AfD in Mecklenburg-Vorpommern Der mächtig nette Herr Holm

Die AfD hofft in Mecklenburg-Vorpommern auf ihren großen Durchbruch. Bei der Landtagswahl am Sonntag könnten die Rechtspopulisten sogar vor der CDU landen. Was steckt hinter dem Aufstieg?

AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm
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AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm

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Leif-Erik Holm freut sich auf Sonntag. Wenn am frühen Abend die ersten Hochrechnungen in Mecklenburg-Vorpommern bekannt werden, dürfte der 46-Jährige den größten Erfolg seiner Karriere feiern. Und wenn es gut läuft, beschert er seiner Partei sogar einen historischen Triumph. "Wir wollen die stärkste Kraft im Landtag werden", sagt der Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland (AfD).

Noch zu Beginn des Jahres wäre Holm für einen solchen Satz belächelt worden. Da sahen Umfragen die AfD knapp über der Fünfprozenthürde. Doch in den vergangenen Monaten legten die Rechtspopulisten rasant zu. Aktuell sehen zwei Befragungen die AfD bei 21 Prozent - nur knapp hinter der CDU (22 Prozent) und in Reichweite der SPD (je nach Umfrage 27 oder 28 Prozent).

Dazu kommt: Bei den Landtagswahlen im März schnitt die AfD jeweils deutlich besser ab, als die Demoskopen es vorhergesagt hatten. Darauf hofft auch Holm. "Die Stimmung im Wahlkampf deutet darauf hin", sagt er, "wir werden viele Nichtwähler mobilisieren."

Tatsächlich kommt die Stimmung im Nordosten des Landes der AfD zugute. Die Flüchtlingspolitik und die Unzufriedenheit mit Angela Merkel sind die alles beherrschenden Themen. Probleme wie Lehrermangel und Abwanderung rücken in den Hintergrund. Die Wähler scheint nicht zu stören, dass die AfD auf landespolitische Fragen kaum Antworten hat.

Der CDU mit Spitzenkandidat Lorenz Caffier droht am 4. September ein Debakel. Sollte die Union wirklich hinter der AfD landen, wäre das auch für die Bundespartei ein herber Rückschlag - und damit vor allem für Merkel.

Spitzenkandidat mit zwei Gesichtern

Acht Tage vor der Wahl sitzt Holm in Wismar entspannt auf einer Treppe vor dem alten Hafen. Die Mittagssonne brennt, Parteichefin Frauke Petry hat sich angekündigt und Holm plaudert vorher noch ein wenig mit den angereisten Journalisten. Der Ex-Radiomoderator spricht leise, auch auf kritische Nachfragen, etwa zum Verhältnis zur NPD, reagiert er unbekümmert. Habituell könnte man ihn sich auch bei der FDP vorstellen. Es ist der Sound des netten Herrn Holm.

Eine Dreiviertelstunde später das Gegenprogramm: Holm schimpft über "Merkels Masseneinwanderung", beklagt ihre angeblich "inländerfeindliche Politik", nennt die SPD "Scharia Partei Deutschlands" und lästert über "Stinkefinger-Gabriel". Der nette Herr Holm kann auch Populismus.

Er war 18 Jahre beim Radio, den Großteil der Zeit in Mecklenburg-Vorpommern. Die Leute kennen seine Stimme - und er beherrscht alle Tonlagen.

AfD-Chefin Frauke Petry, Leif-Erik Holm
AFP

AfD-Chefin Frauke Petry, Leif-Erik Holm

Herr Holm, wie grenzen Sie sich von der NPD ab? Er habe nichts gegen Ausländer, antwortet der Spitzenkandidat, es störe ihn, dass die AfD in die rechte Ecke gestellt werde. Doch wirklich eindeutig ist seine Haltung gegenüber Rechtsextremen nicht. So bestätigt Holm, dass die AfD sich im Landtag nicht am Schweriner Weg beteiligen würde. Dieser sieht vor, dass alle Fraktionen konsequent gegen Anträge der NPD stimmen - selbst wenn sie diese inhaltlich teilen. Holm sagt, über diese Frage müsse seine Fraktion entscheiden, sollte die NPD es erneut in den Landtag schaffen. "Aber wenn die NPD einen guten Antrag stellt, kann man dem auch mal zustimmen."

Auf dem Platz am alten Hafen haben sich am Samstag rund 150 AfD-Anhänger versammelt. Die Gruppe der Über-60-Jährigen dominiert. Einer trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Die Indianer konnten die Einwanderung nicht stoppen. Heute leben sie in Reservaten."

Etwa 20 Gegendemonstranten versuchen, die Reden von Holm und Petry mit Trillerpfeifen und Schmähgesängen zu stören. Die Stimmung ist hasserfüllt, es kommt zu Wortgefechten. Die Polizei muss aber nur einmal aktiv werden: Zwei AfD-Männer stellen Strafanzeige wegen Beleidigung gegen zwei junge Demonstrantinnen. Was genau die Frauen gesagt haben, wollen sie nicht wiederholen. "Ich rede nicht mit SPIEGEL ONLINE", sagt einer.

Ebenfalls nicht so gesprächsbereit ist Holger Arppe. Der Rostocker Kandidat steht auf Listenplatz drei, 2015 wurde er wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe verurteilt, er hatte in einem Internetforum einen menschenverachtenden Kommentar gegen Muslime gepostet. Am Freitag berichtete die "taz", Arppe habe bei einer Veranstaltung des Compact-Magazins - Titel "Islam - Gefahr für Deutschland" Sympathien für die rechtsextreme "Identitäre Bewegung" geäußert (Lesen Sie hier mehr über die Identitären).

Für den vergangenen Freitag hatte Arppe sich zunächst mit einem Videoteam von SPIEGEL ONLINE verabredet. Telefonisch abgesprochen war, dass die Reporter den AfD-Mann im Wahlkampf begleiten, beim Plakate kleben und Flyer verteilen. Doch wenige Stunden später meldete Arppe sich am Mittwoch per E-Mail und sagte ab. Von weiteren Nachfragen bitte er abzusehen. Will die Partei ihn verstecken?

Arppe schreibt weiter, er begrüße die Journalisten gerne auf der Wahlparty am 4. September in Schwerin. Dann dürfte auch er plötzlich wieder ganz gesprächig sein.


Zusammengefasst: Am Sonntag wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt. Die AfD hat in den Umfragen mächtig zugelegt und macht sich Hoffnungen, stärkste Kraft zu werden. Spitzenkandidat Leif-Erik Holm zeigt sich im Wahlkampf zurückhaltend, seine Partei grenzt sich aber nicht eindeutig von Rechtsextremen ab.

insgesamt 544 Beiträge
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Ein mündiger Bürger 29.08.2016
1. Naja, die SPD wird wohl am meisten...
...dazu gewinnen, nachdem sie ohne mit der Wimper zu zucken, der Kanzlerin in den Rücken fällt und nahezu identische Aussage analog Seehofer macht ;) Zumindest wünscht sie sich das ... aber so blöd wird keiner sein, um diese primitive Wendung nicht zu durchschauen. Bin mal gespannt, ob der Beitrag wieder der Schere zum Opfer fällt - wundern würd es mich nicht...
emmerot 29.08.2016
2. Was den Aufstieg der AfD bewirkte?
Was den Aufstieg der AfD bewirkte? Ganz einfach: Merkel, Gabriel, Süddeutsche und SPIEGEL. Wenn einer dieser vier ihren oder seinen Job gemacht hätte, anstatt nur Geburtstagsständchen zu singen (das Staatsfernsehen darf das, aber die unabhängige Presse?), wären wir nicht in diesem Klima von Beton, Borniertheit und Hetze.
maxgil 29.08.2016
3. Ich
Würde die zwar nie wählen, viel zu Spießigkeit, aber wenn die vor Muttis CDU landen würde ich mich ....... Vor Lachen. Das hätte was. Wär denn wohl das Ende von Frau BK und das wär gut so, ist ja auch nicht mehr ihr Land! Und hört endlich auf, die als Rechtspopulisten zu bezeichnen. Oder nennt Linke und Grüne Linksradikal. Immerhin wollen die Grünen, dass die Deutschen im eigenen Land zur Minderheit werden und die Linken wollen aus der NATO und mit Despot Putin kuscheln! Es ist durchaus legitim, dass man nicht ganz Afrika aufnehmen will (sonst wäre die gesamte Schweiz, Ungarn Tschechien, Polen usw., nicht zu vergessen UK, Schweden (die Armen), Dänemark usw. Rechtspopulistisch!
franziskus.2 29.08.2016
4. Direkte Demokratie
Die AfD hat ein kaum zu schlagendes Argument. Jeden Vorwurf gegen ihr Programm kann sie entkräften. Wir legen unsere Programmpunkte den Wählern zur Entscheidung vor. In der Schweiz funkioniert das wunderbar und die Deutschen sind dümmer als die Schweizer.
pauschaltourist 29.08.2016
5.
Was steckt hinter dem Aufstieg? Einfache Frage - einfache Antwort: Eine erschreckend destruktive und fatale Einwanderungspolitik der CDU in ideologischer Koalition mit SPD, Grüne und Linkspartei. Dem politischen Konsens stellte sich einzig die AfD entgegen. Das die Bürger die Alternative in angeblich alternativlosen Zeiten dankbar aufgreifen, verstört die etablierte Konsenspolitik umd auch pseudoliberale Journalisten.
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