Jakob Augstein

Deutsche Spaltung Einigkeit und Rechts und Brechreiz

Deutschland feiert den Tag der Einheit. Aber die Wahl hat gezeigt, wie gespalten das Land in Wahrheit ist: Reich und arm, Ost und West haben sich immer weniger zu sagen. Ist eine deutsche Einheit möglich?
AfD-Plakat (in Altenberg)

AfD-Plakat (in Altenberg)

Foto: MATTHIAS SCHUMANN/ REUTERS

Einigkeit und Recht und Freiheit: Schon in ihrer Nationalhymne lassen die Deutschen keinen Zweifel daran, was ihnen am wichtigsten ist. In Frankreich kommt zuerst die Liberté. Gleichheit und Brüderlichkeit folgen. Aber die Deutschen wollen vor allem eins: einig sein. Darum heißt ihr Nationalfeiertag, den sie am 3. Oktober begehen, auch "Tag der deutschen Einheit". Da ist dann wohl etwas schiefgelaufen. Die Bundestagswahl hat gezeigt: Seit der sogenannten Wiedervereinigung waren sich die Deutschen nicht so fremd wie heute.

"Einheit" war ein deutscher Traum des 19. Jahrhunderts. Das Wort tümelt mittlerweile ganz schön. Und mal ehrlich: wer will schon in "Einheit" mit Björn Höcke und Alexander Gauland verbunden sein? Wenn dieser Gauland und seine Spießgesellen sagen, sie wollten "unser Volk" zurückholen, ist die unwillkürliche Antwort: Zu denen will ich gar nicht. Andererseits muss man sich fragen, wie viel Entzweiung sich die Deutschen leisten können und wollen.

Denn wer jetzt 87 Prozent gegen 13 Prozent stellt und alles für halb so wild hält, der rechnet sich die Lage schön und verrechnet sich dabei. Im Osten hat ein Viertel der Männer eine Partei gewählt, deren Spitzenkandidat einmal gesagt hat: "Wir wollen in dieser Republik gar nicht ankommen. Wir wollen eine andere Republik." Die Frage ist also, ob die 13 Prozent der AfD erst die Vorboten des Kommenden sind.

"Die Leute wollen, dass Deutschland Deutschland bleibt." Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat das gesagt. Er war in der Riege der deutschen Polit-Prominenz bislang nicht durch besonders fundierte Diagnosen aufgefallen - aber diesmal hat er einen wunden Punkt erwischt. Man kann den Satz als ontologischen Nonsens abtun. Denn nichts ist, was es war. Und alles ist, was es ist. Das gilt täglich. Und darum bleibt Deutschland immer Deutschland. Aber das meinte Tillich offenbar nicht.

Tillich und seinesgleichen wollen nicht, dass Deutschland bleibt, wie es ist - sondern wieder wird, wie es einmal war. Sie wollen zurück in die Vergangenheit. Veränderungen zurückdrehen. Modernisierung abstellen. Wenigstens verlangsamen.

Die Fans der Modernisierung würden einen wie Tillich am liebsten bei den Hörnern nehmen und ihm entgegnen: Richtig so! Das offene, pluralistische Deutschland, in dem ethnische, religiöse, sexuelle und sonstige Minderheiten vergleichsweise sicher leben können - das soll unbedingt so bleiben, wie es ist! Sorgt mal dafür, ihr in Sachsen!

Deutschland zerfällt

Aber über die Gräben hinweg, die das Land inzwischen trennen, versteht man sich nicht mehr. Die gemeinsame Sprache versagt. Darum werden wir an diese Wahl noch lange denken: Sie hat ein zerrissenes Land enthüllt. Ost und West, reich und arm - Deutschland zerfällt. Es gehört zu den Aufgaben einer Regierung, das Trennende zu überwinden. Aber die Koalition, die sich unter dem unsinnigen Namen "Jamaika" zusammenfinden will, wird eine Regierung der Spaltung sein. Das Bündnis aus CDU, Grünen und FDP steht für die Selbstabschottung des westdeutschen Wohlfühlbürgertums. Der Rest soll sehen, wo er bleibt.

Machen wir uns nichts vor: Auch die sogenannten Liberalen wissen, wie man den "Anderen" ausgrenzt. Wenn der "Stern" frohlockt, es "könnte sich tatsächlich in Jamaika das aufgeklärte, liberale, leistungsbereite Bürgertum zusammenfinden" - dann bedeutet das gleichzeitig, dass all die anderen engstirnige, faule Hinterwäldler sind.

Man spricht ihnen nicht weniger als die Fähigkeit zum klaren Denken ab. Die "NZZ" etwa fand, der deutsche Wahlkampf habe seine eigentlichen Demarkationslinien nicht zwischen links und rechts gefunden, sondern vielmehr zwischen einer "als transparent und unhintergehbar akzeptierten Vernunft und - eben - einer Alternative dazu". Dazu passt auch, dass der Soziologe Heinz Bude im Deutschland des Jahres 2017 "Milieus der Kränkung" und "Milieus der Vernunft" feststellt. Der AfD-Wähler ähnelt also eigentlich einem Kind, einem Debilen, er folgt seinen Instinkten.

Wer so redet, versucht, ein politisches Problem zu entpolitisieren. Dieser Versuch wird scheitern und viel Schaden anrichten.

Das selbstgerechte Milieu hat nach der Wahl mit Verachtung registriert, dass ausgerechnet in jenen Wahlkreisen eine migrantenfeindliche Partei Zulauf erhielt, in denen es so gut wie keine Migranten gibt. Aber das ist kein weiterer Beweis für die Vollverblödung der rechten Wähler, sondern dafür, dass es nicht um die Migranten geht - sondern um die Deutschen.

Das Problem beginnt erst

Es gibt da draußen eben eine Menge von Menschen, die nicht zu den transnationalen Gewinnern gehören. Die keine "lovely jobs" haben, mit Apple-Rechner und Slow-Food-Kantine. Die fühlen sich bedroht in einer Welt, in der Konzerne ab- und Migranten einwandern. Und die haben im Moment den Eindruck, dass sich ihnen nur die Wahl zwischen einer unsolidarischen Globalisierung oder einer solidarischen Abschottung bietet. Denn auf die Frage, wie eine gerechte Internationalisierung aussehen soll, haben die Linken keine Antwort und den Liberalen ist sie gleichgültig.

Wenn die Vorhersagen über den weiteren Umbau der Industriegesellschaft zutreffen, über die Verwerfungen, die neue Produktionsverfahren und künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt bald hervorrufen werden, dann wird die Zahl dieser Leute zunehmen. Das Problem beginnt also erst.

Der französische Film "La Haine" - "Hass" - beginnt mit den Worten. "Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von 'nem Hochhaus fällt. Und während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: 'Bis hierher lief's noch ganz gut, bis hierher lief's noch ganz gut, bis hierher lief's noch ganz gut...'. Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung!"

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