Ferda Ataman

AfD im Bundestag Hier spricht eine besorgte Bürgerin

Zentrales Thema der Wahlnacht war der Erfolg der AfD und die Sorgen ihrer Wähler. Über die Sorgen muslimischer, jüdischer oder homosexueller Wähler sprach niemand.
Wählerin in Berlin-Kreuzberg

Wählerin in Berlin-Kreuzberg

Foto: Ralf Hirschberger/ dpa
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Foto: Thomas Lobenwein
Foto: Thomas Lobenwein

Ferda Ataman, Jahrgang 1979, ist Journalistin, Mitgründerin der "Neuen deutschen Medienmacher" und Sprecherin der "Neuen Deutschen Organisationen", einem Netzwerk von mehr als 100 Initiativen, die sich bundesweit für Vielfalt und gleichberechtigte Teilhabe einsetzen. Sie lebt in Berlin.

Seit ich gestern Abend Alexander Gauland auf allen Sendern laut und aggressiv rufen gesehen habe, "wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen", steht meine Welt kopf. Diese starke Betonung auf das Wort "unser". Was heißt das bitte? Seit wann darf man so etwas in Deutschland wieder sagen, ohne zur Unperson erklärt zu werden? "Unser Land zurückholen" - vielleicht meint das Deutschlands Grenzen schließen und europäische Abkommen wie Schengen aufgeben. Aber "unser Volk zurückholen" - wie stellt sich die Alternative für Deutschland das vor, die in Kürze mit rund 13 Prozent in den Bundestag zieht? Ich kann mir darunter nichts vorstellen. Oder will es nicht. Denn wer bitte ist "unser Volk"?

AfD-Politiker Jörg Meuthen wird wenig später in der "Berliner Runde" erklären, dass ich als "Deutschtürkin", die sich um Integration und Deutschkenntnisse bemüht hat, durchaus dazu zähle. Zum deutschen Volk. Betonung diesmal auf "deutsch". Und die AfD könne keine rassistische Partei sein, weil der Erfolg der AfD auch von enorm vielen Migrationshintergründlern zustande gekommen sei. Ich habe dazu keine Statistiken gefunden. Was ich im Internet gefunden habe, ist eine nicht bundesweit repräsentative Studie (PDF)  von 2016, die in Freiburg durchgeführt wurde, wonach 40 von 118 AfD-Wählern einen Migrationshintergrund hatten. Eigentliche Aussage der Studie: Viele Russlanddeutsche tendieren zur AfD.

Aber egal, wer die rechtsradikalen Rechtspopulisten am Sonntag gewählt hat: Die AfD ist und bleibt eine islam- und flüchtlingsfeindliche Partei mit Rassisten in den vorderen Reihen und - seit dem gestrigen Wahlerfolg - einigen handfesten Rechtsextremisten in den hinteren Reihen. Das wird spannend, könnte man finden, wenn man nicht muslimisch, jüdisch, homosexuell oder sonstwie "anders" ist, als es die neue Rechte gern hat. Für mich als "Deutschtürkin", der die AfD eine Rückreise nach Anatolien empfiehlt, fühlt es sich vor allem beklemmend an, völkische Drohungen in den Nachrichten zu sehen, ohne dass das kritisch kommentiert wird. Noch nie hat eine Partei mit einer zweistelligen Prozentzahl den Einzug in den Bundestag geschafft. Und dann kommt eine, die das deutsche Volk zurückholen will….

Doch von den Sorgen, die Leute wie mich deswegen umtreiben, war gestern mit keinem Wort die Rede.

Stattdessen ging es in den ARD-Wahlanalysen um die "Sorgen" der AfD-Wähler, von denen fast alle einen "Verlust der deutschen Kultur und Sprache" fürchten (95 Prozent) und einen zu starken "Einfluss des Islam in Deutschland" (92 Prozent). Diese Fragen wurden zur Auswahl gestellt, als könne man davon berechtigte politische Forderungen ableiten - wie sichere Renten oder bezahlbare Mieten. Ich sehe mir diese ARD-Umfragetabelle an, die sich anfühlt wie ein Schlag ins Gesicht, präsentiert von einem Moderator, der mich offenbar nicht als Zuschauerin mitdenkt. Als wäre "Verlust der deutschen Kultur" kein Code für "Deutschland den Deutschen". Als wäre die diffuse Sorge vor einem zu starken Einfluss "des Islam" kein deutliches Anzeichen für antimuslimischen Rassismus.

Wähler wie ich mussten in diesem Wahlkampf mehrfach erleben, wie Politiker und Journalisten ohne Migrationshintergrund sich ausgiebig und grenzwertig über Minderheiten, Einwanderung und Flüchtlingspolitik unterhielten, ohne dass jemand mit Migrationsbezügen hätte mitreden können.

Ich frage mich immer, wie im Jahr 2017 wichtige Debatten über die Zukunft des Landes ohne Deutsche mit Migrationshintergrund geführt werden können. Und doch ist es beim Kanzlerduell genauso geschehen: Vier "weiße" Journalisten stellen provokante Fragen zu Migration, Integration und Überfremdung durch Muslime, keiner davon hatte sich offenbar Fachkenntnisse auf diesem Gebiet angeeignet.

Und am Wahlabend wieder: Bei der "Berliner Runde" wurde darüber gestritten, was die Bundestagswahl für Deutschland bedeutet, sieben Parteivertreter und zwei ältere Herren von ARD (Rainald Becker) und ZDF (Peter Frey) - alle am Tisch waren weiß.

In einem Chat mit anderen engagierten Frauen of Color fällt uns auf - wieder eine Politrunde "ohne uns". Mit uns meinen wir übrigens keine kleine Minderheit. Damit meinen wir einen großen Teil der Gesellschaft, der immer noch viel zu oft übergangen wird. Seit über zehn Jahren erfasst das Statistische Bundesamt, wer einen Migrationshintergrund hat. Ohne Aussiedler haben rund 18,6 Millionen Menschen einen Migrationshintergrund - das entspricht 23 Prozent der Bevölkerung, also fast jeder Vierte. Was viele nicht wissen: Die Mehrheit von ihnen sind Deutsche, 9,3 Millionen haben einen deutschen Pass. Und wir sprechen gut genug Deutsch. Probieren Sie es aus! Wir haben ja nun vier Jahre der Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten vor uns. Da würden wir gern ein Wörtchen mitreden.