Afghanistan-Abzug ausgesetzt Militärs warnen vor neuen Attacken auf Bundeswehr

Die Nato wird wohl länger in Afghanistan bleiben als bisher geplant. Auch die Bundeswehr ist betroffen – und befürchtet neue Attacken der Taliban.
Bundeswehrsoldaten in Masar-i-Scharif im Jahr 2018: Brenzlige Lage

Bundeswehrsoldaten in Masar-i-Scharif im Jahr 2018: Brenzlige Lage

Foto: Michael Kappeler/ DPA

Die Nato wird ihren Einsatz in Afghanistan vorerst fortsetzen. Deutschland und die anderen Alliierten haben sich offenbar darauf verständigt, beim Verteidigungsministertreffen am Mittwoch und Donnerstag keine Entscheidung über den Abzug der noch rund 10.000 Soldaten im Land zu treffen. »Ich gehe davon aus, dass es beim Treffen der Nato-Verteidigungsminister in dieser Wochen nicht zu einer definitiven Entscheidung, sprich Abzug der Nato-Truppen zum 30. April 2021 kommen wird«, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Stattdessen sollen die militant-islamistischen Taliban noch einmal zu einer Reduzierung der Gewalt und weiteren Anstrengungen bei den Friedensverhandlungen mit der Regierung aufgefordert werden. Man wolle Afghanistan erst dann verlassen, wenn die Bedingungen dies zuließen, hieß es aus Bündniskreisen. Die insbesondere durch Taliban-Angriffe verursachte Gewalt untergrabe nach wie vor den Friedensprozess und müsse ein Ende haben.

Taliban drohen mit »großem Krieg«

Hochrangige Militärs warnten in Berlin nun vor neuen Angriffen der Taliban, auch auf Bundeswehrsoldaten. Den Aufständischen war von den USA eigentlich über das sogenannte Doha-Abkommen ein Abzug aller ausländischen Soldaten bis Ende April in Aussicht gestellt worden, um sie zu Friedensgesprächen und einer signifikanten Reduzierung der Gewalt in dem Land zu bewegen.

Mit ihrem Kurs nehmen die Nato-Staaten in Kauf, dass die Taliban nach einer langen Pause auch wieder internationale Truppen angreifen. »Wenn das Doha-Abkommen aufgekündigt wird, wird dies zu einem großen Krieg führen«, hieß es Anfang Februar von der Gruppe.

Nach Angaben aus Bündniskreisen soll noch versucht werden, die Taliban dazu zu bewegen, eine Verschiebung der Frist für den Truppenabzug zu akzeptieren – offiziell prüft die neue US-Regierung noch immer einen möglichen Abzug bis Ende April. Ob diese Strategie funktioniert, ist aber völlig offen. Nach Einschätzung von Experten könnten die Taliban versucht sein, die Friedensverhandlungen zu beenden und auf eine militärische Lösung des Konflikts zu setzen.

Bundeswehrpersonal stark reduziert

Die Bundesregierung will wegen der Unklarheit über den Fortgang der Nato-Mission das Bundestagsmandat für die Bundeswehr im März verlängern, allerdings nur bis Ende des Jahres 2021. Bis dahin will Berlin abwarten, wie sich die USA und die Nato in Sachen Afghanistan entscheiden.

Die Bundeswehr hatte in den letzten Monaten bereits alles nicht benötigte Material aus Masar-i-Scharif im Norden des Landes zurück nach Deutschland gebracht. Auch das Personal wurde auf das sogenannte operative Minimum reduziert. Aus dem Außenposten Kunduz zog sich die Bundeswehr sogar bereits ganz zurück.

Die eigentliche Mission der Bundeswehr, die militärische Beratung der afghanischen Armee, ist wegen der Corona-Pandemie bereits seit Monaten kaum noch möglich. Die deutschen Mentoren sprechen zwar per Videochat mit ihren afghanischen Partnern, eine echte Beratung oder gar ein Training von Rekruten aber ist nicht möglich.

Im Rückzug besonders leicht anzugreifen

In Berlin macht den Strategen die Unsicherheit über den Einsatz Sorgen. Hochrangige Militärs warnten vergangene Woche hinter verschlossenen Türen im Verteidigungsausschuss, dass die Taliban wegen der Aussetzung des Abzugs ihre Attacken auf die Nato-Truppen und deren Camps wieder aufnehmen könnten.

Die Lage ist durchaus brenzlig. Gerade im Ernstfall, also bei Angriffen auf die Camps, sind die Bundeswehr und alle Nato-Nationen auf Unterstützung der USA mit Kampfjets und Drohnen angewiesen. Nachdem aber die USA ihre Truppen bereits auf 2500 Mann reduziert haben, weiß niemand mehr genau, ob dieser Notfallschutz noch gewährleistet ist.

Selbst wenn die Nato einen leicht verzögerten Abzug entscheidet, wäre das für die Bundeswehr ungünstig, warnten die Militärs im Ausschuss. Im Rückzug, also beim Abtransport von Mensch und Material, sei die Truppe besonders leicht anzugreifen.

mgb/sep/dpa
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