Medien und Politik Die Rechtspublizisten der AfD

Die AfD fabuliert von der Pinocchio-Presse, dabei sind viele ehemalige Journalisten in der Partei. Nun soll auch noch ein Medienpreis verliehen werden - benannt nach einem DDR-Chefkommentator.
AfD-Chefin Petry

AfD-Chefin Petry

Foto: Bernd Von Jutrczenka/ dpa

Karl-Eduard von Schnitzler war vielen Menschen in der DDR verhasst. In seiner Sendung "Der schwarze Kanal" montierte er Filmausschnitte des Westfernsehens gegeneinander, attackierte Woche für Woche den "Klassenfeind" in der Bundesrepublik.

Das Leben in der DDR dagegen pries das SED-Mitglied in höchsten Tönen, der vermeintliche Arbeiter- und Bauern-Staat war ihm bis zuletzt "die Alternative zum unmenschlichen Kapitalismus".

Fünfzehn Jahre nach seinem Tod soll "Sudel-Ede", wie DDR-Bürger von Schnitzler nannten, wieder einer breiteren Öffentlichkeit bekannt werden: Der niedersächsische AfD-Landesvorstand plant, einen nach ihm benannten Preis ins Leben zu rufen. Ein "Negativ-Preis", so die Partei, soll Journalisten verliehen werden, die es aus Sicht der rechtspopulistischen Partei mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. "Die AfD beklagt eine immer größere Vermischung von Kommentar und Berichterstattung", begründet der Landesvorstand den skurrilen Vorstoß.

Das Projekt steht erst am Anfang, vieles ist unklar: Wie der Preis aussehen soll, wer in das Jurorenteam berufen sowie wann und an wen er vergeben wird. Anvisiert sei eine Verleihung im kommenden Frühjahr, sagt Armin-Paul Hampel, AfD-Landesvorsitzender. Hampel, Jahrgang 1957, war selbst Journalist, jahrelang arbeitete er für die ARD, als Parlamentskorrespondent in der Hauptstadt, als Leiter des Südasien-Studios im indischen Neu-Delhi.

In der AfD-Führung sprechen sie von "Lückenpresse"

Die AfD und die Medien, das ist ein schwieriges Verhältnis: Auf Kundgebungen der AfD rufen sie oft "Lügenpresse". Die Parteielite jedoch meidet diese Art der Diffamierung, schließlich will sie Kontakt zu Journalisten haben, und mancher hält sie auch für falsch. AfD-Chefin Frauke Petry spricht zum Beispiel lieber von der "Pinocchiopresse".

Dennoch gibt es immer wieder Versuche, Medien auszugrenzen: Der Thüringer Landes- und Fraktionschef Björn Höcke schlug einst sogar ein "temporäres Pressemoratorium" vor. Doch drang der frühere Gymnasiallehrer - der oft von der "Lückenpresse" spricht - in der Führung damit nicht durch.

Das Verhältnis von Teilen der AfD zu Journalisten wirkt schizophren: Man verachtet sie und braucht sie zugleich. Hinzu kommt: Kaum eine andere Partei versammelt so viele Ex-Journalisten und frühere Publizisten, oft in führender Position. Zu den AfD-Gründungsmitgliedern gehören Alexander Gauland, einst Herausgeber der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" in Potsdam und Kolumnist im "Tagesspiegel", sowie Konrad Adam, der in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und in der "Welt" schrieb.

Während Gauland als AfD-Vize weiterhin ein zentraler Akteur ist, wurde es um Adam ruhiger. Als Redner bei der Basis aber ist er nach wie vor beliebt, oft zu Themen wie "Masseneinwanderung" oder "Familienpolitik". Jüngst holte der Berliner Landesverband Nicolaus Fest, einst Vize-Chef bei der "Bild am Sonntag", in die Partei. Auf seinem ersten öffentlichen Auftritt redete Fest freimütig über die Schließung von Moscheen - und brachte damit den örtlichen AfD-Chef Georg Pazderski in Erklärungsnöte.

AfD sucht Anerkennung durch "Mainstream-Medien"

Das AfD-Führungspersonal gibt gerne in rechten Blättern wie der "Jungen Freiheit" und "Compact" Interviews. Das Problem: Damit erreicht man nur ein Minderheitenpublikum. Trotz der von ihnen beschimpften "Altmedien" (O-Ton Höcke), wollen AfD-Politiker durch die "Mainstream-Medien" (in der Partei mit dem Kürzel "MSM" belegt) geadelt werden.

Das führt mitunter zu absurden Situationen: Leif-Erik Holm, AfD-Chef in Mecklenburg-Vorpommern, begrüßte nach seinem Wahlerfolg Journalisten in Berlin mit dem Satz: "Guten Tag, liebe Kollegen, ich darf das so sagen." Holm war zuletzt Radiomoderator, seine Bemerkung kam unter den Korrespondenten nicht gut an: Ihm schallte ein "Nein" entgegen.

AfD-Rechtsaußen Höcke träumt seit einiger Zeit von einer eigenen Medienmacht. Der "Aufbau eines alternativen Medienverbundes mit privilegiertem Zugang an Informationen" sei "zu forcieren", schreibt er auf seiner Facebook-Seite.

Höcke holte im Sommer den früheren Journalisten Günther Lachmann, er arbeitet nun in der Thüringer AfD-Landtagsfraktion an der "strategischen Kommunikation". Lachmann, der für die "Welt" über die AfD berichtet hatte, war wegen eines Beratungsangebots an die Partei vom Springer-Verlag entlassen worden.

Petry wiederum nahm sich im Sommer als Medienberater Michael Klonovsky zur Seite, einst führender Redakteur beim Magazin "Focus". In seinem Blog kritisiert der Ex-Journalist nunmehr ausgiebig die Branche, der er selbst über zwei Jahrzehnte angehörte und nennt sie gerne sarkastisch "Qualitäts- und Wahrheitspresse".

Auch frühere TV-Moderatoren zieht es zur AfD. Der einstige Sat.1-Nachrichtensprecher, Hans-Hermann Gockel, referiert seit einiger Zeit vor der Parteibasis. Jüngst veröffentlichte er ein Buch mit dem düsteren Titel "Finale Deutschland". Der 62-Jährige ist kein Parteimitglied, das hindere ihn aber nicht, "der AfD meinen Respekt zu zollen". Die Partei, sagte er auf einer AfD-Veranstaltung im sächsischen Freiberg, "ist der Stachel im Fleisch der Pharisäer". Vergangene Woche sprach er auf Einladung der sächsischen AfD-Landtagsfraktion in Hoyerswerda zum Thema "Extremismus".

Im Berliner Landesverband engagiert sich ebenfalls ein bekanntes TV-Gesicht aus früheren Zeiten: Giselher Suhr, einst DDR-Korrespondent der ZDF-Sendung "Kennzeichen D". Der 71-Jährige, früher in der SPD, stellt auf seinem Youtube-Kanal Interviews mit und Auftritte von AfD-Politikern ein.

Suhr übrigens ist einer der West-Journalisten, dem Karl-Eduard von Schnitzler herzlich abgeneigt war. Am 11. November 1985, nach dem Tode des Verlegers Axel Springer, spöttelte der rote Adlige in seinem "Schwarzen Kanal", der Kapitalismus brauche seine Meinungsmacher "und solche Art Meinungsmacher wie Boehnisch, Lueg, Löwenthal oder Giselher Suhr brauchen den Kapitalismus."

Auf den Ausschnitt scheint AfD-Mitglied Suhr stolz zu sein. Er hat ihn auf seinem Youtube-Kanal hochgeladen.


Zusammengefasst: Das Verhältnis in Teilen der AfD zu Journalisten wirkt schizophren: Man verachtet sie und braucht sie zugleich. Medienhäuser werden verunglimpft, die Berichterstattung scharf kritisiert. Zugleich will man nicht nur ein Minderheitenpublikum erreichen. Hinzu kommt, dass kaum eine andere Partei so viele Ex-Journalisten und frühere Publizisten versammelt - und die kritisieren ihre frühere Branche gern und ausgiebig.