Eurokritiker AfD-Vize Gauland verteidigt Pegida-Märsche

Bei den Pegida-Demos in Dresden marschieren auch viele AfD-Mitglieder mit. Vize-Parteichef Alexander Gauland verteidigt im Interview ihre Teilnahme. Rechtsextremisten will er in der sächsischen Landeshauptstadt nicht bemerkt haben.
AfD-Vize Gauland (am 15. Dezember auf Pegida-Demo in Dresden): "Graswurzelbewegung" kennenlernen

AfD-Vize Gauland (am 15. Dezember auf Pegida-Demo in Dresden): "Graswurzelbewegung" kennenlernen

Foto: HANNIBAL HANSCHKE/ REUTERS

Berlin - Auch am kommenden Montag werden in Dresden wohl wieder einige Tausend Menschen auf die Straßen gehen. Die Organisatoren von "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) haben erneut zu einer Kundgebung aufgerufen. Zuletzt kamen 15.000 Teilnehmer.

Wieder mit dabei sind Mitglieder der AfD. Ihre Teilnahme ist innerhalb der Parteispitze der Eurokritiker umstritten, Parteivize Hans-Olaf Henkel rät davon ab. Doch Alexander Gauland, ebenfalls Vize-Parteichef, verteidigt die Märsche. (Hier geht es zum Faktencheck zu den Pegida-Demos)

"Nach dem, was ich in Dresden gesehen habe, habe ich keine Probleme, wenn AfD-Mitglieder daran teilnehmen", sagt er im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Zugleich zeigt er Verständnis für das Anliegen der Demonstranten. "Viele Menschen haben ein Problem mit einem Islam, der sich als Staatsreligion begreift, der sich nicht, wie das Christentum, modernisiert hat und der sich in den Glaubenskriegen im Irak und Syrien besonders brutal zeigt", sagt Gauland. Er habe in der sächsischen Landeshauptstadt keine Neonazis und Rechtsextremisten gesehen, so Gauland.

Lesen Sie hier das gesamte Interview.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gauland, Sie haben diese Woche als brandenburgischer AfD-Landes- und Fraktionschef die Pegida-Demonstration in Dresden aufgesucht. Werden Sie dort jetzt häufiger hinfahren?

Alexander Gauland: Das weiß ich noch nicht. Wir wollten vor Ort zunächst einmal diese Graswurzelbewegung kennenlernen.

SPIEGEL ONLINE: Hans-Olaf Henkel, wie Sie AfD-Vize, rät AfD-Mitgliedern von der Teilnahme an solchen Demonstrationen ab. Sie also offenkundig nicht?

Gauland: Nach dem, was ich in Dresden gesehen habe, habe ich keine Probleme, wenn AfD-Mitglieder daran teilnehmen. Ich sage aber auch: Ob das immer und überall für ähnliche Pegida-Demonstrationen - etwa in Düsseldorf - gilt, kann ich nicht beurteilen.

SPIEGEL ONLINE: In Dresden haben Sie keine Neonazis und Rechtsextremisten gesehen?

ZUR PERSON
Foto: Ralf Hirschberger/ dpa

Alexander Gauland, geboren am 20. Februar 1941 in Chemnitz, ist Gründungsmitglied der "Alternative für Deutschland" (AfD). 2014 wurde er Spitzenkandidat der AfD in Brandenburg. Bei der Landtagswahl im September desselben Jahres konnte die AfD mit 12,2 Prozent ihr bislang bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl erzielen. Gauland ist AfD-Bundesvize sowie Landes-und Fraktionschef der brandenburgischen AfD. Der 74-Jährige lebt in Potsdam.

Gauland: Nein. Und auch keine Parolen, die in diese Richtung gingen. Natürlich können Sie mir jetzt vorhalten, unter den 15.000 habe es den oder die gegeben aus dem Neonazi-Lager, der da mitmarschierte. Das können sie natürlich nie ausschließen. Jedenfalls habe ich weder solche Parolen gesehen noch gehört.

SPIEGEL ONLINE: Pegida-Organisator Lutz Bachmann ist vorbestraft, unter anderem wegen Kokainbesitzes und schweren Diebstahls. Er floh sogar nach Südafrika, um sich einer Strafe zu entziehen. Dort blieb er zwei Jahre und wurde dann nach Deutschland abgeschoben. Sie sind ja in der CDU gewesen, waren in Hessen Staatssekretär und Leiter der Staatskanzlei. Haben Sie damit kein Problem?

Gauland: Ich bin so erzogen worden, dass wir den Menschen eine zweite Chance geben sollten. Wenn ich mir die Jugend unseres früheren, bedeutenden Außenministers Joschka Fischer ansehe, der vor seiner Grünen-Zeit als Straßenkämpfer der linksradikalen Szene in Frankfurt am Main aktiv war, weiß ich nicht, warum Herrn Bachmann nun verboten sein soll, was Herrn Fischer einst erlaubt war.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie nachempfinden, dass sich Menschen muslimischen Glaubens oder solche, die einfach nur einen nicht-deutschen Namen tragen, sich Sorgen um ihre Zukunft in diesem Land machen, wenn sie die Bilder von Dresden sehen?

Gauland: Ich glaube, Menschen, die integriert sind, die normale deutsche Mitbürger sind, müssen sich keine Sorgen machen. In Dresden geht es um etwas anderes - Politiker wollen bestimmte Probleme totschweigen oder mit Phrasen wie der der Willkommenskultur zukleistern.

SPIEGEL ONLINE: Die vielschichtigen Probleme bei der Integration werden doch seit Langem hierzulande angesprochen, von allen Parteien. Sie bauen da einen Popanz auf.

Gauland: Das sehe ich anders, sonst hätte die AfD doch nicht einen solchen Erfolg. Nein, es gibt unter den Zuwanderern einfach auch Menschen, die nicht zu unserer Gesellschaft passen und nicht abgeschoben werden - etwa kriminelle Flüchtlinge.

SPIEGEL ONLINE: Sie wissen, das sind Übertreibungen, die allermeisten Flüchtlinge verhalten sich friedlich und rechtskonform. In Dresden wird gegen eine angebliche Islamisierung demonstriert, dabei leben in Sachsen noch nicht einmal 0,1 Prozent Muslime. Wo sehen Sie denn diese angebliche Gefahr?

Gauland: Viele Menschen haben ein Problem mit einem Islam, der sich als Staatsreligion begreift, der sich nicht, wie das Christentum, modernisiert hat und der sich in den Glaubenskriegen im Irak und Syrien besonders brutal zeigt. Wenn Menschen dann noch hierzulande Bilder sehen von Islamisten und Salafisten, die sich Straßenschlachten in unseren Städten liefern, dann wollen sie das nicht. Diese Ängste muss man doch ernst nehmen. Und das machen die anderen Parteien nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Sorge, dass irgendwann aus den Pegida-Demonstrationen heraus der Ruf erschallt: "Ausländer raus"?

Gauland: Ich habe diesen Ruf in Dresden nicht gehört. Die Pegida-Organisatoren haben 19 Forderungen, die zum Teil sehr vernünftig sind - da steht etwa, man sei für die Aufnahme politisch oder religiös Verfolgter. Für die Aufnahme des Rechts und der Pflicht auf Integration ins Grundgesetz. Für die dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge statt in menschenunwürdigen Heimen. Wortwörtlich. Ich sehe darin keine Ausländerfeindlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Man gewinnt aber aus Äußerungen von Teilnehmern den Eindruck, dass viele ein grundsätzliches Problem mit Menschen haben, die anders aussehen, die etwa Muslime sind. Der Fraktionschef der SPD im Bundestag, Thomas Oppermann, hat die Organisatoren als "Rassisten und Nationalisten" bezeichnet. Viele der Pegida-Punkte, die Sie da aufzählen, sind pure Tarnung. Dahinter verbergen sich doch die klassischen Ressentiments der Ausländerfeinde.

Gauland: Wenn Sie so argumentieren, können Sie natürlich jedes Transparent, jede Äußerung, die in Dresden gezeigt oder gemacht wurde, als Camouflage abtun. Ich wiederhole es gerne noch einmal: Ich habe dort keine ausländerfeindlichen Parolen gesehen und gehört. Aber was im Kopf eines Menschen vor sich geht, weiß ich natürlich auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Frauke Petry, eine der drei Vorstandssprecher der AfD und sächsische Landes- und Fraktionsvorsitzende, will die Pegida-Organisatoren nun Anfang Januar zu einem Gespräch einladen. Werden Sie das auch tun?

Gauland: Frau Petry ist in Sachsen näher dran, insofern macht ihre Einladung Sinn. Ich halte sie für richtig und unterstütze sie dabei. Für uns in Brandenburg macht das im Augenblick keinen Sinn, wir haben hier ja keine Pegida-Demonstrationen wie in Dresden.

Das Interview führte Severin Weiland