Liane Bednarz

Christen mit Rechtsdrall Und vergeben uns unsere Schuld

Liane Bednarz
Ein Gastbeitrag von Liane Bednarz
Rechte machen die deutsche Erinnerungskultur gern als "Schuldkult" verächtlich. Eine Gruppe von AfD-nahen Christen geht noch weiter und behauptet, dass "Gott die Schuld unseres Landes vergeben" und dieses "freigesprochen" habe.
Das Kreuz als Protestsymbol auf einer Pegida-Demonstration in Dresden (Archivbild von 2015)

Das Kreuz als Protestsymbol auf einer Pegida-Demonstration in Dresden (Archivbild von 2015)

Foto: Jens Meyer / AP

Zu den zentralen Topoi des neurechten Denkens gehört bekanntlich die Diffamierung der deutschen Erinnerungskultur als "Schuldkult". Ebenso beliebt sind synonym verwendete Begriffe wie "Nationalmasochismus", "deutscher Selbsthass" oder "Schuldstolz". Damit soll die Erinnerungskultur im Hinblick auf die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen, so wie sie sich seit 1945 herausgebildet hat, verächtlich gemacht werden.

Besonders bizarr wird es, wenn derartige Vorstellungen auch noch christlich aufgeladen werden. So geschehen Ende August in einem Facebook-Posting  auf einer Seite mit dem Titel "Christen in der AfD", die allerdings nicht mit dem offiziellen Facebook-Auftritt der "Bundesvereinigung 'Christen in der AfD'" identisch ist. "Gebet für Deutschland" lautete der Titel des Beitrags.

Das, was in dem in einem evangelikal-charismatischen Duktus formulierten "Gebet" steht, erschüttert. So "proklamieren" die namentlich ungenannten Verfasser nicht nur "den Namen Jesus über Deutschland", sondern glauben in einem erschütternden Akt der Anmaßung sogar, "dass Gott die Schuld unseres Landes vergeben" habe. Ja mehr noch, "dass unser Land durch unsere Buße im Blut Jesu gewaschen wurde und nun gereinigt, geheiligt und freigesprochen wurde". Auf diese Weise gehen sie über die Vorstellung eines "Schuldkults" insofern hinaus, als sie die Schuld als bereits erloschen bezeichnen. Damit einher geht eine Anrufung Gottes, die aus der angeblich erloschenen Schuld die Konsequenz zieht, das Land von Schuldgefühlen freizusprechen. Das klingt so:

"Wir lösen unser Land von falschen Schuldgefühlen, die uns zu schlechten Entscheidungen verleiten. Wir lösen unser Land von Selbsthass und Selbstverdammnis aufgrund unserer geschichtlichen Vergangenheit. Wir senden Gottes vergebende Kraft in die Herzen der Deutschen hinein. Als Antwort auf die Liebe Gottes rufen wir als deutsche Nation: Jesus, wir lieben dich!"

Theologisch nicht haltbar

Eine derart perfide Instrumentalisierung des Christentums hat durchaus ein verführerisches Potenzial, weil gen rechts offene christliche Kreise geneigt sein können, sie für bare Münze zu nehmen. So wies die CSU-nahe, konservative Hanns-Seidel-Stiftung bereits in einem Anfang 2019 erschienenen Papier  darauf hin, dass "dem Thema Religion eine Schlüsselrolle" in "der politischen Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus" zukomme, da Rechtspopulisten das Christentum "primär aus strategischen Gründen in Anspruch" nehmen. Fürwahr. Wenn sie wie in dem besagten "Gebet" sogar mit dem gerade für Christen zentralen Thema der Schuld ausgerechnet im Angesicht des Holocausts derart lapidar und instrumentell umgehen, muss das beunruhigen.

Gewiss ist das "Gebet" theologisch nicht haltbar, passt weder zur protestantischen Bußfertigkeit noch dazu, dass auch zu Beginn jeder katholischen Messe ein Sündenbekenntnis erfolgt. Aber das wird Christen, die längst das Feindbild "Schuldkult" übernommen haben, kaum beeindrucken. Dazu ist diese Vorstellung viel zu zentral in der rechten Ideenwelt und wird beständig neu bemüht.

Wie so oft ging Björn Höcke, der rechtsextremistische Thüringer AfD-Vorsitzende, auch bei diesem Thema besonders weit und forderte in seiner berüchtigten Dresdner Rede im Januar 2017  gar "eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad". Derart auf die Spitze treiben es andere in der Partei zwar nicht, jedoch ändert dies nichts daran, dass die Vorstellung eines "Schuldkults" weitverbreitet ist. So verwendete die stellvertretende Bundesvorsitzende Alice Weidel, einst eine Gegnerin Höckes, die sich aber inzwischen längst mit ihm arrangiert hat, diesen Begriff wenige Monate nach Höckes Rede ebenfalls in einem Posting  auf "Facebook".

Auch im Milieu der rechten Wochenzeitung "Junge Freiheit", die sich selbst als "konservativ" ausgibt und moderater als die Zirkel um den völkischen Verleger Götz Kubitschek und Björn Höcke ist, stellt der "Schuldkult" ein immer wiederkehrendes Thema dar. Ihr Chefredakteur Dieter Stein etwa spricht im Vorwort seines im Juli 2020 in neuer, erweiterter Ausgabe erschienenen Buchs "Für eine neue Nation - Nachdenken über Deutschland" von einem "verinnerlichten und in immer monströserer Gestalt perpetuierten exklusiven deutschen Schuldkult", der "die Transzendierung der nationalen in eine erlösende kosmopolitisch-multikulturelle europäische Identität unumkehrbar und alternativlos machen" solle.

Tatsächlich jedoch markiert das Fantasma des "Schuldkults" eine entscheidende Grenze zum Konservatismus, so wie er sich vor allem in den entsprechenden Flügeln der beiden Unionsparteien nach 1945 herausgebildet hat. Neurechte können noch so sehr versuchen, den Begriff "konservativ" für sich zu kapern. An ihrem "Schuldkult"-Phantasma ist nichts, aber auch gar nichts konservativ. Es ist stattdessen eine grotesk anmutende Abwehrreaktion gegenüber der, und hier ist der Begriff anders als beim angeblichen "Schuldkult" angebracht, Monstrosität des Nationalsozialismus und Holocausts. Unbedingt soll er kleingemacht werden, dieser abgrundtief dunkle Fleck der deutschen Geschichte, sei es als "Vogelschiss" (Alexander Gauland) oder als "die zwölf Jahre", wie er in rechten Kreisen oft verniedlichend bezeichnet wird.

Persönliche Kritikunfähigkeit und Inszenierung als Opfer

Gewiss, man soll sich mit psychologischen Deutungen zurückhalten, aber auffällig ist nun einmal, dass ausgerechnet jenes Milieu, das gern alles Mögliche unbedingt "mal sagen dürfen" möchte und Kritik an den eigenen Ansichten schnell als "Maulkorb" oder "Zensur" zurückweist, fordert, mit der Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit nicht allzu sehr konfrontiert zu werden. Anscheinend geht die Überidealisierung der eigenen Nation so weit, dass man die Gedenkkultur schlichtweg nicht erträgt. Die persönliche Kritikunfähigkeit und Inszenierung als Opfer wird so auf die Nation übertragen. Zum Jammern und Wehklagen über angebliche persönliche "Grenzen des Sagbaren" gesellt sich das Lamento von der angeblich durch den "Schuldkult" geplagten Nation.

Umso wichtiger ist es, dass Konservative, vor allem auch konservative Christen, solche Verdrehungen entschieden zurückweisen. Das konservative Identitätsempfinden zeichnet sich habituell durch Realismus und Besonnenheit aus. Konservative beschönigen nicht, sondern ertragen auch dunkle Seiten in der Geschichte der eigenen Nation und suchen nach Formen, mit diesen angemessen umzugehen. Das unterscheidet sie von Rechten, die wie Höcke einem grotesken deutschen Identitätsphantasma hinterherjagen, in dem die Kyffhäuser-Sage um den 1190 gestorbenen Kaiser Friedrich I. Barbarossa beschworen wird , während die nicht einmal 90 Jahre alten Gräueltaten der Nationalsozialisten möglichst ausgeblendet werden sollen.

Konservative, gerade auch solche in den Unionsparteien, hingegen halten die Erinnerung an Letztere aufrecht. Aus Trauer um die Opfer und aus einem Verantwortungsgefühl heraus, damit sich die Barbarei nie wieder wiederholt.

Nichts an einer solchen Haltung ist ein "Schuldkult", der eine "Transzendierung der nationalen erlösende kosmopolitisch-multikulturelle europäische Identität" herbeiführen soll. Konservative stehen für die Idee der Nation, sind aber dankbar für die Versöhnungsbereitschaft all jener anderen europäischen Nationen, denen Deutschland viel Leid zugefügt hat. Wer hingegen vom "Schuldkult" schwadroniert, sollte wie jüngst die Verfasserin dieses Textes nach Görlitz fahren, sich auf die dortige Altstadtbrücke stellen, die Deutschland und Polen verbindet, und bei einem Weitergang auf die polnische Seite die Freundlichkeit der Menschen dort erfahren. Das macht demütig.

Zeit also, gerade beim Umgang mit der Erinnerungskultur die Geister noch viel stärker als bisher zu unterscheiden und Rechten nicht durchgehen zu lassen, sich als Konservative auszugeben. Gerade dieser Tage ist das wichtig. Schließlich feiern wir an diesem Wochenende nicht bloß 30 Jahre deutsche Einheit. Am Freitag davor, dem 2. Oktober, jährte sich auch der Tag der Errichtung des Warschauer Gettos zum 80. Mal.

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