Affäre um "Gorch Fock" Kommandant Schatz soll nicht mehr ans Ruder

Nach dem Skandal um das einstige Vorzeigeschiff "Gorch Fock" zieht die Marine Konsequenzen. Der beurlaubte Kommandant Norbert Schatz bekommt seinen Posten an Bord laut "Welt" und NDR nicht zurück. Ihm wird Führungsschwäche bei der Kontrolle der Ausbildung auf dem Dreimaster vorgeworfen.

Ex-Kommandant Schatz auf der "Gorch Fock" (2008): Führungschwäche bei der Ausbildung?
dapd

Ex-Kommandant Schatz auf der "Gorch Fock" (2008): Führungschwäche bei der Ausbildung?

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Berlin - Es ist eine harte Nachricht für Norbert Schatz, und wieder erfährt er sie aus der Presse: Nach der letzten Sitzung der sogenannten Haveriekommission der Marine, welche die Vorgänge auf der mittlerweile nur noch als Skandalsegler bekannten "Gorch Fock" untersucht, soll Schatz Führungskreisen der Marine zufolge das Kommando des Schiffs nicht mehr übernehmen. Über entsprechende Hinweise berichteten am Mittwoch die "Welt" und der NDR.

Der Kapitän zur See war nach den massiven Vorwürfen gegen seine Stammmannschaft wegen rabiater Ausbildungsmethoden und wegen des Todes einer jungen Kadettin im Frühjahr zunächst auf unbefristete Zeit beurlaubt worden. Seitdem arbeitet er im Innendienst.

Die Entscheidung über die Zukunft von Schatz ist die erste konkrete Empfehlung der Havariekommission, die am Dienstag noch einmal getagt hatte. Dabei bekam der Kommandant dem Vernehmen nach die Gelegenheit, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Gleichwohl aber scheint die Führung der Marine entschlossen, Schatz nicht wieder ans Ruder der "Gorch Fock" zu lassen.

Über das Schicksal von Schatz muss letztlich Marineinspekteur Axel Schimpf entscheiden. Es gilt aber als unwahrscheinlich, dass er sich dem Votum der Kommission widersetzt. Diese hatte im Fall Schatz Führungsschwäche bei der Kontrolle seiner Crew erkannt, hieß es aus der Marine. Ob er auch disziplinarisch bestraft wird, steht hingegen noch nicht fest.

Die Havariekommission, die den Unfallhergang und die Ursache für den tödlichen Sturz einer 25-jährigen Offizieranwärterin aus der Takelage im November 2010 im Hafen von Salvador de Bahia klären soll, hat ihren Abschlussbericht bisher nicht fertiggestellt. Für weitere Vernehmungen, unter anderem von Kommandant Schatz, hatte sich das Gremium mehr Zeit erbeten und will den endgültigen Report nun erst Ende Juni vorlegen.

Die 25 Jahre alte Offiziersanwärterin Sarah Lena Seele war im November in Brasilien nach mehrmaligem Aufentern aus der Takelage auf das Deck abgestürzt und an den Folgen ihrer Verletzungen gestorben.

Saufgelage und Ekelrituale

Den Ermittlungen in dem Fall folgte eine Reihe von weiteren Vorwürfen zur Ausbildung auf der "Gorch Fock". Zunächst gegenüber dem Wehrbeauftragten des Bundestags und später in den Medien schilderten Auszubildende die harschen Ausbildungs- und Drillmethoden an Bord, berichteten vom rücksichtslosen und erniedrigenden Umgang der Stammbesatzung mit den Kadetten und von erheblichen Sicherheitslücken, besonders beim Aufentern in die Rahen.

Angereichert wurden die Geschichten durch von der "Bild"-Zeitung ausgegrabene Fotos von Saufgelagen der Stamm-Crew und angeblichen Ekelritualen an Bord, die tagelang die Titelseiten der Republik füllten.

Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen inzwischen eingestellt, da sie keine direkte Schuld von Einzelpersonen am Tod der Kadettin nachweisen konnte. Gleichwohl rügten die Juristen in ihrem Abschlussbericht, dass die Kommunikation an Bord mangelhaft sei - insbesondere während der gefährlichen Aufentermanöver in den Häfen oder auf hoher See. Es sei daher möglich gewesen, dass die Erschöpfung von Sarah Lena Seele vor dem erneuten Aufentern am Tag des Unfalls nicht aufgefallen war und nicht angemessen reagiert wurde.

Durch die neuen Details über die Arbeit der Havariekommission ist der Fall nicht abgeschlossen. Intern arbeitet die Marine intensiv an der Verbesserung der Sicherheitsmaßnahmen für die Ausbildung, dazu soll unter anderem ein Übungsmast an Land errichtet und die Kommunikation unter den Ausbildern verbessert werden.

Erwägt Schatz rechtliche Schritte gegen die Marine?

Experten, die sich das Schiff und die neuen Regeln in den vergangenen Tagen angesehen haben, zeigten sich zufrieden mit den Reformen der Abläufe an Bord. Seit ihrer Rückkehr liegt die "Gorch Fock" im Kieler Hafen, soll aber bald nach Flensburg verlegt werden. Über die Zukunft des früheren Prestigeseglers muss am Ende Verteidigungsminister Thomas de Maizière entscheiden.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg versucht der Neue im Verteidigungsressort, den Fall möglichst weit von seiner Person wegzuhalten, und hat die Aufklärung der Vorwürfe an seine Stäbe delegiert. In einer Stellungnahme kündigte er nun in der "Welt" an, das Ministerium werde nach Abschluss der Untersuchungen einen "umfassenden Abschlussbericht verfassen und veröffentlichen".

Ganz auf das Schiff verzichten will de Maizière aber offenbar nicht. "Wenn man nach Abschluss aller Untersuchungen und Empfehlungen zu dem Schluss kommt, dass es für junge zukünftige Marineoffiziere auch heute in einer hochtechnisierten Marine wichtig ist, diese Form von Seefahrt, Teamwork und den Umgang mit den Naturgewalten auf einem Segelschulschiff zu erfahren, dann bleiben wir dabei", sagte de Maizière.

Wie Schatz mit dem Votum über sein Schicksal umgehen wird, ist ungewiss. Nach der Beurlaubung, die von vielen Beobachtern als übereilt betrachtet worden war, hatte sein Anwalt bereits von rechtlichen Schritten gegen die Marine gesprochen.

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zoon.politicon 22.06.2011
1. "Führungsschwäche"
Zitat von sysopNach dem Skandal um das einstige Vorzeigeschiff "Gorch Fock" zieht die Marine Konsequenzen. Der beurlaubte Kommandant Norbert Schatz bekommt seinen*Posten an Bord laut "Welt" und NDR nicht*zurück. Ihm wird Führungsschwäche bei der Kontrolle der Ausbildung auf dem Dreimaster vorgeworfen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,769898,00.html
Das in Ihrem Artikel erwähnte Kommisions-Urteil der "Führungsschwäche" erscheint mir nachvollziehbar. Allerdings wären die Anforderungen an einen Gross-Segler -Kommandanten vom Grundsatz her einmal zu reflektieren: Den "perfekten" Kommandanten, der fachlich kompetent ist und zugleich in der "Menschenführung" alles im Griff hat, kann es nicht geben. Wenn auch auf solch einem Schiff einer letztlich das Sagen haben muss, so kommt es doch - wie überall - auf das optimale Zusammenspiel eines Teams aus vielen erfahrenen Kräften an. Insofern ist doch auf jeder Einzelne der nachgeordneten Führungskräfte mit in der Verantwortung. Und das Austauschen des "Kopfes" löst nicht automatisch Probleme im Führungsteam.
Brand-Redner 22.06.2011
2. Es sind die alten Weisen...
Zitat von sysopNach dem Skandal um das einstige Vorzeigeschiff "Gorch Fock" zieht die Marine Konsequenzen. Der beurlaubte Kommandant Norbert Schatz bekommt seinen*Posten an Bord laut "Welt" und NDR nicht*zurück. Ihm wird Führungsschwäche bei der Kontrolle der Ausbildung auf dem Dreimaster vorgeworfen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,769898,00.html
Wieso eigentlich? Nach gut erinnere ich mich an die emphatischen Bekenntnisse vieler (selbsternannter) Experten, die besagten: "Alles maßlos übertrieben, es gibt kein Führungsproblem auf der GF und ereignet hat sich lediglich ein ganz, ganz bedauerlicher Unfall, für den niemand etwas konnte, höchstens das Opfer selbst" Monate später wird still und fast klammheimlich die Wahrheit nachgeschoben, aber jetzt schweigen die vielen Weisen...
ernstjüngerfan 22.06.2011
3. Da schau her
Zitat von sysopNach dem Skandal um das einstige Vorzeigeschiff "Gorch Fock" zieht die Marine Konsequenzen. Der beurlaubte Kommandant Norbert Schatz bekommt seinen*Posten an Bord laut "Welt" und NDR nicht*zurück. Ihm wird Führungsschwäche bei der Kontrolle der Ausbildung auf dem Dreimaster vorgeworfen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,769898,00.html
Soll das etwa heißen, daß zu Guttenberg mit der Sofortbeurlaubung des Kommandanten gar nicht mal so falsch gelegen hat?
Rainer Helmbrecht 22.06.2011
4. Ohne Titel ist man freier.
Zitat von zoon.politiconDas in Ihrem Artikel erwähnte Kommisions-Urteil der "Führungsschwäche" erscheint mir nachvollziehbar. Allerdings wären die Anforderungen an einen Gross-Segler -Kommandanten vom Grundsatz her einmal zu reflektieren: Den "perfekten" Kommandanten, der fachlich kompetent ist und zugleich in der "Menschenführung" alles im Griff hat, kann es nicht geben. Wenn auch auf solch einem Schiff einer letztlich das Sagen haben muss, so kommt es doch - wie überall - auf das optimale Zusammenspiel eines Teams aus vielen erfahrenen Kräften an. Insofern ist doch auf jeder Einzelne der nachgeordneten Führungskräfte mit in der Verantwortung. Und das Austauschen des "Kopfes" löst nicht automatisch Probleme im Führungsteam.
Heute werden doch alle Probleme mit kleinen dezentralen Einheiten gelöst, Eigenverantwortung gestärkt. Ich würde vorschlagen die GF durch den Kauf hunderter Optimisten zu modernisieren;o). http://de.wikipedia.org/wiki/Optimist_%28Bootsklasse%29 MfG. Rainer
derfflingert, 22.06.2011
5. Der Kapitän als Bauer...
Zitat von sysopNach dem Skandal um das einstige Vorzeigeschiff "Gorch Fock" zieht die Marine Konsequenzen. Der beurlaubte Kommandant Norbert Schatz bekommt seinen*Posten an Bord laut "Welt" und NDR nicht*zurück. Ihm wird Führungsschwäche bei der Kontrolle der Ausbildung auf dem Dreimaster vorgeworfen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,769898,00.html
Meinen Sie den Skandal, den die Presse herbeizuschreiben versucht hat? Die Bild voran, und alle hinterher, auch SPIEGEL und SPON. Massenhaft Vorverurteilungen gepaart mit Ehrabschneidung. Die Schuldigen standen fest, es ging nur noch um das Strafmass. Aber dann passierte unerhörtes: die Staatsanwaltschaft stellte ihre Untersuchungen ein, weil sie keinen Schuldigen ausmachen konnte. die "Havariekommission" (was wird hier eigentlich als Havarie bezeichnet?) hat daraufhin wohl geglaubt, sie käme nicht um ein Bauernopfer herum, und serviert den Kapitän ab wegen "Führungsschwäche bei der Kontrolle der Ausbildung" Ob das auch das Ergebnis einer Routineuntersuchung ohne den tödlichen Unfall gewesen wäre, wage ich zu bezweifeln. Aber nachdem sich die Presse und annähern alle anderen Medien vorher schon auf die Schuld der Schiffsführung geeinigt hatten, brauchte es wohl ein Zückerchen... D
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