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Besuch im AfD-Land: "Es muss sich doch was ändern"

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Sachsen Wilsdruff: 13.900 Einwohner, 10 Asylbewerber - 36 Prozent AfD

Eine Kleinstadt im beschaulichen Speckgürtel von Dresden. Asylbewerber sieht man hier selten bis gar nicht. Trotzdem hat jeder Dritte die AfD gewählt. Warum?

Ja, es war ein Risiko, sagt die Verkäuferin im Modeladen am Marktplatz. Der Gauland sei eine Katastrophe und natürlich müsse man gegen den Klimawandel und für die EU kämpfen. Trotzdem hat Ramona B., 59, am Sonntag die AfD gewählt. "Es muss sich doch was ändern."

Wie der Verkäuferin geht es vielen Menschen in der Kleinstadt Wilsdruff eine halbe Autostunde westlich von Dresden. Hier gab gut jeder Dritte seine Erst- (38 Prozent) und Zweitstimme (36 Prozent) der AfD. Sie schnitt deutlich besser ab als die CDU (28 Prozent der Erststimmen, 32 Prozent der Zweitstimmen).

Wilsdruff liegt im Wahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, dem Wahlkreis von Frauke Petry, in dem insgesamt knapp 36 Prozent der Zweitstimmen an die AfD gingen. In manchen Gemeinden holte die Partei sogar mehr als 40 Prozent , in allen ist sie nun stärkste Kraft.

Warum?

Ein Foto habe sie überzeugt, sagt Ramona B. Kurz vor der Bundestagswahl sah sie es im Fernsehen. Es zeigte eine blonde Frau, die an Silvester von Männern mit dunkler Haut bedrängt wurde. Der Sender entlarvte das Bild als Montage. "Trotzdem: Da ist doch was passiert in Köln!", sagt Ramona B. Sie habe gar nichts gegen Ausländer. "Aber wenn das überhand nimmt, ist das nicht gut fürs Land."

Das Thema Zuwanderung kommt in Wilsdruff schnell auf, wenn man nach dem Wahlsieg der AfD fragt. Unweit vom Modeladen entfernt biegt ein 64-jähriger untersetzter Mann mit dunkelblonden, stoppeligen Haaren in ein Seitengässchen ein. Auch er habe die AfD gewählt, erzählt er, wie die meisten seiner Bekannten.

"Ich muss doch wissen, wer in mein Land kommt", sagt er. Merkel hätte zugeben müssen, dass es ein Fehler war, so viele fremde Menschen über die Grenze zu lassen. Mit dem Geld, das die Integration koste, hätte man lieber Schulen sanieren und Kindergärten bauen sollen.

Auch er hält etwas von EU und Klimaschutz und wenig von Gauland und den schwammigen Rentenplänen der AfD. Doch die innere Sicherheit sei nun einmal sehr wichtig. Da sei es auch egal, wenn Frauke Petry ihren Wahlkreis nicht in der neuen Bundestagsfraktion vertrete. "Ich habe die Partei gewählt, die Personen sind austauschbar."

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Besuch im AfD-Land: "Es muss sich doch was ändern"

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Weder dieser Rentner noch Verkäuferin Ramona B. berichten von konkreten Problemen mit Flüchtlingen. In Wilsdruff leben laut Stadtverwaltung derzeit zehn Asylbewerber unter 13.900 Einwohnern. Rechte Ausschreitungen wie in Freital oder in Heidenau, die im selben Wahlkreis liegen, gab es hier nicht.

Trotzdem treibt die Angst vor Überfremdung - und vor Terror - auch viele Menschen um, die nicht für die AfD gestimmt haben. Es müsse mehr gegen Anschläge getan werden, sagt Marie-Christin Saalbach, 21, die mit ihrer kleinen Tochter und ihrer Oma zum Marktplatz spaziert. Auch deshalb habe sie die FDP gewählt.

Und so fällt es Kanzlerin Merkel und ihrer CDU auf die Füße, dass sie hier in Sachsen immer noch für die Willkommenskultur von 2015 steht - obwohl sie so oft beteuert, die Außengrenzen sichern zu müssen, obwohl sie den Familiennachzug massiv eingeschränkt und den EU-Türkei-Deal abgeschlossen hat, um Flüchtlinge aus Griechenland in die Türkei zurückzuschicken.

Ralf Rother, CDU, ist seit 2003 Bürgermeister von Wilsdruff. Er habe in der vergangenen Zeit oft die Frage gehört, warum für das Thema Migration so viel Geld vorhanden sei, für die Bildung und insbesondere für neue Lehrer aber nicht, sagt er. Darüber sei vor Ort immer wieder "Unverständnis" geäußert worden.

Tobias Fuchs

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"Es ist eine Auflehnung gegen die CDU", sagt AfD-Politiker Tobias Fuchs, 43, der im März in Wilsdruff ums Bürgermeisteramt kandidierte. Die Region war jahrzehntelang eine Hochburg der CDU. Doch die sei längst nicht mehr so konservativ wie noch vor zehn Jahren, sagt Fuchs. "Viele ihrer Programmpunkte hat die AfD übernommen."

Außerdem habe das "AfD-Bashing", das ständige Niedermachen in Politik und Medien, zum Wahlerfolg seiner Partei beigetragen, sagt Fuchs. "Ich vermisse es völlig, dass man sich sachlich mit den Forderungen der AfD auseinandersetzt."

Auch den 64-jährigen AfD-Wähler mit den stoppeligen Haaren, der seinen Namen nicht nennen möchte, hat die Ablehnung eher bestärkt. "Sobald man etwas gegen die Flüchtlingspolitik der Regierung sagt, wird man in die rechte Ecke gestellt", sagt er. "Das ist nicht mehr die Demokratie, die wir mal wollten."

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