Stefan Kuzmany

AfD gegen Islam Partei sucht Problem

Mit ihrer absurden Attacke auf den Islam will sich die AfD wieder in den Vordergrund spielen. Da wird sie sich noch etwas mehr einfallen lassen müssen.
Christliche und muslimische Pfadfinder in Rhens

Christliche und muslimische Pfadfinder in Rhens

Foto: Theodor Barth/DER SPIEGEL

Wie das so ist mit Geschenken für verzogene Kinder: Zuerst gibt es nichts Wichtigeres auf der Welt, aber das gibt sich schnell. Nach kurzer Zeit liegen sie in der Ecke. Sie sind alt, sie sind langweilig, etwas Neues muss her. Die AfD wünscht sich also ein neues Geschenk: eine möglichst knallige Debatte über den Islam in Deutschland.

Zwar wirken die Spitzenleute der AfD äußerlich alles andere als jugendlich, eher etwas aus der Zeit gefallen, aber die aktuell kursierenden Entwürfe für ein Grundsatzprogramm ihrer Partei offenbaren dennoch ein erstaunlich infantiles Verständnis von Politik und öffentlicher Meinung. Sie scheinen zu glauben, man müsse nur eine möglichst übel riechende Flatulenz in den öffentlichen Raum entlassen, und schon habe man die Aufmerksamkeit der Umstehenden gewonnen. Am besten, man ruft dann noch möglichst laut: "Hier stinkts!"

Die Protestpartei braucht ein Protestthema

In einem erfrischend ehrlichen Interview hat der AfD-Vize Alexander Gauland die Flüchtlingskrise einmal als "Geschenk" für seine Partei bezeichnet. Das ließ tief blicken in die Gedankenwelt dieses Mannes: Nicht die Lösung des Problems scheint ihm wichtig zu sein, sondern, ganz im Gegenteil, die Existenz des Problems. Seine rechtspopulistische Protestpartei kann sich nur dann im öffentlichen Bewusstsein verankern, wenn es möglichst krasse Missstände gibt, gegen die sie protestieren kann. Die Bewältigung der Flüchtlingskrise ist ein solches Problem.

Für die AfD ist es in dieser Logik recht misslich, dass nun kaum noch Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Die Auffanglanger stehen leer, die Turnhallen werden frei. Also muss ein anderes Problem her, eines, mit dem sich mindestens genauso viel Angst schüren lässt wie mit den Flüchtlingen. Eines, das anschlussfähig ist für unentschlossene Verunsicherte genauso wie für eingefleischte Rechtsradikale.

Die Eurokrise, einst Gründungsthema der AfD, kommt für diese Zwecke momentan nicht infrage: Zwar schwelt sie weiter, aber zu sehr ist die Kritik an der gemeinsamen Währung verbunden mit dem mittlerweile vom Hof gejagten Parteigründer Bernd Lucke, und zu kompliziert sind die ökonomischen Zusammenhänge, um damit besorgten Bürgern die Zornesröte ins Gesicht zu treiben. Geeigneter dafür scheint die Rundfunkabgabe, vulgo Zwangsgebühr für Lügenmedien, die ist aber zu klein für eine echte Aufwallung der Massen. Ebenso der Kampf gegen Gender-Mainstreaming und Political Correctness, weitere Lieblingsziele der AfD.

Nein, der Islam soll es jetzt sein. Naheliegend, denn auch wenn aktuell nicht mehr viele Flüchtlinge kommen - die bereits angekommenen sind noch da. Und nicht nur diese stammen überwiegend aus islamisch geprägten Kulturen, dazu kommen all die anderen, nicht geflüchteten, sondern regulär eingewanderten Muslime. Und diese Menschen bekommen auch noch Kinder, die möglicherweise ebenfalls muslimisch erzogen werden. Es nimmt kein Ende.

Hand ab, weil Scharia

Klar, hört man aus der AfD, Muslime dürfen Muslime bleiben. Aber bitte nur ganz privat. Denn ihre Religion sei eigentlich gar keine Religion, sondern eine politische Ideologie, ausgerichtet auf weltweite Machtübernahme.

Die strebt zwar auch das Christentum an ("Gehet hin und lehret alle Völker", Matthäus 28,19), aber die Christen sind eben keine Minderheit, gegen die sich Stimmung machen ließe. Diese Moslems mit ihren fremden Sprachen und seltsamen Riten aber schon. Die reden so komisch untereinander, was haben sie vor? Die AfD malt das Schreckensbild einer islamischen Invasion in Deutschland, einem Land, in dem Frauen bald nur noch vollverschleiert, wenn überhaupt, auf die Straße gehen dürfen, wo sie und ihre dann bärtigen Männer mehrmals täglich vom allgegenwärtigen Ruf des Muezzins zum Gebet genötigt werden. Und wenn einer mal etwas klaut, dann Hand ab, weil Scharia. Darum muss dieser gefährliche Islam schnell reglementiert und womöglich verboten werden, bevor es zu spät ist.

Man muss schon bedauerlich wenig Vertrauen in die Behauptungskraft der westlichen Kultur haben, um in solchen Alarmismus zu verfallen - eigentlich seltsam für eine Partei, die Deutschland wieder großartig machen möchte. Der haarsträubende Unsinn der islamophoben AfD-Vision erschließt sich dabei beim ersten Blick auf unsere gesellschaftliche Realität: Seit Jahrzehnten leben Muslime in großer Zahl in Deutschland. In der politischen Debatte um die Einführung der Scharia sind sie dabei erstaunlich still geblieben. Kein Wunder: Es gibt diese Debatte nicht.

Akribisch im Koran geblättert

Wollen wir aber nichts verharmlosen: Es gibt eine besorgniserregende Anzahl von Fanatikern, die sich, anstatt die Vorzüge unseres verfassungsgemäß garantierten freien Lebensstils zu genießen, lieber über den Koran beugen und sich die Köpfe darüber heiß reden, wie dessen wörtliche Auslegung demnächst in gesellschaftliche Realität überführt werden könnte.

Es sind dabei nicht nur Salafisten und IS-Anhänger, die ihre religiöse Obsession ins Zentrum des Diskurses zwingen wollen. Akribisch liest beispielsweise auch die AfD Niederbayern den Koran, in ihrem Programmentwurf listet sie Koransuren auf, die sie für nicht vereinbar mit dem Grundgesetz hält.

Die übergroße Mehrheit der hier lebenden Menschen jedoch lebt, liebt, liest, lacht - den lieben langen Tag lang, ohne dabei allzu viel über die aggressive Verbreitung göttlicher Gebote nachzudenken. Selbst Pegida, das personelle Hauptreservoir der Abendlandsbewahrer, schwächelt seit Monaten. Die AfD wird sich anstrengen müssen, um die von ihr so dringend gewünschte Aufregung über die drohende Islamisierung Deutschlands auch außerhalb der eigenen Reihen effektiv anzufachen. Wenn Ihnen also demnächst jemand in einer Fußgängerzone eine Koranausgabe aufdrängen will: Wundern Sie sich nicht. Vielleicht ist es Alexander Gauland.

Islamische Verbände in Deutschland

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.