Streit über Björn Höcke "Den Geist der NPD möchte ich in der AfD nicht haben"

Die AfD streitet über rassistische Äußerungen ihres Thüringer Landes- und Fraktionschefs Björn Höcke. Parteimitgründer und Publizist Konrad Adam fordert ihn auf, solche Provokationen zu unterlassen - oder aus der Partei auszutreten.
AfD-Politiker Adam: "Pseudowissenschaftlicher Unfug"

AfD-Politiker Adam: "Pseudowissenschaftlicher Unfug"

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

In der AfD wird weiter über den Landes- und Fraktionschef von Thüringen, Björn Höcke, gestritten. Der frühere Co-Vorsitzende und Mitgründer der AfD, Konrad Adam, fordert Höcke im Interview mit SPIEGEL ONLINE auf, notfalls auszutreten. "Höcke sollte in sich gehen, nicht weiter provozieren oder die AfD verlassen. Er fischt in Gewässern, in denen ich definitiv meine Netze nicht auswerfen würde", so der Publizist.

Nach einer rassistischen Rede, in der Höcke über den "lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp" schwadronierte, hatte es parteiintern heftige Kritik gegeben - der Bundesvorstand der Partei entschied sich dafür, ihm eine Rüge auszusprechen. Ein Teil des Vorstands forderte ihn ferner auf "zu prüfen, inwieweit seine Positionen sich noch in Übereinstimmung mit denen der AfD befinden". Ein Parteiausschluss wurde jedoch vermieden.

Adam warf Höcke indirekt vor, die AfD weiter nach rechts rücken zu wollen. "Ich habe Höcke immer so verstanden, dass man sich auch bei der NPD umsehen könnte. Das möchte ich aber nicht", sagte Adam.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Zur Person
Foto: ? Kai Pfaffenbach / Reuters/ REUTERS

Konrad Adam, Jahrgang 1942, ist Journalist und Publizist. Adam gehörte im Herbst 2012 zu den Gründern der »Wahlalternative 2013«, aus der im Februar 2013 die Anti-Euro-Partei »Alternative für Deutschland« hervorging. Bis zum Mitgliederparteitag im Juli 2015 in Essen war er zusammen mit Bernd Lucke und Frauke Petry einer der drei gleichberechtigten Vorstandssprecher der AfD. Zeitweise war er auch Vorsitzender des hessischen Landesverbands. Zum 1. Januar 2021 hat er seinen Austritt aus der AfD bekannt gegeben.

Von 1979 bis 2000 war Adam Redakteur im Feuilleton der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, anschließend arbeitete er bis 2007 als politischer Chefkorrespondent bei der »Welt«. Der Altphilologe hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, viele davon befassen sich mit der deutschen Bildungspolitik.

SPIEGEL ONLINE: Herr Adam, der Thüringer Landes- und Fraktionschef Björn Höcke hat mit seinen Äußerungen über die Reproduktionsstrategie von Afrikanern und Europäern eine heftige interne Debatte ausgelöst. Steht die AfD vor einer Spaltung?

Adam: Das hoffe ich nicht, das sollten wir vermeiden. Ich habe mehr als einmal gesagt: Eine weitere Spaltung wäre das Ende der Partei.

SPIEGEL ONLINE: Ist Herr Höcke für Sie ein Rassist?

Adam: Ich halte das, was Herr Höcke da gesagt hat, für pseudowissenschaftlichen Unfug. In anderen Dingen gehe ich durchaus konform mit ihm. Was ich unerträglich finde, ist seine wabernde Rhetorik. Er beschwört Geister, die ich nicht erkennen kann. Wenn er seinen Hörern zuruft "Ich lasse euch nicht mehr los!", kann ich nur sagen: Mich muss er gar nicht loslassen, er hat mich niemals in der Hand gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Und was sagen Sie zu Höckes Satz "Erfurt ist schön deutsch und Erfurt soll schön deutsch bleiben"?

Adam: Das gilt auch für Frankfurt, ich liebe das Land, seine Städte und seine Kultur - die Teil der europäischen Kultur ist und bleiben soll.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen geht es also nur um eine Stilfrage?

Adam: Noch einmal - mit gewissen Aussagen Höckes kann ich leben. Auch ich stehe zu meinen christlichen Grundüberzeugungen und wehre mich gegen den Versuch einer Islamisierung. Was ich unerträglich finde, ist der Umstand, dass Höcke an Gefühle appelliert und nicht an rationale Argumente.

SPIEGEL ONLINE: Soll Herr Höcke denn in der AfD bleiben?

Adam: Höcke sollte in sich gehen, nicht weiter provozieren - oder die AfD verlassen. Er fischt in Gewässern, in denen ich definitiv meine Netze nicht auswerfen würde.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie konkret?

Adam: Ich habe Höcke immer so verstanden, dass man sich auch bei der NPD umsehen könnte. Das möchte ich aber nicht. Wenn ein Ex-NPD-Mitglied zur AfD kommt, um sich zu resozialisieren, dann ist das eine andere Sache. Schließlich sind nach 1945 viele ehemalige NSDAP-Mitglieder auch bei den sogenannten Volksparteien CDU, CSU und SPD untergekommen. Aber den Geist der NPD möchte ich in der AfD nicht haben.

SPIEGEL ONLINE: Der brandenburgische AfD-Landes- und Fraktionschef Alexander Gauland, mit dem sie in der Ära von Bernd Lucke kooperierten, hält an Höcke fest. Sind Sie von ihm enttäuscht?

Adam: Ich kann seine Aussagen nicht nachvollziehen, sehe darin eher ein taktisches Verhalten. Sie haben recht - Gauland und ich haben uns im Verlauf unserer Zeit bei der AfD auseinandergelebt.

SPIEGEL ONLINE: Jüngst hat der Bundesvorstand keine klare Entscheidung zu Höcke gefällt. Muss die AfD-Vorsitzende Frauke Petry ihn am Ende nicht doch aus der Partei entfernen, um im bürgerlichen Milieu nicht weitere Anhänger zu verlieren?

Adam: Soweit ich höre, will sie das. Ich kann ihr dabei nur viel Glück wünschen. Einstweilen höre ich - ich bin ja nicht mehr im Bundesvorstand -, dass sie dort keine Mehrheit hat. Ich würde ihr diese Mehrheit wünschen.

SPIEGEL ONLINE: Nachdem Sie kürzlich in der "Bild" vor Radikalisierungstendenzen in der AfD gewarnt haben, hat Sie der Kreisvorstand Hochtaunus abgemahnt. Sie fügten der Partei einen Ansehensverlust zu, heißt es. Wie ernst nehmen Sie das?

Adam: Wenig. Ich habe der AfD nicht geschadet, ich wollte ihr erklärtermaßen nutzen. Auch formal ist die Abmahnung fehlerhaft, ein derartig gravierender Tagesordnungspunkt muss vorher angekündigt werden. Das hat der hessische AfD-Landeschef Peter Münch aus durchschaubaren Gründen versäumt. So konnte er seine Mittäter überrumpeln. Leider ist ihm das gelungen.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren einmal einer der drei Vorstandssprecher. Denken Sie angesichts der Entwicklung der AfD an einen Austritt?

Adam: Ich habe nach dem Parteitag von Essen gesagt, dass ich einstweilen dabeibleibe. Das würde ich auch heute wiederholen.