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Wahlerfolg der AfD Regelrechter Rausch

Die AfD bejubelt in einem Berliner Klub den größten Triumph ihrer Geschichte - und mahnt die Mitglieder zu Geschlossenheit und Mäßigung. Beides gelingt leidlich.

Es wirkt, als könne die AfD einfach nicht mehr warten. Um 17.45 Uhr betritt Alexander Gauland die Bühne im Berliner Traffic Club. Bis zur ersten Prognose sind es noch 15 Minuten, doch der Spitzenkandidat der AfD scheint unbedingt jetzt schon jubeln zu wollen.

Als es dann so weit ist und die Prognose von mehr als 13 Prozent Realität wird, fallen blaue und weiße Luftballons von der Decke der Diskothek. Die Rechtspopulisten singen die Nationalhymne und stimmen Schlachtrufe an: "AfD, AfD, AfD".

Videoanalyse zum AfD-Erfolg:

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Gauland trifft den Ton seiner siegestrunkenen Parteifreunde: "Wir werden dieses Land verändern", ruft er. "Wir werden sie jagen, Angela Merkel oder wen auch immer, und wir werden uns unser Land zurückholen." Und wieder ertönen laustarke AfD-Rufe.

Gaulands Äußerungen und die Reaktionen darauf zeigen: Hier feiert nicht irgendeine Partei ihren ersten Einzug in den Bundestag. Die AfD hat Rechtsradikale in ihren Reihen, sie verharmlost die Verbrechen des Nationalsozialismus und pflegt eine islam- und ausländerfeindliche Rhetorik. Die Rechtspopulisten werden das Parlament verändern, so wie sie es bereits mit 13 Landtagen getan haben.

Hinter vorgehaltener Hand kursierten die Prognosen bereits am Nachmittag, zeitweise war sogar die Rede von einem noch besseren Ergebnis. Der vermutete Hintergrund: Die AfD-Wähler könnten besonders motiviert gewesen sein und zu einem großen Anteil bereits am Vormittag gewählt haben.

Reichlich Bier und andere alkoholische Getränke gehen im Traffic Club über den Tresen, bereits um 17 Uhr müssen die Kühlschränke nachgefüllt werden. Vor der kleinen Bühne, dort, wo sonst getanzt wird, herrscht massives Gedränge, schwitzende AfD-Funktionäre und Kameraleute kämpfen um die wenigen Plätze, immer wieder tönt lautstarke Musik durch den Raum, "Crying at the Discoteque".

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BTW 2017: Die ersten Lehren aus der Wahl

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Niedersachsens AfD-Chef fordert Disziplin

"Wir sind der natürliche Nachfolger der CDU", sagt Armin Paul Hampel, AfD-Landeschef in Niedersachsen, nachdem sich die Lage etwas beruhigt hat. Er sagt das ohne jede Ironie. In Hampels Bundesland wird in drei Wochen ein neuer Landtag gewählt, der Wahlkampf geht auch an diesem Abend weiter. Hampel hofft auf ein "zweistelliges Ergebnis" in Hannover und fordert von der Bundespartei in den kommenden Wochen "Disziplin und konstruktive Arbeit".

Tatsächlich ist dies, der leise Zweifel an der eigenen Professionalität und Geschlossenheit, das Einzige, was den Abend für die AfD trübt. Ein mögliches Ergebnis von mehr als 13 Prozent bedeutet voraussichtlich den Einzug von mehr als 85 AfD-Abgeordneten in den Bundestag. Schon jetzt ist klar, dass der Rechtsaußen-Flügel die Fraktion dominieren wird.

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Reaktionen bei den Parteien: Schock und Jubel

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Jörg Nobis, AfD-Fraktionschef im schleswig-holsteinischen Landtag, sieht Gauland und dessen Co-Spitzenkandidatin Alice Weidel in der Pflicht: "Die neue Fraktionsführung wird eine große Verantwortung haben, die Partei zusammenzuhalten."

An diesem Abend aber tritt Weidel erst eine Stunde nach Gauland auf, die erste Rede nach dem Spitzenkandidaten hält Beatrix von Storch, die stellvertretende Parteichefin. Nobis sagt, die AfD habe zwei Flügel, der gemäßigte Teil der Partei um Frauke Petry müsse "Vertrauen zurückgewinnen".

"Keine Sprüche, die uns später auf die Füße fallen"

Auch Gauland warnt: "Der Kampf ist noch nicht vorbei." Im Wahlkampf hatte er selbst immer wieder Grenzen überschritten und etwa gesagt, man solle die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz (SPD) "in Anatolien entsorgen". Anfang September forderte er bei einer Rede das Recht ein, "stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen".

Am Wahlabend verlangt er nun etwas überraschend von seinen Parteifreunden, "keine Sprüche zu machen, die uns später auf die Füße fallen". Eine taktische Kehrtwende?

Doch bereits von Storch will sich erkennbar nicht an die neue Vorgabe halten. Den meisten Applaus erhält sie, als sie fordert, "den Spruch 'Refugees Welcome' wieder zu dem zu machen, was er einmal war: ein Spruch von linksradikalen Spinnern".

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