Radikalisierung einiger Parteimitglieder Chats der AfD-Bundestagsfraktion geleakt

Öffentlich-rechtlichen Medien sind 40.000 Beiträge aus einer Chatgruppe der AfD-Abgeordneten im Bundestag zugespielt worden. Die Nachrichten sind voller Hass – auf andere, aber auch die AfD selbst.
40.000 Nachrichten geleakt: Ein Mann mit AfD-Kappe beugt sich über ein Smartphone

40.000 Nachrichten geleakt: Ein Mann mit AfD-Kappe beugt sich über ein Smartphone

Foto: Monika Skolimowska/DPA

Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel wird als »Ratte« denunziert, für den angeblichen Umsturz in Deutschland müsse man sich für »gnadenlose Kämpfe« rüsten und über Jens Spahn werden schwulenfeindliche Witze gerissen: Ein Leak aus der Chatgruppe der AfD-Bundestagsfraktion vertieft das Bild einer durch und durch radikalisierten Partei.

Der interne Chat wurde dem NDR und dem WDR zugespielt , insgesamt 40.000 Nachrichten von 2017 bis nach der Bundestagswahl 2021 liegen den Sendern vor. In der streng vertraulichen Gruppe organisieren sich die Bundestagsabgeordneten der AfD, mindestens 76 der 92 AfD-Abgeordneten schrieben demnach regelmäßig in dem Chat mit.

»Uns fliegt langsam die Partei unterm Arsch weg«

Die Äußerungen richten sich gegen andere Parteien, Politikerinnen und Politiker – zielen aber oft auch auf den Zustand der AfD. So stellen sich Teile der Fraktion selbst ein schlechtes Zeugnis aus und sehen sich als strategielosen »Chaosladen« oder bezeichnen die Parteiführung als »Schlafwagenvorstand«. Eine Person schreibt: »Uns fliegt langsam die Partei unterm Arsch weg, die gegründet wurde, um unser Land zu schützen!«

Etwa neun Monate vor der Bundestagswahl 2021 postet Parteivorstand Joana Cotar, die damals mit Alice Weidel um die Spitzenkandidatur für die Wahl ringt: »Einmal in die gleiche Richtung ziehen. Das wärs. Die Wähler haben keine Ahnung, was sie erwartet, wenn sie AfD wählen…«

Auch andere greifen laut dem Bericht der Öffentlich-Rechtlichen in der Chatgruppe die Fraktionsführung heftig an: »Frau Weidel kann offenbar Prioritäten setzen, aber nur wenn es um ihren eigenen Kopf geht«, heißt es in einer Meldung. Weidel selbst konnte nicht reagieren, sie war kein Mitglied der Chatgruppe.

Gegenüber NDR und WDR sagte Weidel, Angriffe aus der Partei auf die Führung seien »völlig normal«: »Das berührt mich nicht.« Auch zu homophoben und radikalen Nachrichten im Chat äußert sich die AfD-Fraktionsvorsitzende. Solche Äußerungen seien für sie inakzeptabel. Hätte sie davon Kenntnis gehabt, wäre sie dagegen vorgegangen.

Homophobie und Umsturzfantasien

Unter anderem soll eine Person im Chat geschrieben haben: »Die Ratte Merkel an der Spitze! Diese Volksverräterin gehört lebenslang in den Knast!« Auch Umsturzfantasien sind demnach in der Gruppe nachzulesen: »Wir müssen wohl warten, bis das alte Regime wirtschaftlich ans Ende kommt und der Funke aus Österreich, Italien, Frankreich usw. überspringt. Das wird kommen und für die dann ebenfalls kommenden gnadenlosen Kämpfe müssen wir uns rüsten (...).«

Als der bekennend homosexuelle CDU-Politiker Jens Spahn kurzzeitig in den Medien als möglicher neuer Verteidigungsminister gehandelt wird, heißt es: »Oh gut, wieder eine Verteidigungsministerin«. Eine andere Person soll geschrieben haben: »Bei Spahn hätte die Bundeswehr wieder auf Hinterlader umgestellt …«.

Die zunehmende Radikalisierung einiger Parteimitglieder wird allerdings selbst innerhalb der AfD kritisch diskutiert, wie der Chat belegt. »Wir brauchen eine Richtungsentscheidung«, heißt es in einer Nachricht. »Wollen wir eine national-sozialistische oder eine freiheitlich-konservative Partei sein...« Eine andere Person schreibt offen, dass sie keine »erwiesenen Nazis« in der Partei möchte: »Die Ideologie und den Führerkult, die Höcke und Kalbitz vertreten, lehne ich zutiefst ab.«

mrc