Debatte über AfD-Erfolg Gera wehrt sich gegen "Loser-Stadt"-Vorwurf

In Thüringen hat die AfD bei den Kommunalwahlen vielerorts die meisten Stimmen erhalten, so auch in Gera. Der Publizist Sergej Lochthofen erklärte die Stadt nun für verloren - was heftigen Widerspruch auslöst.

Wahlsieger im Wohngebiet: AfD-Wahlveranstaltung in Gera (am 17. Mai)
Jens Meyer/AP

Wahlsieger im Wohngebiet: AfD-Wahlveranstaltung in Gera (am 17. Mai)


Der bundesweite Erfolg der Grünen bei der Europawahl prägte in den vergangenen Tagen die politische Debatte. Dabei fielen die Ergebnisse vor allem in den ostdeutschen Bundesländern ganz anders aus - auch bei den Kommunalwahlen in Thüringen, und zwar nicht nur in Kleinstädten und Dörfern.

Zum Beispiel in Gera: Gerade einmal 6,7 Prozent der Stimmen errangen die Grünen in der Hochschulstadt mit rund 95.000 Einwohnern - wohingegen die AfD mit knapp 29 Prozent klarer Wahlsieger ist. Nun diskutiert die Region über eine grundlegende Frage: Was bedeutet dieses Wahlergebnis für die Stadt?

Angefeuert hat diese Debatte Sergej Lochthofen, Buchautor und Journalist - und zwar mit sehr deutlichen Worten: "Ich kann nur jedem jungen Menschen sagen: Gehen Sie aus Gera weg!", hatte er am Montag in der MDR-Sendung "Fakt ist" gesagt.

"Ich erwarte von den Ostdeutschen, dass sie erwachsen werden": Sergej Lochthofen
Klaus-Dietmar Gabbert/ picture alliance/ dpa

"Ich erwarte von den Ostdeutschen, dass sie erwachsen werden": Sergej Lochthofen

"Was wollen Sie in einer Stadt, die so regiert wird und die sich so weiterentwickelt", sagte Lochthofen. "Das ist eine Loser-Stadt. Und die Entscheidung bei den Kommunalwahlen wird diesen Prozess verstärken." Die AfD könne seiner Meinung nach keine Probleme lösen. Gera bezeichnete er als "Stadt, die im Sinken ist".

Politiker aus der Region reagierten empört auf diese Äußerungen, wie unter anderem die "Thüringische Landeszeitung" berichtet. "Gera ist ganz und gar nicht trostlos", sagte demnach der parteilose Oberbürgermeister Julian Vonarb. "Viele Menschen, die hier wohnen, besitzen ein hohes Maß an Heimatverbundenheit." Gera sei eine von vier großen Städten in Thüringen, "die dynamische Faktoren aufweisen".

Auch der scheidende Chef der CDU-Fraktion wehrte sich gegen den Eindruck eines massiven Rechtsrucks. "Diese Stadt ist kein braunes Nest. Ich möchte nicht, dass die Menschen wegziehen, sondern sich weiter demokratisch engagieren", sagte Hans-Jörg Dannenberg der Zeitung.

"Wir haben vieles in Bewegung gesetzt"

Der 65-jährige Lochthofen kam als Sohn eines Kommunisten in der Sowjetunion zur Welt und wuchs in der DDR auf, wo er als Journalist arbeitete. Nach dem Mauerfall war er fast 20 Jahre lang Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen", heute ist er vor allem als Autor diverser Bücher bekannt.

"Ich kann mich nur bei den westdeutschen Wählern bedanken, dass sie die Ehre des Landes gerettet haben", sagte Lochthofen im MDR. Wer die AfD wähle, unterstütze Extremisten. "Ich erwarte von den Ostdeutschen, dass sie endlich erwachsen werden und nicht immer auf den großen Onkel warten, der ihnen hilft." Viele Menschen in den sogenannten neuen Bundesländern seien mental noch immer nicht in der Bundesrepublik angekommen. Ein große Gefahr sehe er darin, "dass sich viele Ossis nur als Opfer sehen und sich dann wieder nur betrogen fühlen."

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Elisabeth Kaiser stammt selbst aus Gera und ist 32 Jahre alt - sie gehört also zu denjenigen, die Lochthofen zum Verlassen der Stadt aufrief. Kaiser kritisierte diese Aufforderung laut "Thüringischer Landeszeitung" als Frechheit: "Ich wünsche mir ein offenes verständnisvolles Miteinander statt Ausgrenzung und Wut", sagte sie.

"Natürlich ist nicht alles perfekt, doch wo ist es das schon?", fragte Kaiser. Gera sei "eine lebenswerte Stadt, in der viel passiert". Die Stadt bewerbe sich als Europäische Kulturhauptstadt, habe eine vielfältige Kulturszene sowie eine sehr gute Wohn- und Lebensqualität zu bezahlbaren Preisen. Erst kürzlich, so Kaiser, seien ein von jungen Menschen geführtes Szene-Café und ein Ton-Studio eröffnet worden.

Auch SPD-Landeschef Wolfgang Tiefensee wies Lochthofens Kritik an seiner Geburtsstadt zurück. Sämtliche Anstrengungen der Menschen in Gera würden durch solche Äußerungen kleingeredet, sagte er der "Thüringischen Landeszeitung": "Wir haben auf kommunaler und Landesebene vieles in Bewegung gesetzt, um Gera weiterzuentwickeln und lebenswerter zu machen."

Tiefensee lud Lochthofen ein, "sich die Entwicklung vor Ort anzusehen." Wie groß genau der tatsächliche Einfluss der AfD auf die Lokalpolitik in Gera künftig sein wird, ist indes noch unklar: Die Partei stellt laut Stadtverwaltung künftig zwar die größte Fraktion mit 12 Räten - allerdings gibt es weitere Parteien und Wählergruppen, die zusammen über 30 Sitze verfügen.

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demiurg666 30.05.2019
1.
Es ist nicht nur Gera, es ist der ganze Osten. Und ja ich verallgemeine das jetzt auch. Wer AFD wählt verallgemeinert ja auch alles. Warum soll ich dann Rücksicht auf die Befindlichkeiten im Osten nehmen. Zeit aufzuhören Subventionen im dysfunktionalen Osten zu verbrennen.
claus7447 30.05.2019
2. Jetzt können die Braunen ja endlich beweisen ....
... wie gut sie Politk machen können auf kommunaler Ebene. Wie sie ihre Gelder verwenden und dann werden sicherlich "blühende Landschaften" dort entstehen.
gm-nk 30.05.2019
3. Warum ist Gera Loser-Stadt?
Weil die Grünen mit deutlich weniger als 10% gewählt wurden? Weil die AfD fast 30% gewählt wurde? Ich bin weder Wähler der Grünen als auch der AfD, aber eine Stadt wegen des Wahlergebnisses als Loser-Stadt zu bezeichnen ist extrem arrogant.
spon-1178958794633 30.05.2019
4. Krass formuliert, aber durchaus richtig.
Die Brüder und Schwestern im Osten müssen sich schon die Frage stellen lassen, in welcher Welt sie denn zu leben glauben. Wenn sie tatsächlich der Meinung sind, die geistig-moralische Wende zurück in die 50er und die 1037 Jahre davor wäre der Weg in dieser sich permanent weiterentwickelnden Welt, dann sind sind sie wirklich verloren. Selbst die Absicht, den Status quo zu halten, führt unweigerlich ins Desaster, weil mit jeder Sekunde dreht die Welt weiter und Gera bleibt stehen. Und dann kann man die Schuld wirklich nicht bei der Welt, sondern bei den lieben Mitbürgern suchen. Die ehemalige Ostzone ist ein Musterbeispiel für misslungene Integration, weil die Neubürger eine Integration verweigern. Wer dort AfD wählt hat nichts verstanden und verschenkt jede Option auf eine gedeihliche Entwicklung. Wer in der Welt will denn dort hin? Fragt doch mal eure Kinder und Bekannten, die rüber gemacht haben, wo bei euch die Knackpunkte liegen - ihr werdet staunen! Und da wird euch dieser rechtsradikale AfD-Mob nicht aus dem Mist raushelfen!
RaiSta 30.05.2019
5. Nun ja...
sicher ist es gewagt, eine Stadt als verloren zu bezeichnen, nur weil die Rechtschaoten viel stimmen gewonnen haben. Jedoch hat die Aufforderung an die Menschen in der Ex-DDR, endlich erwachsen zu werden und nicht auf den alle Probleme lösenden Onkel zu warten, m.M.n. durchaus eine gewisse Berechtigung, sieht man sich die Wahlergebnisse seit der Wende an: immer waren Parteien sehr erfolgreich, denen das Attribut 'Protest' anhing. Früher PDS, die Linke, jetzt AFD. Somit war die Politik nicht so entscheidend wie der Protest. Und in vielen Interviews erwecken die Menschen den Eindruck sich in der Opferrolle zu sehen: warten auf den Problemlöser. Da kommt natürlich die Führer-Struktur der AFD gerade Recht. Die Atmosphäre von Mitte und Spießertum scheint mir im Osten noch vorherrschend anstelle von Aufbruch und Gestaltung.
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