Petry auf dem AfD-Parteitag In der Kältekammer

Frauke Petry war lange das Gesicht der AfD. In Köln kann man zusehen, wie ihre Macht zerbröselt. "Parteifreunde" gehen sie auf offener Bühne brachial an, im Hintergrund planen sie schon ohne sie. Doch die Parteichefin gibt nicht auf.

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Aus Köln berichtet


Frauke Petry sitzt auf dem Tagungspodium ganz außen. Neben ihr ist nur noch das Rednerpult. Sie sieht blass aus, starrt auf ihren Laptop und wirkt angestrengt, sehr angestrengt. Die Parteichefin der AfD hat gerade eine Niederlage erlitten, ihr Antrag für einen "realpolitischen Weg einer bürgerlichen Volkspartei" wurde vom Parteitag gar nicht erst zur Befassung angenommen.

Stattdessen bejubeln im Tagungshotel Maritim die 560 Delegierten die Rede ihres Co-Vorsitzenden Jörg Meuthen, einer ihrer schärfsten Widersacher. Er nennt die von ihr eingeführte Unterscheidung zwischen einem realpolitischen und fundamentalistischen Flügel "eine trügerische Wahrnehmung", die Debatte helfe "uns da kein Jota weiter."

Meuthen bedient die ganze Palette der AfD-Rhetorik: Die Partei müsse sich "um unser Vaterland Deutschland" sorgen, wenn er "mit offenen Augen" an einem Samstagvormittag durch die Einkaufsstraße seiner Heimatstadt gehe, dann "sehe ich noch vereinzelt Deutsche".

Als Meuthen auf seinen Platz neben Petry geht, stehen viele Delegierte auf und klatschen. Sie selbst würdigt ihn keines Blickes. Die Kälte zwischen den beiden kann man bis hinauf in die Empore spüren, wo die Journalisten sitzen. Der Kontrast zum Auftritt Petrys ist augenfällig: Nach ihrer Rede waren die meisten Delegierten sitzen geblieben, der Applaus war verhalten.

Auch Kleinigkeiten offenbaren den Machtverlust

Petrys Macht in der AfD zerbröselt. Das zeigt sich an scheinbar unwichtigen Kleinigkeiten. Als die Wahl der Vize-Tagungsleiter ansteht, - eigentlich Routine - gibt es für ihren Mitstreiter Uwe Wurlitzer, Generalsekretär in ihrem sächsischen Landesverband, zunächst keine Mehrheit. Erst als ein Gegenkandidat aus Niedersachsen zurückzieht, kommt Wurlitzer doch noch durch.

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AfD-Parteitag: Petry in Bedrängnis

Was in Köln geschieht, erinnert für einen Moment an das Schicksal von Bernd Lucke. Den früheren AfD-Chef hatte Petry im Mai 2015 in Essen auf einem Mitglieder-Parteitag in einer Kampfkandidatur kühl zur Seite geschoben. Lucke trat kurz darauf aus der AfD aus. Nun wird im Foyer des Parteitags bereits spekuliert, wie lange sich Petry noch an der Spitze hält, ob sie bei einem möglichen Einzug in den Bundestag Fraktionschefin werden kann. Petry, das bekannteste Gesicht der AfD, wirkt wenige Monate vor der Bundestagswahl wie eine Königin ohne Königreich. Dass ihr "Zukunftsantrag" nicht zur Abstimmung kommt, ist in Köln nicht ihre einzige Niederlage. Auch der Versuch des ihr wohlgesonnenen Bundesvorstandsmitglieds Albrecht Glaser, mit einem Antrag die Bildung eines Spitzenteams doch noch zu verhindern, scheitert auf dem Parteitag. Nun wird es wohl ein Team geben - ohne Petry, dafür möglicherweise mit ihrem Vize Alexander Gauland und Alice Weidel vom wirtschaftspolitischen Flügel.

Petry ist angeschlagen, aber aufgeben will sie nicht. Als sie vor die Medien geht, sagt sie, sie sei und bleibe Parteivorsitzende. Das klingt fast schon trotzig. Wenig später meldet eine Zeitung, sie habe den Parteitag verlassen. Petry muss reagieren, geht aufs Podium und sagt, auch eine Vorsitzende habe mal das Recht, sich zum Mittagessen zurückzuziehen. "Deswegen", ruft sie mit hörbar sarkastischem Unterton aus," melde ich mich jetzt vom Parteitag ab - zum Kaffeetrinken." Es ist eine absurde Situation - eine Parteivorsitzende, die erklären muss, dass sie weiter anwesend ist.

Bürgerliche Vernunft flirtet mit Rechtsaußen

Petry hat in Köln hoch gepokert und verloren. Ein Vorständler sagt: "Sie handelte wie so oft: einsam." Man könne eine Partei aber nicht so führen, sondern müsse versuchen, die Flügel einzubinden. Das habe sie nie verstanden. Wenige Tage vor dem Bundesparteitag hatte sie in einer Videobotschaft angekündigt, nicht für eine Spitzenkandidatur zur Verfügung zu stehen. Mit dieser Volte überraschte sie ihre Gegner um Meuthen, Parteivize Alexander Gauland und den Thüringer Rechtsausleger Björn Höcke, der in Köln allerdings nicht dabei ist. Ihren Teilrückzug verband sie zudem mit der Forderung nach einem "realpolitischen Kurs" der AfD, aber das empfanden viele wie eine Erpressung.

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Es ist eine skurrile Debatte, die sich die AfD liefert: Petry hat sich als Stimme der bürgerlichen Vernunft inszeniert, dabei flirtete sie in der Vergangenheit auch mit Rechtsaußen, als sie den Begriff des "Völkischen" zu rehabilitieren versuchte. Was der "realpolitische Kurs" einer rechtspopulistischen Partei konkret sein soll, wird während des Parteitags nicht klar. Im Kern unterscheidet sich Petrys Ansatz, ab 2021 im Bund Verantwortung anzustreben, nicht so sehr von dem, was andere in der AfD auch wollen. Ihr Widersacher Meuthen nennt es etwa das "kluge, notwendige Zuwarten", bis die AfD "mehrheitsfähig" geworden sei. Weil aber niemand in absehbarer Zeit vorhat, mit der AfD zu koalieren, schnurrt der Streit zwischen Petry und ihren Gegnern zusammen zu einem reinen Kampf um die Macht.

Höhnisches Gelächter, als die "Einheit der Partei" beschworen wird

Auf dem Presseabend, zu dem die AfD-Spitze am Freitag im Tagungshotel Maritim eingeladen hatte, zeigte sich einmal mehr, wie zerstritten die Führung ist. Wer in dem Raum von einem AfD-Gesprächspartner zum nächsten ging, betrat separate Welten, in denen vor allem eines gepflegt wurde - die gegenseitige Abneigung.

Beispielhaft stand am Samstag dafür der Auftritt von Marcus Pretzell, AfD-Landeschef in Nordrhein-Westfalen und Ehemann Petrys: Als er vor den Delegierten die "herzliche Bitte" aussprach, dass das "Lippenbekenntnis" von der "Einheit der Partei in den nächsten Wochen gelebt wird", schallte ihm höhnisches Gelächter entgegen. Pretzell ist selbst in seinem eigenen Landesverband hoch umstritten, als intriganter Strippenzieher und Machtpolitiker.

Petry, hochschwanger, versucht sich an diesem Tag tapfer durch den Tag zu lächeln. Im Foyer nennt sie die "Nicht-Entscheidung" über ihren Antrag einen "Fehler". Was das Spitzenteam angehe, wolle sie sich "in Zurückhaltung üben". Sie werde den Wahlkampf unterstützen, aber im Team sollten solche "Protagonisten" dabei sein, "die mit dieser Nicht-Entscheidung sehr viel besser leben können."

Es klingt, als wollte sie sagen: Dann schaut doch, wie ihr es ohne mich hinkriegt.

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hapeschmidt2 22.04.2017
1. Ist dieser ....
Ist dieser Artikel eine Meinung oder Fakt. Ich denke in diesem Artikel wird zu sehr spekuliert und interpretiert. In Köln waren heute 10 bis 15.000 AfD Gegner versammelt. Nicht die 50.000 die erwartet waren. Das wäre doch mal ein nennenswerter Fakt.
reflektiert_ist_besser 22.04.2017
2. Rücktritt von Petry?
ist Petry jetzt schon zurückgetreten? Nach der Machtübernahme durch den Nazi-Flügel der AfD sollte Petry konsequent sein und ihren Rücktritt bekannt geben. Oder will sie weiterhin als Feigenblatt der Adolf Höckes dieser Welt dienen.
liberator_ 22.04.2017
3. ehemaliger CDU-FDP Wähler sagt:
Petry ist nicht besonders gut darin verschiedene Strömungen in der Partei zu moderieren und zu einem für alle tragbaren Kompromiss zu führen. Andererseits ist Pezry sehr ehrgeizig, intelligent und Durchsetzungsstark. Sie sollte ihre Talente weiter in die Partei einbringen, aber auf Platz 2 oder 3. Meuthen kann verschiedene Strömungen integrieren und wenn es drauf ankommt ein Machtwort sprechen das alle akzeptieren. Meuthen ist der richtige Mann für die Nr. 1 Er sollte auch als Spitzenkandidat für die BTW antreten.
er,ka 22.04.2017
4. H. Meuthen findet keine Deutschen mehr ..
Zitat:"Die Partei müsse sich "um unser Vaterland Deutschland" sorgen, wenn er "mit offenen Augen" an einem Samstagvormittag durch die Einkaufsstraße seiner Heimatstadt gehe, dann "sehe ich noch vereinzelt Deutsche".Zitatende. Wie macht H. Meuthen das denn ? Lässt er sich die Ausweise zeigen, oder geht er nach der bewährten Rassenlehre vor ?
janne2109 22.04.2017
5. warum?
warum muss eine Parteivorsitzenden den rechten Flügel mitnehme wenn sie gegen rechts ist? Davon abgesehen- macht weiter so vielleicht kapiert dann auch der letzte AFD Anhänger wie absurd diese Partei ist.
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