AfD-Erfolg Lucke, Henkel und Co. im Siegesrausch

Die AfD holt bei der Europawahl ein gutes Ergebnis und schickt sieben Euro-Kritiker ins EU-Parlament. Bernd Lucke spricht im Überschwang schon von einer "neuen Volkspartei" in Deutschland. Doch was wird aus der AfD, wenn er nach Straßburg geht?


Berlin - Noch bevor überhaupt die Wahllokale geöffnet hatten, feierten die Euro-Gegner der AfD schon ihren Erfolg - intern jedenfalls. Die Parteispitze der Alternative für Deutschland verschickte an ihre Landeschefs ein Papier, das detailliert regelte, wie man das - noch Stunden entfernte - Ergebnis der Europawahl in den Medien zu kommentieren habe: "Die etablierten Parteien sind die Wahlverlierer", heißt es in der Formulierungshilfe.

"Sie sind gescheitert, weil sie die Sorgen und Probleme der Bürger nicht aufgegriffen haben." Jedes Ergebnis über sechs Prozent, so die Vorgabe von Parteichef Bernd Lucke, sollten die AfD-Landessprecher als "großen Erfolg" bezeichnen.

Ein paar Stunden später hatte die Realität die Prophezeiung eingeholt. Die AfD holt 6,5 Prozent. Der Jubel bei der ersten Hochrechnung war ohrenbetäubend, später ging es noch ein paar Hinterkommastellen nach oben.

Fotostrecke

6  Bilder
Frühling bei der AfD: Nächster Halt Straßburg

Minuten nach der ersten Hochrechnung rief Lucke von der Bühne den "Frühling in Deutschland" aus. "Die Blumen blühen auf, andere verwelken", rief der sonst nicht zu romantischen Sprachbildern tendierende VWL-Professor in den Saal. "Und so ist es auch mit den Parteien." Die AfD sei aufgeblüht, andere Parteien verwelkt - die Häme über die drei Prozent für die FDP war unüberhörbar.

Lucke sieht AfD als "neue Volkspartei"

Für seine Verhältnisse hielt Lucke eine emotionale Rede. Im Namen der AfD dankte er den Kindern der Kandidaten, die mit auf der Bühne standen: Sie seien "das Wertvollste, was wir haben, und wofür wir all das tun", so der Parteichef. Die Familien der AfD-Funktionäre hätten im Wahlkampf "viele Entbehrungen auf sich genommen, für die Partei und für unser Land".

Lucke erklärte die AfD, aus deren Basis oft islamfeindliche und homophobe Töne erklingen, kurzerhand für "freiheitlich, sozial und werteorientiert". Und noch mehr: "Wir sind die neue Volkspartei in Deutschland!", rief Lucke.

Das ist eine gewaltige Übertreibung. Die AfD wird wohl sieben Abgeordnete ins Europaparlament schicken - eine Volkspartei sieht anders aus. In absoluten Zahlen holte die Lucke-Partei nicht viel mehr Stimmen als bei der Bundestagswahl, wo sie nur knapp an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert war.

Aber immerhin: Gut ein Jahr nach ihrer Gründung ist den Euro-Gegnern gelungen, bei einer bundesweiten Wahl in ein wichtiges Parlament einzuziehen. Sie ist die fünftstärkste Kraft in Deutschland. Die AfD hat sich etabliert.

AfD will mit den britischen Tories sprechen

Jetzt braucht man nur noch Bündnispartner in Brüssel. Lucke schloss am Wahlabend nochmals eine Zusammenarbeit mit Rechtspopulisten im EU-Parlament aus. Man sei eine "konstruktive Partei". Ob das auch die populistische britische Ukip und ihren schillernden Chef Nigel Farage ausschließt, der die AfD seit Monaten umwirbt, ist fraglich.

Falls AfD-Mann Marcus Pretzell, Platz 7 der Wahlliste, den Sprung nach Brüssel schafft, könnte hierzu ein Richtungstreit entbrennen. Pretzell ist im AfD-Vorstand der Einzige, der sich offen für Ukip zeigt. Die Partnersuche ist existenziell für die AfD: Ohne Fraktion müsste man nicht nur auf Geld verzichten, sondern könnte viele parlamentarische Rechte nicht ausüben.

Jenseits der Populisten gibt es wenige Optionen: Unter Grünen und Sozialisten dürften die AfDler kaum heimisch werden. Die EVP-Fraktion, in der CDU und CSU sitzen, ist tabu. Luckes Traum wäre die europaskeptische ECR-Fraktion, in der die britischen Tories sitzen.

Wie führende AfD-Leute bestätigen, sind Lucke und seine Mitstreiter schon für diesen Dienstagabend mit den Tories verabredet. Sollten diese die AfD erhören, wäre Kanzlerin Angela Merkel düpiert: Der britische Regierungschef David Cameron hatte der CDU-Chefin fest versprochen, dass seine Tories die AfD links liegen lassen.

Luckes Weggang könnte der zerstrittenen Partei gefährlich werden

Doch Camerons Wort gilt in Brüssel wenig - erst Ende April hatte sich Lucke mit dem europäischen Spitzenmann der Tories, Martin Callanan, zum geheimen Frühstück getroffen. Wie die chronisch zerstrittene AfD zurechtkommt, wenn Bernd Lucke erst in Brüssel sitzt, ist ungewiss.

Der 51-jährige Ökonom, der Spitzenkandidat seiner Partei war, überlegt derzeit, mit der Familie nach Brüssel umzuziehen. Seine Vorstandskollegen bangen, ob er dann noch genug Einfluss an der Heimatfront hat. "Ohne Lucke geht es nicht", sagt Vorstandskollege Alexander Gauland. Im Herbst stehen drei Landtagswahlen an.

Auf Platz 2 der AfD-Liste stand Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel, der seiner Partei vor der Wahl noch einen Millionen-Kredit gewährte. Er strebt in den Menschenrechtsausschuss. Gewählt ist auch die Berliner Konservative Beatrix von Storch, die im Wahlkampf ähnlich heftig gegen die EU-Politik in der Schuldenkrise wetterte wie gegen liberale Positionen in der Familienpolitik. "Wir sind jetzt in der Parteienlandschaft fest etabliert", frohlockte Storch am Wahlabend.

Unbekannter sind die anderen AfD-Newcomer: Bernd Kölmel, Landessprecher in Baden-Württemberg, der frühere VWL-Professor Joachim Starbatty und die Bauingenieurin Ulrike Trebesius aus Schleswig-Holstein. Kölmel war bislang Beamter im Stuttgarter Landesrechnungshof. "Ich habe jahrelang einen deutschen Landeshaushalt kontrolliert, jetzt will ich nahtlos den EU-Haushalt prüfen", kündigte er an.

Europawahl in Deutschland



insgesamt 181 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mfetzer 25.05.2014
1. Bitte Herr Lucke
eine Volkspartei sieht anders aus. Und wenn die AFD wirklich eine Volkspartei werden sollte, habe ich kein Problem damit ich bin schon nach Spanien ausgewandert. Aber seine Aussage seine Poltik macht er für unsere Kinder im letzten Interwiev, dann bitte nicht für meine. Und wenn man die Wahl genau betrachtet, hat die AFD seit der letzten Bundestagswahl, keine Wähler dazu gewonnen. Und das ist ein Indiz dafür, das utopien nicht an jeden zu verkaufen sind.
88722786 25.05.2014
2. ~6%
..neue Volkspartei. Aha, Herr Lucke leidet definitiv unter Wahrnehmungsstörungen oder gravierendem Realitätsverlust.
olli_65 25.05.2014
3.
Zitat von sysopDPADie AfD holt bei der Europawahl ein starkes Ergebnis. Jetzt schickt sie sechs Euro-Kritiker nach Europa. Parteichef Lucke spricht im Überschwang schon von einer "neuen Volkspartei" in Deutschland. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-feiert-gutes-ergebnis-bei-europawahl-a-971600.html
Was auch immer man über diese Partei denken mag, sie wurde demokratisch gewählt und sollte somit auch repektiert werden. Leider hat man manchmal den Endruck, dass nur gut ist wer andere besonders schlecht macht und nicht wer gute Erfolge hat.
horsteddy 25.05.2014
4. Hype
Man muss sie keinerlei graue Haare wachsen lassen. Die sogenannte AfD wird nach dem Hype, der nur von den Massenmedien zum Hype hochstilisiert wird, verschwinden wie all die Nullen vorher, die Reps, die Piraten und sonstige Schmarotzer von links, von rechts, aus der Mitte und von sonst Woche .
logtor 25.05.2014
5. Keine Voreiligen Schlüsse...
Zitat von mfetzereine Volkspartei sieht anders aus. Und wenn die AFD wirklich eine Volkspartei werden sollte, habe ich kein Problem damit ich bin schon nach Spanien ausgewandert. Aber seine Aussage seine Poltik macht er für unsere Kinder im letzten Interwiev, dann bitte nicht für meine. Und wenn man die Wahl genau betrachtet, hat die AFD seit der letzten Bundestagswahl, keine Wähler dazu gewonnen. Und das ist ein Indiz dafür, das utopien nicht an jeden zu verkaufen sind.
Den Ausspruch finde ich auch etwas übertrieben. Aber warten Sie mal ab, wenn wegen geänderter politischer Verhältnisse Griechenland plötzlich ausschert und die Bürgschaften fällig werden, bei gleichzeitiger Schuldenbremse und die Diskussion anfängt, wo im Bundeshaushalt eingespart werden muss, weil Zahlungen für Griechenland kompensiert werden müssen... Dann ist die AfD schnell bei 10%. Viele Menschen reagieren erst, wenn Politik konkret spürbar wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.