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15. April 2019, 16:43 Uhr

AfD

Die besorgten Spanner

Eine Kolumne von

Spendenverdruss, Flügelkämpfe, kein Plätzchen im Parlamentspräsidium: Die AfD hat echt keinen schönen Frühling. Höchste Zeit für etwas Solidarität mit den bedauernswerten Rechtspopulisten.

Das ist jetzt eine Zumutung, stimmt schon. Sie wollten vielleicht nichts mehr über diese Partei lesen, ich wollte auch gar nichts mehr über sie schreiben, aber da müssen wir durch, denn das ist wichtig: Die AfD braucht dringend Hilfe. Es läuft einfach zu schlecht.

Immer neue Enthüllungen über Strohmann-Spenden bringen die Parteispitze in Erklärungsnöte, drohende Rückzahlungen schränken ihren finanziellen Spielraum ein - ausgerechnet jetzt, wo doch jeder Cent für den Europawahlkampf gebraucht würde. Parteifunktionäre verlassen die AfD wegen der fortgesetzten Radikalisierung durch den rechtsradikalen "Flügel", zuletzt hat der Ko-Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag hingeschmissen, er würde jetzt lieber zur CSU gehören, ausgerechnet.

Die übergroße Mehrheit der Abgeordneten im Deutschen Bundestag verweigert bisher allen AfD-Kandidatinnen und Kandidaten boshafterweise die Wahl ins Parlamentspräsidium. Und dann kommt auch noch heraus, dass der AfD-Abgeordnete Markus Frohnmaier in geleakten Mails aus der russischen Administration als vollkommen kontrollierbare Handpuppe dargestellt wird.

Stöckchen gesucht

Vorbei die schönen Zeiten, als sich Medien und Öffentlichkeit tagelang über jede neue Provokation der AfD aufregten und ihr damit erst so richtig Aufmerksamkeit bescherten. Jetzt berichten die Medien nur noch über dröge Spendenlisten und dubiose Milliardäre aus der Schweiz. Die Flüchtlingskrise spielt sich längst wieder jenseits der deutschen Grenzen ab, kein islamistischer Anschlag in letzter Zeit, kein spektakulärer Übergriff in den Schlagzeilen. Die AfD braucht dringend wieder ein Stöckchen, über das zu springen alle bereit sind.

Einen dankenswerten Versuch der Stöckchendrechselei hat man nun in Berlin unternommen. "Definitiv ein Hingucker", befindet stolz der dortige AfD-Landesverband. Wer sich solche Mühe gibt, darf ein wenig Beachtung finden. Soll niemand sagen, die Medien würden die wackeren Wahlkämpfer totschweigen. Also gut, nehmen wir Anlauf.

Am Berliner Adenauerplatz haben die Berliner AfD-Strategen eine furchtbare Szene ausgestellt: Auf einem Sklavenmarkt wird eine nackte junge Frau zur Schau gestellt, drei Männer drängen sich um sie, alle drei klischeehaft orientalisch gekleidet. Der eine in Weiß, mit Vollbart und grobschlächtigem Gesicht, er könnte der Sklavenhändler sein. Der Zweite, mit einem prunkvollen Umhang in Grün und Gold, scheint am Kauf interessiert. Prüfend steckt er der jungen Frau zwei Finger in den Mund, offenbar kontrolliert er ihre Zähne. Hinter ihm steht ein Mann in Rot mit grünem Turban, er blickt dem Käufer über die Schulter, will auch einen Blick abbekommen auf die erniedrigte Nackte.

"Damit aus Europa kein 'Eurabien' wird!" hat die AfD über die Sklavenmarktszene geschrieben - es ist ihr Argument, Stimmen bei der Europawahl zu erhalten. "Das Bild ist Teil der AfD-Serie 'Aus Europas Geschichte lernen'", steht noch dabei. Ganz offensichtlich bildet das Gemälde jedoch keine Szene aus der europäischen Geschichte ab. Wird hier vor der Wiederkehr von Zuständen gewarnt, die es gar nicht gab? Was könnte das Plakat bedeuten?

"Der Sklavenmarkt" des französischen Historienmalers Jean-Léon Gérome ist 1866 entstanden, das Gemälde ist ein Beispiel für den Stil des Orientalismus, den damals populären eurozentrisch geprägten Blick auf den Orient. Diese Sichtweise interessiert sich nicht für die dort realen gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern drückt allein die eigene Projektion auf die mysteriösen Länder in der Ferne aus: alles irgendwie bunt, wild, fremd - und so ganz anders als die aufgeklärte Gesellschaft Europas.

"Die unbestimmte, weit entfernte Lage ermöglichte es den französischen Zuschauern des 19. Jahrhunderts, die in Europa verbotene Sklaverei zu tadeln, während sie sich den weiblichen Körper anschaute", zitiert der "Tagesspiegel" das im US-Staat Massachusetts ansässige "Clark Kunst Institut", in dessen Sammlung sich das Original befindet.

Das also hat die AfD "aus Europas Geschichte" gelernt: Genauere Sachkenntnis über das Objekt der Erregung ist nicht notwendig, es reicht die eigene, kleingeistige Fantasie, um sich bedroht zu fühlen und gleichzeitig moralisch und zivilisatorisch überlegen.

Als Bonus gibt es noch eine nackte Frau zu bestaunen. Dieses abgeschmackte, 150 Jahre alte Klischee fasst den Europawahlkampf der AfD des Jahres 2019 erstaunlich treffend zusammen: Die besorgten Bürger plakatieren sich selbst als hängen gebliebene, angstlüsterne Spanner.

Es ist schon wahr: Die AfD braucht dringend Hilfe. Vielleicht kann Putin ein Team von Kunsthistorikern schicken. Und Psychologen.

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