AfD und politische Eliten So populistisch denken deutsche Wähler

Knapp jeder dritte Wahlberechtigte in Deutschland ist ein Jahr nach der Bundestagswahl populistisch eingestellt. Das zeigt eine Studie. Aber: 70 Prozent der Befragten würden der AfD ihre Stimme verweigern.
Demonstrationsteilnehmer in Chemnitz (Archivfoto)

Demonstrationsteilnehmer in Chemnitz (Archivfoto)

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Vor einem Jahr veröffentlichte die Bertelsmann-Studie erstmals ihr Populismusbarometer (Populismus wird dabei definiert als Ablehnung politischer Eliten und pluralistischer Werte und der gleichzeitigen Annahme, es gäbe einen einheitlichen Volkswillen).

Die Zahlen schienen erschreckend. Dennoch wollten die Autoren nicht von einer "Stunde der Populisten" sprechen. In der zweiten Auflage der Studie sind die Zustimmungswertewerte für die Konzepte der Populisten noch einmal gestiegen.

Laut der Erhebung  sind mittlerweile 30,4 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland populistisch eingestellt. Das sind 1,2 Prozent mehr als im Vorjahr. "Wir haben es hier nicht mit einer erdrutschartigen Entwicklungen zu tun. Sie ist schleichend, aber spürbar", sagt Robert Vehrkamp von der Bertelsmann-Stiftung. Von einer "Stunde der Populisten" sei man noch immer weit entfernt. Es werde jedoch sichtbar, dass Populismus zunehmend eine Herausforderung für die Demokratie darstelle.

Das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap hat im Auftrag der Stiftung im Frühsommer mehr als 3400 Wahlberechtigte befragt. Sie sollten angeben, welche Partei sie bei der Bundestagswahl 2017 gewählt haben und wo sie sich auf einer Links-rechts-Skala selbst verorten. Außerdem sollten sie bestimmte Aussagen bewerten - zum Beispiel zur Frage der "Volkssouveränität" und zur Einschätzung der politischen Elite.

Populismus erobert zunehmend die politische Mitte

Die Autoren stellten fest, dass vor allem die politische Mitte betroffen ist. Etwa jeder achte Wahlberechtigte (12,7 Prozent) ist derzeit populistisch eingestellt und verortet sich gleichzeitig in der politischen Mitte. Davon profitiert laut Studie derzeit am stärksten die AfD. "Rechte wählen AfD, weil sie rechts ist, und Wähler aus der Mitte wählen AfD, weil sie populistisch ist", sagte Vehrkamp.

"Die bürgerlichen Parteien müssen aufpassen, dass sie die Mitte nicht preisgeben", sagte Vehrkamp. Bisher allerdings sei es nicht gelungen, adäquate antipopulistische Strategien zu finden. Stattdessen habe man sich immer wieder von der Rhetorik der Rechten leiten und in die Flüchtlingsfrage treiben lassen.

Daraus resultiere beispielsweise ein schleichend zunehmender Populismus der Union. "CSU und CDU haben dadurch Zuspruch unter populistisch eingestellten Wählern gewonnen. Gleichzeitig haben sie in der nichtpopulistischen Mitte verloren", sagte Vehrkamp. Insgesamt hätten sich die Werte der Union dadurch verschlechtert. Studienautor Wolfgang Merkel hofft nun, dass das ein "heilsamer Schock" für die Union sei.

"Wenn die bürgerlichen Parteien die Rhetorik der AfD annehmen, gewinnen sie damit nicht. Sie erhöhen lediglich die Akzeptanz für die Lesarten der Rechten", sagte Merkel. Stattdessen müsse man sich klar von der AfD abgrenzen. Am deutlichsten hätten dies die Grünen getan. Sie gehören laut Studie zu den Gewinnern und nehmen zunehmend einen Platz in der politischen Mitte ein.

Über 70 Prozent würden nie AfD wählen

Neben populistischen Einstellungen wurden in der Studie erstmals negative Wahlabsichten abgefragt. Die Wahlabneigung liegt bei allen Parteien zwischen 20 und 30 Prozent. Einzig die AfD bildet eine, gerade im Bezug auf die oben geschilderte Entwicklung bemerkenswerte, Ausnahme. So gaben 71 Prozent der Wahlberechtigten an, dass sie "auf keinen Fall" die AfD wählen würden.

Dies zeige, dass das Wachstum der Populisten nicht unbegrenzt sei, sagte Vehrkamp. Das theoretische Wählerpotenzial der AfD liegt laut Studie bei 29 Prozent. Dass die Rechten dieses Potenzial ausschöpfen, sei aber in der näheren Zukunft unwahrscheinlich. Vieles hänge nun von den Strategien der anderen Parteien ab. Diese könnten nun wirksame antipopulistische Strategien finden oder Wasser auf die Mühlen der Populisten spülen, sagte Merkel.

Mobilisierungschancen identifizierten die Autoren in den Themen "mehr Europa", vor allem aber bei sozialpolitischen Themen. Um den Erfolg der Populisten einzudämmen, müssten die bürgerlichen Parteien in diesen Bereichen mehr Angebote machen. Als Beispiele nannten Merkel und Vehrkamp den sozialen Wohnungsbau und steuerpolitische Umverteilung.

"Nicht Migration ist die Mutter aller Probleme, sondern die Zunahme von sozialer und kultureller Spaltung", sagte Forscher Merkel. Dies müssten die etablierten Parteien erkennen und entsprechende Politik betreiben. Andernfalls könnten "die Populisten übernehmen", sagte Merkel.