AfD-Politiker Höcke Herrscher oder Handpuppe?

Björn Höcke gilt als Anführer des völkischen "Flügel" seiner Partei, in Thüringen tritt er als AfD-Spitzenkandidat zur Wahl an. Doch hat Höcke am rechten Rand wirklich Einfluss - oder ziehen andere die Strippen?

AfD-Politiker Björn Höcke: "Menschliche Härten und unschöne Szenen"
Lennart Preiss/ Getty Images

AfD-Politiker Björn Höcke: "Menschliche Härten und unschöne Szenen"

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Wer sich Björn Höcke ins Haus holen will, kann ihn im Internet bestellen. Es gibt Kaffeetassen mit seinem Konterfei, auch Einkaufstaschen sind zu haben. Im Fanshop des "Flügel", jenem informellen Netzwerk der Rechtsaußen in der AfD, werden die Objekte seit geraumer Zeit verkauft.

Um keinen anderen AfD-Politiker wird ein derartiger Kult betrieben. Björn Höcke ist der Popstar der Neurechten.

An diesem Image hat er jahrelang gefeilt, beglückt die Rechtsaußen-Basis mit immer neuen Tabubrüchen. Das Holocaust-Mahnmal nannte Thüringens AfD-Chef ein "Denkmal der Schande" oder er räsonierte über die Notwendigkeit eines "Remigrationsprojekts", bei dem "sich menschliche Härten und unschöne Szenen nicht immer vermeiden lassen werden".

Der Verfassungsschutz führt den "Flügel" seit Jahresbeginn als Verdachtsfall, konzentriert sich besonders auf Höcke und den Personenkult um ihn. Geschadet hat das dem früheren Gymnasiallehrer für Sport und Geschichte bislang nicht.

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Derzeit tourt Höcke als AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Thüringen Ende Oktober durch den Osten, trat auch beim Wahlkampfauftakt in Sachsen und Brandenburg auf, und am letzten Wochenende bei der "Jungen Alternative" in Cottbus.

Rekordwerte für die Rechtspopulisten

Die Ost-AfD ist vor den Wahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen fest im Griff des "Flügel". Und in allen drei Ländern kommen die Rechtspopulisten in den Umfragen auf Rekordwerte. In Thüringen liegt Höcke hinter der Linken auf Platz zwei; in Sachsen und Brandenburg, wo bereits am 1. September gewählt wird, kämpft die AfD um Platz eins.

Wie einflussreich, wie mächtig ist Björn Höcke wirklich? Wie groß ist seine Rolle im Rechtsaußen-Netzwerk? Und könnte er eines Tages an der Spitze der AfD stehen?

In den vergangenen Wochen hat der SPIEGEL über diese Fragen mit Politikern der AfD-Führungsebene gesprochen. Mit Gegnern Höckes und mit jenen, die ihm wohlgesonnen sind. Es waren vornehmlich Gespräche im Hintergrund, die Inhalte können berichtet werden, nicht aber die Namen der Sprechenden.

Höcke erscheint in diesen Gesprächen nicht als die "Flügel"-Führungsfigur, als die er gemeinhin vermarktet wird:

  • "Höcke ist eigentlich einer, der oft unsicher ist", sagt ein AfD-Politiker. Er sei einer, der nicht die Nähe zu Menschen suche.
  • Ein AfD-Landtagsabgeordneter drückt es so aus: "Höcke ist kein Netzwerker, er wird medial überschätzt."
  • Ein anderer sagt: "Höcke hat längst den Zenit überschritten."

Folgt man diesen Schilderungen, haben sich die Gewichte im "Flügel" verschoben. Als eigentlicher Strippenzieher und Herrscher im Reich der Rechten gilt demnach Brandenburgs AfD-Chef Andreas Kalbitz.

Andreas Kalbitz Anfang August in Cottbus: Der eigentliche Netzwerker des "Flügel"
ALEXANDER BECHER/EPA-EFE/REX

Andreas Kalbitz Anfang August in Cottbus: Der eigentliche Netzwerker des "Flügel"

Der ehemalige Bundeswehr-Fallschirmjäger aus Bayern ist nicht weniger umstritten als der ebenfalls aus Westdeutschland stammende Höcke. Denn Kalbitz hatte einst Kontakte ins rechtsextreme Milieu, besuchte 2007 etwa ein Pfingstlager der rechtsextremen "Heimattreuen deutschen Jugend", kürzlich berichtete die Tageszeitung "Die Welt" über seine Mitwirkung an zwei umstrittenen Filmen zu Adolf Hitler und der Wehrmacht.

Kalbitz aber hat einen großen strategischen Vorteil gegenüber Höcke: Anders als der Thüringer sitzt er seit Ende 2017 im AfD-Bundesvorstand und wirkt über seinen Landesverband hinaus. Der 46-Jährige gilt als geschmeidig, wenn es darum geht, innerparteiliche Bündnisse zu schmieden, auch innerhalb seines Rechtsaußen-Netzwerks: "Die Truppen des 'Flügel' sind mittlerweile bei Kalbitz", sagt ein AfD-Kenner.

Höckes Übervater

Höckes enger Gefährte außerhalb der AfD ist Götz Kubitschek, eine Art Hausphilosoph der neurechten Szene. Von seinem Landsitz im sachsen-anhaltischen Schnellroda kommentierte er lobend im Stile eines wachsamen Übervaters auch das jüngste, alljährliche "Kyffhäuser"-Treffen der Völkisch-Nationalen in der AfD, das fast gänzlich auf Höcke zugeschnitten war: "Moderation, Vorband, Wartenlassen, Erregungssteigerung, Hauptband, große Zufriedenheit. Das haben die Organisatoren des Flügeltreffens studiert und begriffen, und sie haben es gekonnt umgesetzt."

Götz Kubitschek auf der Frankfurter Buchmesse: "Erregungssteigerung, große Zufriedenheit"
DPA

Götz Kubitschek auf der Frankfurter Buchmesse: "Erregungssteigerung, große Zufriedenheit"

Es gibt keine Zahlen, wie stark der "Flügel" wirklich ist. AfD-Chef Jörg Meuthen schätzte ihn jüngst auf "höchstens 20 Prozent" der Parteimitglieder. Im Osten, so eine Analyse von Sicherheitsbehörden, soll der Anteil bei mehr als 40 Prozent liegen.

Nur ein Fünftel der rund 35.000 AfD-Mitglieder lebt im Osten, was Höcke-Gegner in der AfD gern als Argument ins Feld führen, um die Bedeutung des Netzwerks zu relativieren. "Der Flügel ist eigentlich ein Scheinriese. Je näher sie ihm kommen, umso kleiner wird er", sagt ein führender AfD-Politiker. Dafür aber, räumt er ein, sei er umso aktiver und lauter. Und das mache auch einen Teil seines Erfolges aus.

Racheakt von "Flügel"-Anhängern

AfD-Chef Meuthen, der früher als Gast auf Kyffhäuser-Treffen auftrat, wurde jüngst von seinem baden-württembergischen Kreisverband Ortenau nicht mal zum Delegierten für den Bundesparteitag gewählt. Unter anderem, weil er den Auftritt Höckes auf dem Kyffhäuser-Treffen kritisiert hatte. Die Aktion gegen Meuthen wird intern als Racheakt von "Flügel"-Anhängern gewertet.

Für sogenannte gemäßigtere AfD-Vertreter sind Höcke, Kalbitz und Co. schon lange ein Problem. Sie fürchten: Je stärker der Zugriff des "Flügel" auf die Gesamtpartei, desto mehr droht eines Tages die Beobachtung ihrer Partei durch den Verfassungsschutz. Auch vor diesem Hintergrund liefern sich die beiden Parteilager in mehreren Landesverbänden einen Machtkampf - zuletzt hatten meist Vertreter des "Flügel" die Nase vorn.

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel: Nichtangriffspakt mit Höcke
Getty Images

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel: Nichtangriffspakt mit Höcke

Manchmal gibt es besondere Arrangements. So haben AfD-Bundestagsfraktionschefin Alice Weidel und Höcke nach SPIEGEL-Informationen einen Nichtangriffspakt geschlossen. Nachdem Weidel einst treibende Kraft eines Parteiausschlussverfahrens gegen Höcke war, haben sich die früheren Kontrahenten unter Vermittlung Kubitscheks seit etwa einem Jahr mindestens dreimal getroffen und vereinbart, einander nicht mehr öffentlich anzugreifen.

Und längst debattieren die Rechtspopulisten, wer AfD-Co-Chef Alexander Gauland nachfolgen könnte. Denn der 78-Jährige denkt offenbar darüber nach, sich künftig auf die Rolle des Fraktionschefs im Bundestag zu konzentrieren.

Eine Überlegung geht so: An Meuthens Seite könnte ein bürgerlich wirkender "Flügel"-Vertreter gestellt werden oder einer, der eine Brücke zwischen den Lagern schlagen kann. Dem heimlichen "Flügel"-Anführer Kalbitz werden dafür keine Chancen eingeräumt. "Ich werde auf dem Bundesparteitag Ende des Jahres nicht als Bundessprecher kandidieren", versicherte auch Kalbitz selbst dem SPIEGEL.

Immer öfter wird nun ein anderer Name genannt: Tino Chrupalla. Der 44-jährige Bundestagsabgeordnete aus Sachsen beherrscht die rechtspopulistische Klaviatur aus dem Effeff. Dem heutigen sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) jagte er bei der Bundestagswahl das Direktmandat im Wahlkreis Görlitz ab. Chrupalla gilt als Mittler zwischen "Flügel" und den sogenannten Gemäßigteren in der AfD, am Kyffhäuser-Treffen nahm er als Gast teil.

AfD-Abgeordneter Chrupalla: Doppelspitze mit dem Westdeutschen Meuthen?
CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX

AfD-Abgeordneter Chrupalla: Doppelspitze mit dem Westdeutschen Meuthen?

Sollte die AfD bei der Sachsen-Wahl stärkste Kraft werden, könnten Chrupallas Chancen steigen, als Ostdeutscher an der Seite des Westdeutschen Meuthen die neue Doppelspitze zu bilden. Ein führender AfD-Funktionär sagt es so: "Gauland müsste ihn als Nachfolger vorschlagen, das hätte Gewicht." Ein AfD-Führungspolitiker allerdings gibt zu bedenken: "Gauland wird nur dann die Spitze räumen, wenn er den Eindruck hat, die Partei kommt in ruhigeres Fahrwasser." Danach sieht es momentan nicht aus.

Und Höcke? Auf dem Kyffhäuser-Treffen machte er eine Kampfansage an die Parteiführung, die viele überraschte: Der Bundesvorstand werde "in dieser Zusammensetzung nicht wiedergewählt", rief er zur Freude der Anhänger. Was darauf folgte, war eine Unterschriftenliste von mehr als 100 alarmierten Höcke-Gegnern in der AfD. Ihr Motto: "Die AfD ist und wird keine Björn-Höcke-Partei". Doch wichtige Führungspersonen fehlten darauf - unter anderem Weidel, Gauland und Meuthen.

Höcke selbst blieb zuletzt auf dem Kyffhäuser-Treffen mit Blick auf höhere Posten im Vagen. An einer Chefrolle soll er nicht interessiert sein, heißt es intern. Manche glauben, er werde auch nicht für einen Posten im Bundesvorstand antreten, selbst nach einem Wahlerfolg in Thüringen nicht. Ein hochrangiger AfD-Funktionär sagt: "Höcke weiß doch, dass er bei einer Wahl zum Bundesvorstand nur einen Schuss frei hat. Wenn er da nicht oder mit einem schlechten Ergebnis gewählt wird, ist sein Mythos weg."

insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
claus7447 10.08.2019
1. Ob Höcke nur Galionsfigur oder Führungskraft..
.. ist, ist Nebensache. Der Bericht im heutigen Spiegel über die AfD in Sachsen zeigt, diese Partei ist unter dem scheinbar zivilen Anblick rechts, weiter rechts geht es nicht. Nach aussen hin spielen sie den verständnisvollen Kümmerer, sie warten nur die Macht zu ergreifen um dann ihre perfide Politik zu betreiben. Erschreckend für mich war, das offensichtlich die Bürger im Osten, insbesondere auf dem Land, von Demokratie wenig verstanden haben. Man ist unter 12 Jahren 1000 jährigen Reich und 40 Jahre Kommunismus wohl so abgestumpft, das man diese Scharlatane nicht durchschauen will. Die Wiedervereinigung hätte vermutlich erst mit einem generellen Demokratieunterricht begonnen werden sollen. Wenn die Bundesrepublik als undemokratisch angesehen wird, dann kann ich nur sagen: Gute Nacht!
der-junge-scharwenka 10.08.2019
2. Höcker ist ein Segen
Wir können froh sein, dass die AfD diese Menschen vom Schlage eines Björn Höcke hat. Solange diese völkischen Vögel funktional oder faktisch prominente Rollen in der Partei einnehmen, ist sie für die breite Mehrheit und selbst für viele Konservativen völlig unwählbar - jedenfalls im Westen; der Osten scheint da aus welchen Gründen auch immer weitgehend schmerzfrei zu sein. Schwierig wird es erst, wenn die AfD die Absurdität dieser Gestalten erkannt hat und sie es schafft, einen smarten, weltgewandten Self-Made-Man mit Macherimage und gemäßigter Rhetorik aufzustellen. Ich bin gespannt, ob ihr das gelingen wird, bevor sie sich selbst zerlegt. Jeder Tag mehr, an dem diese schrägen Typen das Bild bestimmen, ist so gesehen ein Segen.
gatopardo 10.08.2019
3. Es darf einfach nicht sein,
dass wir uns an einen "Stürmer"-Jargon wieder gewöhnen müssen. Diese unseligen 12 Jahre haben unendliches Leid über uns Europäer gebracht und man dachte in all den Jahren der Demokratie, dass jene Sprachregelung der "Völkisch-Nationalen" endgültig der Vergangenheit angehören würden. Aber schlimmer noch, dass sie gewählt werden von denen, deren Vorfahren es eigentlich besser wissen müssten.
sikasuu 10.08.2019
4. Für sogenannte gemäßigtere AfD-Vertreter.... Gib es die denn wirklich?
Das wage ich zu bezeifeln, denn wenn der "Flügel" wie vermutet wirklich nur eine kleine Minderheit wäre, könnte die AFD den klein halten, der würde dann nicht wahlentscheidend sein. . Aber mMn. ist die Parole. Egal wie, egal was dabei zu Bruch geht. Ran an die Fleischtöpfe, dafür frisst der Teufel auch mal Fliegen usw! . Na ja, mal sehen wie unsere "frisch sozialisierten demokratischen Neu-Bundesbürger" demnächt wählen:-(
K. Theo Frank 10.08.2019
5. Claus Leggewie
Claus Leggewie hat im blog des ehemaligen Spiegel-Kollegen Gabor Steingart die Sache prägnant auf den Punkt gebracht. Höcke strebt den Parteivorsitz an und wenn die Wahl in Thüringen zu seinen Gunsten ausgeht, sind Weidel und Meuthen bald weg vom Fenster. Außerdem hat er verraten, warum die AFD nicht den erhofften Schwenk in die rechte Mitte macht: Diese Richtung bringt einfach keine Stimmen. Dem Wähler ist die wohl zu unlustig. Offen bleibt, in wieweit die Republik eine wirkliche Mitte-rechts-Partei benötigt, nachdem die CDU die SPD innerhalb der GroKo kannibalisiert hat.
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