Gauland-Nachfolge Chrupalla will AfD-Chef werden

Auf dem anstehenden Bundesparteitag wird die AfD sich eine neue Führungsspitze geben. Für Alexander Gauland soll nun doch der sächsische Politiker Tino Chrupalla nachrücken. Es wird eine Wahl mit Risiko.

AfD-Politiker Alice Weidel, Alexander Gauland und Tino Chrupalla: Bereit für eine Kandidatur
Foto: Kay Nietfeld/dpa

AfD-Politiker Alice Weidel, Alexander Gauland und Tino Chrupalla: Bereit für eine Kandidatur

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In der AfD-Führungsspitze wurde in den vergangenen Tagen viel miteinander gesprochen. Immer wieder ging es um die Frage: Tritt Alexander Gauland, bislang Co-Parteichef an der Seite von Jörg Meuthen, am Samstag auf dem Bundesparteitag in Braunschweig wieder an? Oder wird Tino Chrupalla, sächsischer Politiker aus Görlitz und AfD-Fraktionsvize im Bundestag, sein Nachfolger?

Nun hat sich Chrupalla entschieden: Er will kandidieren. Das bestätigte er dem SPIEGEL per SMS am Mittwoch.

Die Lage war und ist unübersichtlich, seitdem der Berliner AfD-Bundestagsabgeordnete Gottfried Curio überraschend seine Kandidatur für Gaulands Posten angekündigt hatte. Der 59-Jährige gilt als ehrgeizig, hatte im September bei den AfD-Vorstandswahlen in der Bundestagsfraktion versucht, einen der Vizeposten zu ergattern, scheiterte jedoch knapp an der bisherigen Amtsinhaberin Beatrix von Storch.

Curios Plan, nun an der Seite von Meuthen Parteichef zu werden, durchkreuzte die Absichten Gaulands, der seit Längerem intern auf Chrupalla setzt und bereit ist, sich zum Ehrenvorsitzenden der AfD wählen zu lassen. Curio, der mit aggressiven und demagogischen Reden vor allem gegen Zuwanderer im Bundestag aufgefallen ist, wird intern nicht die Führung der Partei zugetraut. Allerdings hat er an der Basis viele Anhänger, vor allem durch seine auf YouTube-Kanälen verbreiteten Reden.

Chrupalla wiederum hatte jüngst im Bundestag anlässlich des Mauerfall-Jubiläums mit einer scharfen Rede gegen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Empörung vor allem unter Unionsabgeordneten ausgelöst. Sein Vorteil: Obwohl er kein Mitglied des starken Rechtsaußen-Netzwerks "Flügel" um die AfD-Spitzenpolitiker Björn Höcke und Andreas Kalbitz ist, genießt er dort Unterstützung.

Droht wieder ein Chaos-Parteitag?

Sein Entschluss, für die Gauland-Nachfolge zu kandidieren, wurde nach SPIEGEL-Informationen in einer Runde am Dienstag, an der unter anderem Chrupalla, Gauland, Meuthen, AfD-Co-Fraktionschefin Alice Weidel und Bundesvorstandsmitglied Andreas Kalbitz teilnahmen, informell besprochen.

Damit geht der 78-jährige Gauland durchaus ein Risiko auf dem zweitägigen Parteitag ein. Denn nun kandidieren Curio und Chrupalla am Samstag für ein und denselben Posten. Wie aus der Partei zu hören ist, will Gauland sich trotz des Antritts von Chrupalla eine erneute eigene Kandidatur für den Fall offen halten, dass der Parteitag chaotisch verläuft und sich anders entwickelt als gewünscht.

In den vergangenen Monaten hatte Gauland mehrmals deutlich gemacht, dass er eine Wiederholung des Parteitags von Hannover vor zwei Jahren vermeiden wolle. Damals hatte Gauland im Vorfeld erklärt, nicht als AfD-Parteichef an der Seite Meuthens anzutreten, musste am Ende aber doch in den Ring steigen und sich wählen lassen. Der Grund war ein Patt in zwei Wahlgängen zwischen dem Berliner AfD-Chef Georg Pazderski und der überraschend als Kandidatin angetretenen damaligen schleswig-holsteinischen AfD-Landeschefin Doris von Sayn Wittgenstein.

Alexander Gauland (l.), Fraktionsvorsitzender der AfD, und Tino Chrupalla, Kandidat für den Bundesvorsitz der AfD: Hintertür offen gelassen für den Notfall
DPA

Alexander Gauland (l.), Fraktionsvorsitzender der AfD, und Tino Chrupalla, Kandidat für den Bundesvorsitz der AfD: Hintertür offen gelassen für den Notfall

Angesichts der vertrackten Lage sah sich Gauland damals in Hannover gezwungen, doch noch anzutreten, und erhielt am Ende ein Ergebnis von knapp 68 Prozent. Diese Kandidatur rechnete sich Gauland in den vergangenen Monaten immer wieder an - im Lichte der Entwicklungen, die in den beiden Jahren danach folgten. Denn Sayn-Wittgenstein, die im Herbst 2017 vom nationalistisch-völkischen "Flügel" um Höcke und Kalbitz unterstützt worden war, wurde im August dieses Jahres aus der Partei ausgeschlossen - wegen parteischädigenden Verhaltens. Ihr wurde unter anderem eine Fördermitgliedschaft in einem rechtsextremen, den Holocaust leugnenden Verein vorgeworfen.

Der zweitägige Parteitag in Braunschweig, der am Samstagvormittag beginnt, dürfte einmal mehr für die AfD unruhig verlaufen.

Auch Meuthen bekommt Gegenkandidatin

Wie aus AfD-Kreisen am Mittwoch weiter zu erfahren war, muss auch Co-Parteichef Jörg Meuthen mit einer Gegenkandidatur rechnen. Für seinen Posten will die AfD-Bundestagsabgeordnete Nicole Höchst antreten. Und mit der niedersächsischen AfD-Landes- und Fraktionschefin Dana Guth bemüht sich offenbar eine weitere Frau um einen der beiden Spitzenposten, hieß es.

Höchst hatte kürzlich gegenüber dem ZDF ein Zitat aus diesem Frühjahr verteidigt, in dem sie Merkel mit Adolf Hitler verglichen hatte: "Meiner Meinung nach hat die Machtergreifung schon stattgefunden. Der Schnauzer trägt jetzt Raute." In einem ZDF-Interview verteidigte Höchst nun das einstige Zitat: "Wenn ich mir anschaue, wie damals, meinen Geschichtskenntnissen nach, Adolf Hitler an die Macht gekommen ist, was gleichgeschaltet wurde (...) und ich vergleiche das mit dem, wie wir heute eine Zivilgesellschaft pampern, die auf politische Gegner zugeht (...) Ich sehe da sehr viele Parallelen", sagte Höchst laut der Internetseite des ZDF.

Für die engere Führung der Partei kandidiert auch Alice Weidel, bislang an der Seite von Gauland AfD-Co-Fraktionschefin im Bundestag. Die 40-Jährige tritt für den ersten Stellvertreterposten an.



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