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Baden-Württemberg: Debakel in Mannheim

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AfD-Erfolg in Mannheimer SPD-Hochburg Der Fall der letzten Bastion

Der Norden Mannheims war die SPD-Hochburg in Baden-Württemberg. Jetzt verloren die Sozialdemokraten dort auch ihren letzten Wahlkreis. Stattdessen holte die AfD ein Direktmandat. Wie konnte es so weit kommen?

Mannheim-Schönau wirkt wie gemacht für die SPD. Hier, im Norden der Stadt, leben traditionell viele Arbeiter: Das Benz-Werk ist nicht weit. Es gibt großzügige Siedlungshäuser und scheinbar endlose Reihen mit Sozialwohnungen. Handwerkerglück und sozialer Brennpunkt. Der Ausländeranteil ist hoch. Geschäfte heißen hier "Yildiz Döner" und "Akin Supermarkt".

Die SPD ist tief verwurzelt auf der Schönau, wie man hier sagt, und in den meisten anderen Stadtteilen des Nordens. Ihre Mitglieder sitzen in fast allen Vereinen, sie organisieren Feste, kümmern sich um Menschen, denen es nicht gut geht. Die Mehrheit im Bezirksbeirat ist rot. Man kennt sich - und das zahlte sich lange Zeit auch in Wahlergebnissen aus, im Norden und vor allem auf der Schönau.

Noch um die Jahrtausendwende kamen die Sozialdemokraten hier bei Bundes- und Landtagswahlen auf über 50 Prozent. Mannheim war damit so etwas wie die letzte rote Bastion in einem Land, das von Haus aus konservativ wählt - ob mit schwarzem oder mit grünem Anstrich. Diese Bastion ist jetzt gefallen.

Stefan Fulst-Blei heißt der SPD-Politiker vor Ort, im Wahlkampf machte er mit einem HipHop-Video  Schlagzeilen. Einst war Fulst-Blei Fraktionschef im Gemeinderat, später parlamentarischer Geschäftsführer seiner Partei im Landtag. 2011 wurde er direkt ins Parlament gewählt - als einziger Sozialdemokrat in Baden-Württemberg. Dann kam die AfD.

Die Rechtspopulisten haben triumphiert. Nicht irgendwo im Osten, in Freital oder Bitterfeld. Sondern mitten im Südwesten der Republik. AfD-Kandidat Rüdiger Klos holte mit Mannheim Nord einen von zwei Wahlkreisen für die Partei - mit 23 Prozent, während im bürgerlichen Süden der Stadt erneut ein Grüner siegte. Auf der Schönau stimmten 30,1 Prozent für die AfD. Das sind sachsen-anhaltinische Verhältnisse.

Karl-Christian Schroff seufzt und lässt seinen Schlüssel klappernd durch die Hände fahren. Er sitzt im Büro des Schönauer SPD-Ortsvereins. Ein paar einfache Holztische wurden in der Mitte zusammengeschoben, an den Wänden hängen Wahlplakate. Auch eines von Schroff ist dabei.

SPD-Politiker Karl-Christian Schroff

SPD-Politiker Karl-Christian Schroff

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Der Tierarzt ist Bezirksbeirat und sitzt im Kreisvorstand der SPD. "Wir sind schockiert", sagt er. "Das Ergebnis hat uns alle überrascht." Schroff macht ein frustriertes Gesicht. "Wer rassistisch wählt, muss jetzt auch mit den Konsequenzen leben."

Der 49-Jährige ist eigentlich ein freundlicher Mann mit grau-schwarzen Haaren und einem Ring im Ohr. Ursprünglich stammt er aus Konstanz, später studierte er in München. SPD-Mitglied ist er seit der Wende, vor mehr als elf Jahren kam er nach Mannheim. Er hat den Wandel der Partei miterlebt.

Kandidaten noch nie gesehen

Schroff sagt, man habe die eigenen Erfolge nicht gut kommuniziert. Man habe die Geschichten nicht erzählt von den Gemeinschaftsschulen, von den Polizisten, von den Geldern, die man in den sozialen Wohnungsbau gesteckt habe: Allein in den Mannheimer Norden seien in den vergangenen Jahren Millionen Euro geflossen. Stattdessen habe die SPD im Land mit einfachen Schlagworten wie "Bildung. Zukunft" plakatiert.

Der AfD reichten offenbar Schilder mit der Aufschrift "Asylchaos stoppen". Schroff sagt, er habe Klos, den Kandidaten der Rechtspopulisten, noch nie im Mannheimer Norden gesehen. "Es gab keine Infostände und keine Veranstaltungen."

Trotzdem reichte es für die AfD. Warum?

An der Endhaltestelle der Straßenbahn treffen sich die sozial Abgehängten und trinken ihr Dosenbier. Es gibt einen Jugendclub, eine Apotheke und einen Kiosk. Jemand hat "307" auf eine Wand gesprüht - die letzten drei Ziffern der Postleitzahl des Stadtteils.

Ein älterer Mann, Halbglatze, aufgesprungene Lippen, schiebt sein Fahrrad über die Straße. "Die Grünen sind eine Schwuchtelpartei", schimpft er. Und: "Unser Land geht noch kaputt mit der Merkel und den Asylanten." Er habe diesmal die AfD gewählt, sagt der Mann. "Um mal ein Zeichen zu setzen." Und die SPD? Der Rentner winkt ab. "Das ist doch alles das Gleiche."

Protestwahl, Politikverdrossenheit, Fremdenfeindlichkeit. Man kann in Mannheims Norden beides sehen: Den Niedergang der Sozialdemokratie und den Aufstieg der Rechtspopulisten.

"Blankes Entsetzen"

Das Rathaus in der Mannheimer Innenstadt, erster Stock. Andrea Safferling sitzt im Büro der SPD-Fraktion, blonde Mähne, die Brille baumelt um den Hals. Safferling war Zweitkandidatin hinter Fulst-Blei, sie ist Stadträtin und Vorsitzende des Schönauer SPD-Ortsvereins. Den Wahlschock hat sie noch nicht verdaut.

"Uns ist reihenweise das Gesicht heruntergefallen", sagt sie. "Das war blankes Entsetzen, man kann es noch gar nicht fassen." Klar, man habe damit gerechnet, dass es diesmal knapp werden könnte. Grüne und CDU waren ebenfalls mit starken Kandidaten angetreten. Und klar, auch viele AfD-Stimmen habe man auf dem Zettel gehabt. Flüchtlinge waren ja auch in Mannheim das beherrschende Thema. Aber so ein Ergebnis?

"Man denkt, man macht gute Arbeit", sagt Safferling, "und dann kommt jemand, der noch nie vor Ort war, und holt den Wahlkreis." Die Politikerin schüttelt den Kopf. "Viele Menschen haben offenbar das Vertrauen in die SPD verloren", sagt Safferling. "Das war eine Protestwahl. Die Menschen haben Angst und lassen sich dann einlullen."

Die Abwärtsspirale der SPD begann aber nicht erst mit der Flüchtlingskrise. "Alles hat mit Schröders Agenda 2010 angefangen", erzählt Safferling. "Das muss man natürlich auch sagen." Dieser Stachel sitzt immer noch tief.

Die Ironie dabei: Kandidat Fulst-Blei ist trotzdem im Landtag. Mit seinen 22,2 Prozent fuhr er sogar wieder das beste SPD-Ergebnis in Baden-Württemberg ein. Auch das sagt viel aus über den Zustand der Sozialdemokraten.

Fulst-Blei selbst ist kurz nach der Wahl nicht zu erreichen, in Stuttgart erörtern die Parteien ihren künftigen Kurs. Andrea Safferling will in Mannheim nicht aufgeben. "Wir müssen die Demokratie verteidigen", sagt sie. "Wir wollen den Mannheimer Norden zurück haben, und wir werden ihn uns auch wiederholen." Immerhin, die Sozialdemokraten kämpfen noch.