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19. Oktober 2014, 16:58 Uhr

AfD

Lucke will Rechtsaußen rauswerfen

Den Zweiten Weltkrieg gewannen die "zwei größten Massenmörder", die Gaskammern in Dachau bauten die Alliierten - solche Äußerungen sind aus der AfD zu hören. Jetzt sieht sich Parteichef Lucke gezwungen, gegen das rechte Image vorzugehen.

München - Diese Zitate gingen dem AfD-Chef Bernd Lucke zu weit: Das prominente AfD-Mitglied Martin Sichert habe über das Ende des Zweiten Weltkriegs gesagt, es hätten die "zwei größten Massenmörder gesiegt", sagte Lucke bei einem Landesparteitag in Ingolstadt. "Und Sie haben meines Wissens nicht Adolf Hitler gemeint", so Lucke in Richtung Sichert. Daraus will Lucke nun Konsequenzen ziehen - und Sichert aus der AfD ausschließen. Das bestätigte ein Sprecher der Partei.

In der bayerischen AfD gibt es interne Querelen. Sichert wollte auf dem Parteitag eigentlich eine Versöhnung herbeiführen, wurde aber von Lucke vor den etwa 400 Delegierten zurückgewiesen. Lucke will die rechtslastigen Kräfte in der jungen Partei anscheinend zurückdrängen, jedenfalls gibt er sich Mühe, dass es so aussieht.

Sichert war im Mai 2013 auf einem Chaos-Parteitag zum Landeschef gewählt worden. Das Ergebnis wurde jedoch unmittelbar danach wegen Fehlern bei der Abstimmung für ungültig erklärt. Sichert wollte daraufhin den neuen Landesvorstand stürzen. Schließlich zog er entsprechende Anträge aber zurück. Aktuell hat die AfD in Bayern knapp 2850 Mitglieder in 48 Kreisverbänden.

Fragwürdiger Vortrag in Norddeutschland

Unruhe gibt es in der AfD auch im Norden: Laut den "Lübecker Nachrichten" hielt ein AfD-Mitglied einen Vortrag in Stockelsdorf, bei dem Äußerungen gefallen sind, die sehr nah sind an der Leugnung des Holocausts. Vor rund 20 Gästen sagte der Mann demnach, die Gaskammern im Konzentrationslager Dachau seien erst im Nachhinein von den Alliierten gebaut worden. Dann berichtete das AfD-Mitglied laut "Lübecker Nachrichten" von einem angeblichen KZ-Überlebenden, der Schülern eine ausgedachte Geschichte erzählt habe, jedoch nie ein KZ von innen gesehen habe.

Kritik an den rechten Tendenzen der AfD kam vor einer Woche vom Bundesfinanzminister: Wolfgang Schäuble hatte die Partei als "Schande für Deutschland" bezeichnet. Die AfD schüre Vorurteile gegen Ausländer und Minderheiten. Bereits im September hatte Schäuble die AfD mit den rechtsextremen Republikanern verglichen, die in den Neunzigerjahren bei manchen Wahlen erfolgreich waren.

Lucke war selbst Anfang des Jahres durch zweifelhafte Äußerungen über Ex-Fußballer Thomas Hitzlsperger aufgefallen, der kurz zuvor öffentlich über seine Homosexualität gesprochen hatte. Luckes Botschaft damals: Unter Ausgrenzung würden in Deutschland nicht etwa homosexuelle Paare leiden, bedroht seien klassische Beziehungen. Seit ihrer Gründung sendet die AfD subtile und weniger subtile Lockrufe an erzkonservative, bibeltreue und homophobe Wähler.

Allerdings agitiert die Parteiführung nicht offen gegen Schwule und Lesben. Auch Lucke schickte einen Tag nach seiner Hitzlsperger-Rede eine Klarstellung an alle Mitglieder: "Selbstverständlich habe ich mich in keiner Form homophob geäußert."

vek/dpa

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