Von AfD-Abgeordnetem mitfinanziertes Grabmal Polen empört über Gedenkstein für Freikorpskämpfer

Im polnischen Oberschlesien ist mithilfe eines AfD-Bundestagsabgeordneten ein Gedenkstein für deutsche Soldaten und Freikorpskämpfer aufgestellt worden. Nun lässt Polen den Vorgang offiziell untersuchen.

Beschmierter Gedenkstein auf dem Friedhof in Bytom (Beuthen): "Sehr ernsthafter" Vorgang
Grzegorz Celejewski / Agencja Gazeta

Beschmierter Gedenkstein auf dem Friedhof in Bytom (Beuthen): "Sehr ernsthafter" Vorgang

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Der Vorgang klingt unglaublich. Doch der Gedenkstein auf dem Friedhof im polnischen Bytom steht seit Kurzem tatsächlich dort. Er trägt eine deutsche Inschrift: "Zum Gedenken an die gefallenen deutschen Soldaten im 1. und 2. Weltkrieg, an die Selbstschutz- und Freikorpskämpfer und an die ermordeten und unterdrückten Ostdeutschen."

Mittlerweile ist der Stein, offenbar von Anhängern der polnischen rechtsextremen Szene, beschmiert worden. Darauf steht das Zeichen der rassistischen "White Pride" und auf Deutsch "Raus" und darunter "Szwaby", was umgangssprachlich im Polnischen eine abwertende Bezeichnung für Deutsche ist.

Mitfinanziert hat den Gedenkstein in Oberschlesien der AfD-Bundestagsabgeordnete Stephan Protschka, der dessen Einweihung zum deutschen Volkstrauertag am vergangenen Sonntag auf seiner Facebook-Seite stolz verkündete, selbst aber nicht dabei war.

Der bayerische Politiker - er ist auch Beisitzer im AfD-Bundesvorstand - ist nicht der einzige Förderer, der auf dem Stein erwähnt wird. Mit dabei sind unter anderem der AfD-Nachwuchs "Junge Alternative" aus Berlin, die vom Verfassungsschutz beobachtete Burschenschaft "Markomannia Wien zu Deggendorf" sowie weitere Personen. Auffällig ist auch eine Zeile, die auf dem Stein beseitigt wurde - eine Inschrift der "Jungen Nationalisten", des Nachwuchses der rechtsextremen NPD.

Initiiert hatte das Denkmal offenbar der örtliche Vorsitzende des Bundes der Jugend der Deutschen Minderheit (BJDM) in Bytom (dem früheren Beuthen), Markus Tylikowski. Er hatte bei der Einweihung gesprochen und über die örtliche BJDM-Facebook-Seite auch über die Aktion berichtet - samt Fotos.

Polnisches Institut prüft Aufstellung

In Polen ist das Thema mittlerweile von Medien aufgegriffen worden - und es beschäftigt auch die polnische Botschaft in Deutschland. Am Donnerstag erklärte der Presseattaché der polnischen Botschaft in Berlin, Dariusz Pawlos, in einer schriftlichen Antwort an den SPIEGEL, der Sachverhalt "scheint sehr ernsthaft zu sein", darum habe man ihn an die zuständigen Behörden in Polen - unter anderem an das Institut für Nationales Gedenken - weitergeleitet, "wo er gründlich überprüft werden muss".

Nach ersten Einschätzungen sei davon auszugehen, dass es hierbei "um die Verletzung der geltenden Rechtsvorschriften" in Polen gehe, heißt es in der Stellungnahme weiter. Über die "Ergebnisse und Maßnahmen, die in diesem Fall eingeholt beziehungsweise ergriffen werden", werde man zu gegebener Zeit informieren. Wie der SPIEGEL zudem aus der Botschaft erfuhr, könnte am Ende auch der Abbau des Gedenksteins in Bytom erfolgen.

Bewusste Provokation

Tatsächlich wirkt die im Stile revisionistischer Apologeten gehaltene Inschrift wie eine gezielte Provokation rechter Politiker - mithilfe von AfD-Mitgliedern. Vor allem der Bezug zu den Freikorpsverbänden ist bemerkenswert: Die Einheiten - sie bestanden aus überwiegend demobilisierten Soldaten - waren nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im Dezember 1918 per Reichsgesetz zunächst als bewaffnete Einheiten zum Schutz von Sicherheit und Ordnung gegründet worden.

Stephan Protschka, Bezirksvorsitzender der AfD in Niederbayern (Februar 2018): den Stein mitfinanziert
DPA

Stephan Protschka, Bezirksvorsitzender der AfD in Niederbayern (Februar 2018): den Stein mitfinanziert

Viele ihrer Anhänger waren jedoch Rechtsradikale und Anhänger der völkischen Bewegung, die an der Niederschlagung der Spartakisten in Berlin und der Räterepublik in München 1919 beteiligt waren. Dabei kam es zu zahlreichen Erschießungen und brutalen Exzessen.

Zudem kämpften die Freikorps im Ruhrgebiet und als "Grenzschutz Ost" - vor allem gegen Einheiten des nach dem Ersten Weltkriegs wiederauferstandenen polnischen Staats in Oberschlesien. Und: Während der Naziherrschaft gab es von der SS aufgestellte Selbstschutzverbände, die sich aus Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen rekrutierten. Diese ermordeten nach der deutschen Besetzung Polens 1939/40 Tausende Polen.

Polens Botschafter besorgt

Der polnische Botschaftssprecher erklärte gegenüber dem SPIEGEL, Botschafter Andrzej Przylebski habe "seine Besorgnis" über die Inschrift ausgedrückt. Zur Zeile für die Freikorps- und Schutzverbände sagte er, eine abschließende historische Bewertung durch das Institut für Nationales Gedenken in Polen stehe zwar noch aus: "Doch aus polnischer Sicht waren das keine Opfer, sondern Täter", sagte der Presseattaché.

Neben inhaltlichen Fragen werden in Polen auch formaljuristische Aspekte der Aufstellung des Steins untersucht. Nach dortigem Recht seien Erinnerungsstätten auf kommunalen und kirchlichen Friedhöfen nur mit Genehmigung der Behörden zu errichten. "Auf eigene Faust kann man so etwas nicht aufstellen", so der Botschaftssprecher.

Irritationen löste auch die Teilnahme eines katholischen Priesters aus, der den Stein segnete. Dabei handelte es sich um einen deutschen Priester der "Priesterbruderschaft Sankt Petrus". Ein Sprecher der Bruderschaft bestätigte laut der Onlineseite katholisch.de mittlerweile dessen Teilnahme, stellte aber zugleich klar, dem Pater sei der "gesamte problematische Zusammenhang" des Denkmals und der Einweihung vor Ort nicht bewusst gewesen.

Jugendverband der deutschen Minderheit in Polen ist entsetzt

Die Aufstellung des Gedenksteins hat den Mitfinanzierer, den AfD-Bundestagsabgeordneten Protschka und den Bund der Jugend der Deutschen Minderheit (BJDM), in Erklärungsnöte gebracht. In einer Stellungnahme des BJDM-Vorstands aus Opole (ehemals Oppeln) heißt es nun, der BJDM-Vorsitzende in Bytom, Tylikowski, habe die Errichtung in "keinerlei Weise" vorher gegenüber dem Vorstand erwähnt oder abgesprochen. "Mit Entsetzen" habe man erst aus den sozialen Medien davon erfahren. Man distanziere sich entschieden davon, auch von seinen Kontakten zu den betreffenden Organisationen.

Auffällig auf den Bildern vom Stein ist auch eine Leerstelle: "Junge Nationalisten" (JN) stand dort, der Nachwuchs der rechtsextremen NPD. Protschka erklärte gegenüber dem "Tagesspiegel", auf seine Forderung hin habe man vor der Einweihung den JN-Schriftzug zugespachtelt. Mit der von ihm bezahlten "schönen, hohen dreistelligen Summe" sei die Errichtung des Soldatendenkmals möglich geworden. Wie auch die Nachwuchsorganisation der NPD darauf gelandet sei, könne er sich nicht erklären. Die Distanzierung Protschkas ist aus parteiinterner Sicht notwendig: Die NPD-Jugend wie auch die NPD steht auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD.

NPD-Nachwuchs widerspricht AfD-Bundestagsabgeordnetem

Doch die JN legte via Twitter jetzt nach. Es sei "Unsinn", dass Protschka "weder etwas von der Inschrift" noch von "weiteren Spendern" gewusst haben wolle. "Beides war jederzeit und ohne Problem in Erfahrung zu bringen", so die JN über ihren Account.

Auch sonst scheint die NPD frühzeitig involviert gewesen zu sein. Im Internet kursiert ein Foto, das den NPD-Vorsitzenden von Dresden, Maik Müller, dabei zeigt, wie er einen auf den 31. Oktober ausgestellten übergroßen Spendenscheck des "JN-Bundesvorstands" an den "BJDM Beuthen" bei einem Besuch in der polnischen Stadt überreicht - in Höhe von 200 Euro. Mit dabei - der örtliche BJDM-Chef Markus Tylikowski.

Für den AfD-Bundestagsabgeordneten Protschka dürfte der junge Mann kein Unbekannter sein, wird er doch in der ersten Nummer des JA-Blatts "Patria" in einem dreiseitigen Interview vorgestellt - als "Mitglied der JA" und Angehöriger der deutschen Minderheit, der in diesem Frühjahr "über den bayerischen Bundestagsabgeordneten Stephan Protschka" an einem im Bundestag ausgerichteten Planspiel "Jugend und Parlament" teilnahm.

Von den beiden AfD-Fraktionschefs im Bundestag, Alice Weidel und Alexander Gauland, war keine Stellungnahme zum Agieren ihres Abgeordneten Protschka zu erhalten. Von AfD-Fraktionssprecher Christian Lüth hieß es gegenüber dem SPIEGEL lediglich: "Jeder Bundestagsabgeordnete ist bei uns politisch eigenständig." Der Vorstand bewerte daher die Reisen der Abgeordneten generell nicht.



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josho 22.11.2019
1. Warum machen die Polen....
.....nicht kurzen Prozess und räumen diesen widerlichen Klotz nicht sofort weg? Wäre das beste, aber man könnte auch verstehen, wenn sie jetzt als Opfer gerieren und dieses Schandmal als Propaganda gegen "alles Deutsche" ausnutzen und anprangern.
PeterAlef 22.11.2019
2. ...es ist hohe Zeit, dass die Bundesrepublik...
...die AfD verfassungsmäßig zu überprüfen, offiziell ...es kann nicht sein, dass die AfD sich ständig von Einzelpersonen distanzieren, deren Taten aber nicht verurteilen. Wird ein solches Verhalten nicht sanktioniert, muss man billigendes Verhalten unterstellen...
megamekerer 22.11.2019
3. AfD sollte verboten werden,
bevor sie Deutschland vor ganzer Welt blamieren! Es ist keine Demokratie wenn die Justiz und Verfassungsgericht jeden Altnazi und Neonazi Spielraum für Antisemitismus und Faschismus gewähren!!!
Frietjoff 22.11.2019
4. Deutsche und polnische Faschisten bekämpfen einander
So so, deutsche und polnische Faschisten beharken sich gegenseitig. Was soll man dazu sagen? Masel tov?
urban_warrior 22.11.2019
5. Kaum zu glauben ...
... wie kann man nur so empathielos (oder gar hirnlos?) sein? Wozu ist solch ein "Denkmal" gut, außer für böses Blut zu sorgen? Aber bei der AFD muss man sich über sowas ja eigentlich nicht wundern.
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