AfD und die Kirchen Über Kreuz

Auf dem Katholikentag ist die AfD nicht erwünscht, diskutiert wird trotzdem über sie. Schon lange liegen Kirchen und Rechtspopulisten im Clinch - jetzt wird der Streit schärfer.

Werbung für den Katholikentag in Leipzig
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Ein Signal "der Offenheit und der Toleranz gegen jeden dumpfen Nationalismus" soll vom Katholikentag ausgehen, der in diesen Tagen Tausende nach Leipzig lockt. So hat es Thomas Sternberg erklärt, der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Eine deutliche Botschaft war das - auch an die Adresse der AfD. Deren Politiker sind, im Gegensatz zu anderen Parteienvertretern, zu Gesprächsrunden und öffentlichen Auftritten nicht eingeladen.

Es kam, wie es kommen musste: Führende AfD-Vertreter attackierten beide Volkskirchen - und zwar vehement.

Bayerns AfD-Landesvorsitzender Petr Bystron warf der katholischen und evangelischen Kirche vor, über ihre Wohlfahrtsverbände "unter dem Deckmantel der Nächstenliebe" ein Milliardengeschäft mit der Flüchtlingskrise zu machen. Der nordrhein-westfälische Landeschef Marcus Pretzell legte auf Twitter nach und bezeichnete die katholische Kirche als "Asylindustrieverband", der das Gespräch wegen der Angst vor "Geschäftsschädigung" ablehne.

Parteichefin Frauke Petry wiederum, mit Pretzell liiert, twitterte, wenn auch deutlich verhaltener als ihr Lebensgefährte: "Mit der rosaroten Brille durch den Tag - Hauptsache, den Altparteien wird nicht auf die Füße getreten."

Die Angriffe aus der AfD gegen die Amtskirchen sind nicht neu, überraschend ist jedoch die verbale Schärfe, die nun aufgelegt wird. In der AfD hatte sich in der jüngeren Vergangenheit vor allem die Europaabgeordnete Beatrix von Storch - eine konservative Gegnerin der Abtreibung und der Homoehe - damit hervorgetan. Nun schließen andere in der Partei auf. Der Konflikt spitzt sich zu. Die Kirchen jedenfalls reagierten empört auf die Vorwürfe zur Flüchtlingshilfe.

Evangelikale auf Parteitagen

Die AfD und die beiden großen Kirchen in Deutschland - es gibt eigentlich kein Verhältnis zueinander. Auf Parteitagen präsentieren sich vor allem Vertreter kleiner konservativer, evangelikaler Strömungen. So trat auf dem jüngsten AfD-Mitgliederparteitag in Stuttgart ein "Bischof Frederick Haas" auf - von der "Anglikanisch-Katholischen Diözese von Christus dem Erlöser" aus Malta. Prompt stellte die katholische Kirche klar, sie habe nichts mit dem Geistlichen zu tun, er gehöre nicht zur römisch-katholischen Kirche.

Bischof Haas hatte den Kurs der AfD, der in Stuttgart in einem Grundsatzprogramm verabschiedet wurde ("Der Islam gehört nicht zu Deutschland") mit dem Gottesbezug in der deutschen Verfassung indirekt verteidigt. "Es gibt, wenn man dem Grundgesetz verpflichtet ist, keinen anderen Weg, als sich zum Christentum zu bekennen", so der Bischof in seinem ökumenischen Morgen-Gottesdienst.

Seit Längerem zeichnete sich ab, dass die AfD mit den Amtskirchen und umgekehrt die Amtskirchen mit der AfD über Kreuz liegen. Im Herbst vergangenen Jahres hatte es auf dem Bundesparteitag in Hannover den Versuch von Delegierten gegeben, die AfD möge das Kirchenasyl für Flüchtlinge als Verstoß gegen das Grundgesetz bezeichnen. Das allerdings lehnte eine Mehrheit ab - damals.

Vize Gauland verteidigt Äußerungen seiner AfD-Kollegen

Mittlerweile hat sich die Tonlage zwischen der AfD und den christlichen Amtskirchen verschärft. ZdK-Präsident Sternberg begründete die Leipziger Absage an die AfD unter anderem damit, es sei unchristlich, Menschen auf ihre nationale Zugehörigkeit zu reduzieren. Er lese das AfD-Programm und finde Ressentiments an jeder Ecke. "Menschenverachtende Positionen haben aber auf dem Katholikentag keinen Platz", so Sternberg.

Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, hatte die AfD in der Vergangenheit scharf kritisiert (und war dafür von Petry angegangen worden). Jüngst plädierte er in einem Radiointerview dafür, er "halte nichts davon, die AfD jetzt generell und vor allen Dingen die Wählerinnen und Wähler der AfD generell jetzt zu verdammen". Man solle die Auseinandersetzung in der Sache suchen.

Davon scheint man nun weit entfernt. AfD-Vize Alexander Gauland, einst vier Jahrzehnte in der CDU und heute Landes- und Fraktionschef der AfD in Brandenburg, hält die Äußerungen seiner AfD-Kollegen Bystron und Pretzell für gerechtfertigt. "Ich habe an ihren Analysen nichts auszusetzen", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Gauland warf beiden großen Kirchen vor, die Türen zur AfD von Anbeginn zugeschlagen zu haben. Etwa mit Aktionen wie im vergangenen Herbst in Erfurt, als bei AfD-Demonstrationen des Thüringer Rechtsauslegers Björn Höcke die Außenbeleuchtung des Doms aus Protest ausgeschaltet worden sei. "Die Kirchen haben mit der Konfrontation angefangen, nicht wir, wir fürchten die Konfrontation nicht", sagte Gauland. Man sei zwar immer bereit zum Gespräch, aber "auf Augenhöhe". Die AfD werde nicht "in einer von uns für falsch gehaltenen Politik gegenüber den Kirchen mit Anpassung reagieren".

Dass der Katholikentag, der am Sonntag endet, keinen AfD-Politiker eingeladen hat, hält Gauland für verschmerzbar. "Wir sind", sagt der Parteivize mit Blick auf die jetzt entfachte Debatte, "auf dem Katholikentag doch präsent, obwohl wir gar nicht präsent sind." Damit hat Gauland in der Tat recht.

insgesamt 207 Beiträge
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zeisig 28.05.2016
1. Berechnende Doppelmoral.
Es ist doch kein Geheimnis, daß die Kirchen richtig gut an der Not anderer verdienen. Wenn die kirchlichen Hilfsdienste gut ausgelastet sind, dann rollt der Rubel. Und wen ich Herrn Bedford-Strohm sehe und höre, dann bin ich einfach nur froh darüber, rechtzeitig aus der katholischen Kirche ausgetreten zu sein.
doctoronsen 28.05.2016
2. Typisch AfD:
Die Kirchen machen das genau richtig. Die AfD beweist immer wieder, dass sie in Wahrheit keine seriöse, sachorientierte Auseinandersetzung suchen, sondern Plattformen für ihre Polemik und üble Nachrede. So agieren ihre "Politiker" ja auch in den Länderparlamenten.
fusselsieb 28.05.2016
3. Zu viel Einfluß
Wenn man Religion nüchtern betrachtet, dann ist das Indoktrination vom Kindesalter an. Alleine wir Christen müssen uns nun schon 2000 Jahre lang die Meinung und Weltanschauung samt Missionierung von einigen wenigen machthungrigen Oberen anhören. In einer aufgeklärten Gesellschaft sollt dafür kein Platz sein. Heutzutage treten zum Glück die radikalsten Ansichten und Methoden im Christentum kaum noch auf. Andere sind da noch nicht so weit. Trotzdem denke ich, sollte sich die Kirche/Religion aus allen öffentlichen Gebieten zurückziehen. Ersetzen sollte das eine allgemeine ethische und moralische Erziehung.
dieter 4711 28.05.2016
4. Bedford-Strohm
Zitat von zeisigEs ist doch kein Geheimnis, daß die Kirchen richtig gut an der Not anderer verdienen. Wenn die kirchlichen Hilfsdienste gut ausgelastet sind, dann rollt der Rubel. Und wen ich Herrn Bedford-Strohm sehe und höre, dann bin ich einfach nur froh darüber, rechtzeitig aus der katholischen Kirche ausgetreten zu sein.
Lieber zeisig, Bedford-Strohm gehört zur ev. Kirche und nicht zur kath. Kirche.
eternalchii 28.05.2016
5.
Was will eine Partei, die den christlichen und humanistischen Werten genauso wie der Religionsfreiheit in aller Öffentlichkeit abgeschworen hat, auf einem Kirchentag?
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