Stellenanzeige der AfD-Fraktion Hilferuf von rechts außen

Die AfD-Bundestagsfraktion sucht per Stellenanzeige einen Geschäftsführer, der sich vor allem um das liebe Geld kümmern soll. Der Text der Annonce verrät viel über das mitunter chaotische Binnenleben der Parlamentariergruppe.

Stellenausschreibung der AfD in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"

Stellenausschreibung der AfD in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"

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"Gesucht: Fels in der Brandung", unter dieser Überschrift warb die AfD-Bundestagsfraktion in diesen Tagen in einer großen Tageszeitung für die Stelle eines Geschäftsführers. Der Fels darf nicht nur männlich oder weiblich sein, die Rechtspopulisten führen gemäß der gesetzlichen Vorgabe auch die dritte Option "divers" auf.

Der Text der folgenden Annonce ist nicht ohne Selbstironie verfasst. "Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind wir ein durchaus 'bunter Haufen' mit unterschiedlichen Ideen und Ansätzen", das stelle die Fraktion "regelmäßig vor Herausforderungen, für deren Bewältigung wir ein echtes Organisationstalent suchen", so wird das künftige Arbeitsfeld des Angestellten beschrieben.

Der künftige Geschäftsführer soll offenbar ein Multitalent sein: Er brauche "Ausdauer und Langmut bei gleichzeitiger Durchsetzungs- und Konfliktfähigkeit sowie ein feines Gespür für das menschliche Miteinander". Belastbarkeit und "Stressresistenz" setzt die AfD-Fraktion voraus, auch seien "vorzügliche Kenntnisse in Budgetierung, Controlling, Reporting" gefragt.

Mit anderen Worten: Die AfD braucht jemanden, der das Chaos im eigenen Laden sortiert. Und mit Geld sollte er sich gut auskennen, denn da steckt man gerade ziemlich in Schwierigkeiten.

Tatsächlich erscheint der Hilferuf zu einem Zeitpunkt, da die AfD, und zwar Partei und Fraktion, in Finanzfragen mächtig unter Druck stehen. So muss sich die Ko-Vorsitzende der AfD-Fraktion, Alice Weidel, seit Monaten wegen einer Spendenaffäre in ihrem Kreisverband am Bodensee rechtfertigen.

Die Partei wiederum muss wegen der Europaspitzenkandidaten Jörg Meuthen und Guido Reil (beide gehören nicht dem Bundestag an) womöglich den Gürtel enger schnallen: Kürzlich verhängte die Bundestagsverwaltung eine Strafzahlung wegen illegaler Wahlkampfhilfen in Höhe von 402.900 Euro.Die AfD will dagegen klagen, hat aber vorsorglich bereits eine Million Euro wegen dieser und anderer Strafzahlungen im Parteibudget zurückgelegt.

Engere AfD-Fraktionsführung: Alexander Gauland, Bernd Baumann und Alice Weidel
DPA

Engere AfD-Fraktionsführung: Alexander Gauland, Bernd Baumann und Alice Weidel

Wer sich also bei der AfD bewirbt, muss auf offenkundig vielen Ebenen gestählt sein - das gilt auch für die Bundestagsfraktion. Sie ist mittlerweile auf 91 Abgeordnete geschrumpft, von einst 94 beim Einzug im Herbst 2017. Die Stimmung scheint nicht gut zu sein, folgt man den Schilderungen des kürzlich aus der AfD-Fraktion ausgetretenen Bundestagsabgeordneten Uwe Kamann.

"Chaotische" Arbeitsabläufe, unklare Zuständigkeiten und nicht funktionierende Planung nannte Kamann in der "Welt" als Ärgernisse. Viele Fraktionsmitarbeiter seien "durch inkompetente Personalführung verunsichert", das Finanz- sowie IT-System der Fraktion seien "gelinde gesagt eine Katastrophe". Es sei "bemerkenswert", dass eine Partei es als Ziel ausgebe, "Deutschland angeblich retten zu wollen", selbst aber nicht in der Lage sei, "eine Bundestagsfraktion professionell aufzubauen und zu betreiben". Seit Februar sitzt der IT-Unternehmer Kamann, der auch die Partei verließ, als fraktionsloser Abgeordneter im Bundestag.

Finanzen waren immer ein Problem

Probleme mit der internen Finanzverwaltung hatte die AfD-Fraktion, ein Newcomer im Bundestag, von Beginn an. Nach der Wahl 2017 war das Berliner AfD-Mitglied Hans-Joachim Berg zum Fraktionsgeschäftsführer bestimmt worden. Doch schon nach kurzer Zeit geriet Berg, viele Jahrzehnte in der Berliner CDU und fast vierzig Jahre Parlamentsbeamter im Bundestag, in die Schlagzeilen. Er wurde auf Betreiben von AfD-Co-Fraktionschefin Alice Weidel degradiert und kündigte schließlich im Februar 2018. In der "Bild" lief der Vorgang unter der Schlagzeile "Schnittchenaffäre": Seine Gegner hielten Berg unter anderem die hohen Kosten für das Catering der AfD-Abgeordneten vor. Er selbst erklärte, es habe im Vorstand der AfD-Fraktion Kräfte gegeben, die ein anderes Verständnis vom Aufbau einer professionellen Fraktion hätten und die die Anforderungen an sein Amt anders bewerteten.

In den Folgemonaten wurde es nicht besser. Im vergangenen Jahr setzte die Fraktionsführung um Weidel und Alexander Gauland unabhängige Wirtschaftsprüfer ein. Diese monierten, dass "zahlreiche Mittelverwendungen nicht den Anforderungen des Abgeordnetengesetzes entsprechen".

Im Herbst gab schließlich Hansjörg Müller, einer der parlamentarischen Fraktionsgeschäftsführer, entnervt seine Zuständigkeit für Finanzen ab. Daraufhin wurde die Arbeitsteilung unter einem Teil der fünf AfD-Fraktionsvizes neu organisiert.

Auf der Stelle, um die es jetzt in der Anzeige geht, wurde ein Mitarbeiter ebenfalls Opfer interner Querelen. Kommissarisch war in der Bundestagsfraktion bis Oktober Frank Kral für Finanzen zuständig, er trug den umständlichen Titel "Projektleiter Fraktionsaufbau", agierte aber faktisch wie ein Geschäftsführer.

AfD-Mitglied Thorsten Dehne wird für die Stelle gehandelt

Der baden-württembergische AfD-Landesschatzmeister (auch er kein Bundestagsabgeordneter) sei in einen internen Machtkampf mit dem Parlamentarischen Geschäftsführer der AfD-Fraktion, Michael Espendiller, geraten, heißt es. Gauland und Weidel entließen Kral schließlich im Herbst, der wiederum zog gegen seine Entlassung durch die AfD-Fraktion vor Gericht. Am 25. Juli soll das Arbeitsgericht Berlin eine Entscheidung fällen.

Nun soll also eine neue Kraft für Ordnung sorgen. Doch auch die Suche danach läuft offenbar nicht ohne Ärger. In der Fraktion gebe es Unmut wegen der hohen Kosten für die halbseitige Stellenanzeige, die am Wochenende in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erschien, heißt es. Laut Preisliste des FAZ-Verlags hat sie 47.600 Euro gekostet.

Mancher in der AfD-Fraktion hält die Anzeige schlicht für überflüssig. Schließlich werde bereits ein Kandidat für den Posten gehandelt. Der heiße Thorsten Dehne, sei derzeit Leiter des Vorstandsstabs der AfD-Bundestagsfraktion. Der Diplom-Volkswirt, AfD-Mitglied in Berlin, kann immerhin auf jahrelange Erfahrungen in der Banken- und Finanzbranche verweisen.

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belenenses2000 30.04.2019
1. Peter-Prinzip pur!
Na, wenn schon Meuthi (VWL-Professor) und Weidi (Unternehmensberaterin) "völlig überrascht" von Spenden und falschen Spenderlisten sind, möchte man nicht wissen, wie es um die Kompetenz des restlichen Haufens bestellt ist. Ausser zu einem Spruch ("links-grün-versifft"), zum peinlichem Davonlaufen in Talkshows oder der Wahl einer mehr oder minder modischen Krawatte (Hunde) reicht es bei der "AfD" in Sachen Kompetenz ja wohl nicht. Bis wann das wohl auch der Letzte merkt, dass Unfähigkeit keine "Alternative" ist?
Elrond 30.04.2019
2. wäre das nicht ein Job für unseren Steve Bannon
...ach so, dann müssten die Abgeordneten Englisch sprechen. Das kann man von national orientierten Populisten natürlich nicht erwarten.
Hagbard 30.04.2019
3.
... so viel könnten die mir gar nicht bezahlen, dass ich da schwach würde. Aber immerhin verschweigen die nicht, wer da sucht. Anders als ein komischer Verein, der der AfD nahesteht (hab vergessen, wie die sich genau nennen), der letztes Jahr Zugang zum örtlichen Verteil-Dienstleister gesucht hat, damit deren rechtes Hetz-Blatt unters Volk kommt.
caljinaar 30.04.2019
4. Nichts verwerfliches
Also soweit ich das jetzt herausgelesen habe, versucht die AfD die Fehler in der Vergangenheit durch externes Recruiting in den Griff zu bekommen. Finde ich persönlich erstmal eine gute Sache, auch wenn ich derzeitig trotzdem nicht die AfD wählen würde, da mich das Wahlprogramm und die Politiker nicht vom Hocker hauen. Ich freue mich aber dass die AfD scheinbar langsam beginnt sich für die politische Verantwortung die sie als Partei im Bundestag vorzubereiten... Besser spät als nie.
om108 30.04.2019
5. Um den weiblichen Anteil unter den Bewerber*innen anzusprechen, müsste
der Text noch exakter umformuliert werden: Gesucht wird eine: 1. Fels*in, 2. eine(n) Expertin/Experten, 3. Geschäftsführer*in. Für das Kürzel ´d` hätte ich eher auf deutsch als auf divers getippt. Was heißt denn überhaupt divers? Multiple Persönlichkeiten mit diversen psychisch-physischen Eigenschaften? Aber welchen? Und ´feines Gespür für das menschliche Miteinander`? Seit wann menschelt es in der AfD? Bislang sind mir nur eher grobschlächtige Ausdrucks- und Umgangsformen in der AfD begegnet.
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