AfD und Brexit Und dann weinte Beatrix von Storch - vor Freude

Die AfD bietet nach dem Brexit ein gespaltenes Bild. Europapolitikerin von Storch vergießt vor Freude Tränen. Bei Vizeparteichef Gauland läuft das ganz anders.
Alexander Gauland, Beatrix von Storch (Archivbild)

Alexander Gauland, Beatrix von Storch (Archivbild)

Foto: Thomas Lohnes/ Getty Images

Eigentlich müsste sich Alexander Gauland als AfD-Vize über den Ausgang des Brexit freuen. Schließlich wettert seine Partei bei jeder Gelegenheit gegen die "Bürokraten in Brüssel" und den Euro. Doch der 75-Jährige hat seit Jahrzehnten ein Faible für britische Kleidung, für britische Autos, in den Siebzigerjahren war er sogar für ein Jahr Pressereferent am deutschen Generalkonsulat in Edinburgh.

Auf den Brexit reagiert Gauland mit englischem Understatement. Die Briten hätten sich für "die direkte Demokratie" entschieden lobt er und sagt dann aber: "Ich bedauere den Austritt Großbritanniens." Denn mit ihrem Pragmatismus hätten die Briten viel für Europa geleistet, er hoffe, dass die EU die Austrittsverhandlungen fair führe.

Die Schuld für den Ausgang des Referendums gibt der frühere CDU-Politiker einmal mehr der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden: "Frau Merkel hat mit ihren offenen Grenzen die Briten aus Europa vertrieben."

Die AfD hat mit einem Austritt der Insel ebenso wenig gerechnet wie andere Parteien auch. "Es war eine Überraschung für uns alle", sagt Gauland. Seine AfD-Vorstandskollegin Beatrix von Storch hatte sich weniger Zurückhaltung auferlegt. "Ich habe geweint vor Freude", bekannte sie im Fernsehsender Phoenix.

Hier der kühl reagierende Gauland, dort die weinende von Storch: Die AfD hat zum Brexit noch keine einheitliche Linie gefunden. Welchen Nutzen will die Partei aus dem Erfolg der Rechtspopulisten von Ukip auf der Insel ziehen?

In Berlin luden Gauland und seine Vorstandskollegen Georg Pazderski und Armin-Paul Hampel am Freitag zur Pressekonferenz. Eigentlich sollte Parteichef Jörg Meuthen - der neben Frauke Petry die AfD führt - in der AfD-Zentrale mit dabei sein. Doch musste er wegen eines privaten Termins passen. Wie Gauland bedauerte er in einer schriftlichen Erklärung den Austritt der Briten - die EU verliere so "eine starke Stimme der Vernunft und einen Reformmotor".

AfD-Vorstandsmitglieder Pazderski, Gauland und Hampel

AfD-Vorstandsmitglieder Pazderski, Gauland und Hampel

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Petry war nicht eingeladen

Auf Facebook verbreitete Meuthen die Forderung: "Volksabstimmung auch bei uns!" Der Thüringer Landes- und Fraktionschef Björn Höcke warb ebenfalls für einen (im Grundgesetz nicht vorgesehenen) Volksentscheid. Die Wortwahl des Rechtsauslegers in der AfD war - wie so oft - scharf: "Ich weiß, auch das deutsche Volk will mehrheitlich raus aus der EU-Sklaverei."

Gauland, der in jüngerer Zeit schützend die Hand über Höcke hält, wirkt dagegen in der Post-Brexit-Debatte vergleichsweise zurückhaltend. Zwar plädiert auch er für eine Änderung des Grundgesetzes, verlangte "direkte Demokratie", wenn es um "Existenz - und Zukunftsfragen des deutschen Volkes" gehe.

Doch eine EU-Austritts-Kampagne lehnt er ab. "Da bin ich überhaupt nicht dafür", sagte Gauland. Selbst wenn es schon jetzt im Grundgesetz die Möglichkeit eines Referendums gäbe, wäre er mit der Forderung nach einem deutschen Austritt vorsichtig. Er würde "erst einmal ein gewisses Überlegen" anregen, man solle nicht "in der Hitze des Gefechts" Entscheidungen treffen.

Auffallend war: Zur AfD-Pressekonferenz war Parteichefin Petry gar nicht erst von Gauland und seinen Mitstreitern eingeladen worden. Sie teilte ihre Sicht via Facebook mit: Der Brexit sei ein "Signal an das Brüsseler Politbüro und seine bürokratischen Anhänge".

Petrys Fehlen in Berlin überraschte nicht: In der AfD tobt seit Wochen ein Machtkampf zwischen der 41-Jährigen und dem Männertrio Gauland, Meuthen und Höcke. Es geht um persönliche Animositäten, aber auch um die Frage einer möglichen Spitzenkandidatur von Petry. Die Stimmung ist gereizt. Die Frage einer Spitzenkandidatur, machte Gauland in Berlin klar, "ist im Moment kein Thema". Und: Wer zu früh zu einer Kandidatur aufrufe, "der ist schnell auch wieder draußen".

Zuletzt ärgerten sich Meuthen und Gauland über die Intervention der AfD-Chefin im Fall des AfD-Abgeordneten Wolfgang Gedeon. Ihm werden antisemitische Schriften vorgehalten. Meuthen wollte Gedeon diese Woche aus seiner baden-württembergischen Landtagsfraktion ausschließen lassen. Doch die Fraktion verschob die Entscheidung auf den Herbst und will zunächst ein Gutachten zu Gedeons Schriften einholen. Das war ein taktischer Punktsieg für Petry im innerparteilichen Kampf gegen ihren Co-Chef, denn genau das hatte sie in einer E-Mail verlangt.

Gauland ärgert sich über die Verschiebung. Parteien wie der Front National von Marine Le Pen in Frankreich oder die Freiheitspartei von Geert Wilders in den Niederlanden hätten den Antisemitismus in ihren Reihen "ausgerottet", sagte er in Berlin, der AfD aber drohe jetzt eine wochenlange Debatte über Antisemitismus. Das sei "eine Baustelle, die man nicht gebrauchen kann".

Wie verkracht die Matadore untereinander sind, zeigte auch die Anregung aus der Parteijugend für ein "Versöhnungstreffen" der Kontrahenten. Davon hält aber der Vize nichts. An diesem Wochenende wird die AfD-Spitze mit Mitgliedern der Landesvorstände in Braunlage zusammenkommen, auch Meuthen und Petry sind geladen. "Da werden wir die ganze Zeit miteinander reden, da brauche ich keinen Versöhnungsgipfel", sagte Gauland.

Es gibt ganz offensichtlich viel zu besprechen in der AfD. Auf der Tagesordnung im Harz stehen auch strategische Fragen. Der weitere Umgang mit den Folgen des Brexit dürfte ein Thema sein.

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