Euro in der Krise - und die Eurokritiker auch

Es ist ein denkwürdiger Tag in der Geschichte der jungen Partei. Im Frühjahr 2013 gegründet, kam sie im Herbst desselben Jahres fast in den Bundestag, danach in das Europaparlament und in fünf Landesparlamente.

Doch seitdem der Streit zwischen dem wirtschaftsliberalen und rechtskonservativen Flügel vor einem halben Jahr ausbrach, rutschte die Partei, die einst als eurokritische Stimme gegründet wurde, in bundesweiten Umfragen unter fünf Prozent. Eine bizarre Situation ist entstanden: Just in der Woche, in der die Eurozone mit Griechenland in die tiefste Krise geriet, ist auch die AfD in ihrer tiefsten Krise.

Knapp über 3400 Mitglieder sind an diesem heißen Sommertag in die Grugahalle zum außerordentlichen Parteitag nach Essen gekommen. Schon am frühen Morgen liegen die Temperaturen draußen bei 33 Grad, drinnen werden über 27 Grad gemessen. Lucke und seine Mitstreiter ahnen, dass es nicht gut für sie ausgehen wird.

Ihn empfangen Buhrufe. Die kürzlich erfolgte Gründung des Vereins "Weckruf", mit dem Lucke die liberalen Kräfte sammelte, nehmen ihm viele an der Basis übel. Diejenigen, die sich Anti-"Weckruf"-Buttons angeheftet haben, sind deutlich in der Überzahl.

"Aggressiv, emotional, teilweise pöbelnd"

"Es war eine aggressive, sehr emotionale, teilweise pöbelnde Atmosphäre", beschreibt Lucke später seine Eindrücke. Gleich zu Beginn des Parteitags ging es turbulent zu: Es gab eine längere Aussprache über den Abstimmungsmodus. Wie zuvor in Bremen sollten auch diesmal elektronische Geräte zum Einsatz kommen, ein unabhängiger Sachverständiger gab seine Einschätzung über mögliche Manipulationen ab - und am Ende stimmte eine Mehrheit in der Halle dafür, den ersten und zweiten Vorsitzenden per Papier zu wählen. Sicher ist sicher.

Was sich schon da zeigte, war eine tief zerstrittene Partei. Konrad Adam, bis zum Parteitag in Essen noch einer der drei gleichberechtigten Vorsitzenden, eröffnete den Kampf der Petry-Anhänger mit einer frontalen Attacke gegen den Lucke-Mitstreiter und früheren Manager Hans-Olaf Henkel. Adam sprach von groß gewordenen kleinen Leuten, die glaubten, sich eine Partei kaufen zu können. Auch über Lucke lästerte er: "Der Selbstgerechte hält sich gern für den guten Hirten und alle anderen für die Schafe."

Lucke hatte es von Anfang an schwer. Der Streit sei kein Ruhmesblatt für die AfD, die Sache sei "entglitten". Hohngelächter begleitete diesen und auch seinen zweiten Auftritt am Nachmittag. Lucke wiederholte, was er auf einer Pressekonferenz in Berlin mit Blick auf sich und Petry gefordert hatte - der jeweils Unterlegene solle dem anderen das Feld räumen: "Der Streit muss heute entschieden werden und unverzüglich aufhören."

Euro-Partei oder Pegida-Partei?

Seine Kontrahentin Petry wurde mit deutlich weniger Buhrufen begrüßt. Sie stellte sich schützend vor die Konservativen und Rechten in der Partei. Es gebe ein "totalitäres Meinungsklima", Minderheiten würden gleich als rechts diffamiert, griff sie Lucke an.

Einen rechten Kurs aber hatte die AfD schon unter Lucke gefahren. Wohin es künftig gehen könnte, das machte die Rede von Marcus Pretzell deutlich - Landeschef in Nordrhein-Westfalen und Mitstreiter Petrys. Die AfD habe diskutiert, ob sie "Euro-Partei oder Pegida-Partei" sei. "Wir sind beides und noch viel mehr", rief das frühere FDP-Mitglied unter Jubel.

Es ging hart zur Sache. Lucke nahm sich Pretzell vor, es sei doch "nirgendwo" beschlossen worden, eine Pegida-Partei zu sein. Es wurde gebuht und gejohlt, der Sitzungsleiter musste energisch eingreifen. Lucke wehrte sich: "Man muss auch mal was sagen, was dem Saal unangenehm ist - das ist das Zeichen für politisches Rückgrat." Höhnisches Gelächter und Pfiffe waren die Antwort, vermischt mit vernehmbar schwächerem Applaus für Lucke.

Essen war eine Richtungsentscheidung: Die AfD hat sich mit Petry dafür entschieden, deutlicher als bisher rechts zu blinken. Erneut verteidigte die sächsische Landes- und Fraktionschefin ihre Kontakte zur Anti-Islambewegung Pegida, man müsse nicht alles übernehmen, was von dort komme, aber es seien "diese Bürger, für die wir primär Politik machen wollen". Da kam tosender, jubelnder Zuspruch auf, ebenso, als sie den Islam grundsätzlich kritisierte: Das "Staatsverständnis", das diese Religion transportiere, sei mit den Vorstellungen in Mitteleuropa nicht vereinbar.

Beim Thema Islam wird es laut

Lucke hielt unter lauten Protestrufen dagegen, sprach von "bestimmten Erscheinungsformen" des Islam, die auch er kritisch sehe, wandte sich aber gegen eine pauschale Ablehnung. Er verwies auf die Millionen deutscher Muslime und fragte: "Wollen wir diese Menschen bewusst ausgrenzen?"

Die Mehrheit in der Halle hörte kaum noch zu, rief dazwischen. "Das letzte Mal, dass ich meinen Satz nicht beenden konnte, war, als ich im sächsischen Wahlkampf aufgetreten bin und mir die Antifa das Wort abgeschnitten hat", sagte Lucke irgendwann. Es war ein Ausruf, der aufzeigte, wie tief der Graben zwischen Lucke und den Petry-Anhängern ist. In diesem Moment wirkte Lucke wie ein Fremder in der AfD.

Lucke hat die Stimmung in seiner Partei unterschätzt. Noch am Samstagabend beriet er sich mit seinen Mitstreitern - auch darüber, ob er am Sonntag am Parteitag überhaupt noch teilnehmen wird. Als er ging, sagte Lucke einen vieldeutigen Satz: "Ich treffe jetzt keine schnellen Entscheidungen."