Afghanistan-Besuch Steinmeier sorgt sich wegen Pakistan

Überraschend deutliche Worte des deutschen Außenministers: "Wir schauen mit Sorge auf Pakistan", sagte Frank-Walter Steinmeier bei seinem Besuch in Afghanistan - und forderte das Nachbarland zu kooperativem Verhalten auf. Die Lage in der Region empfindet er als immer kritischer.


Hamburg - In der internationalen Staatengemeinschaft und der afghanischen Regierung wächst die Sorge über den negativen Einfluss Pakistans auf die Sicherheitslage im Nachbarland Afghanistan. Außenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich nach einem mehr als einstündigen Gespräch mit Präsident Hamid Karsai in Kabul außergewöhnlich deutlich: "Auch wir schauen mit Sorge auf das Nachbarland Pakistan." Nur bei kooperativem Verhalten aller Nachbarn könne die Sicherheit in Afghanistan verbessert werden.

Steinmeier, Karsai: Kritik an Pakistans Rolle in der Region
AFP

Steinmeier, Karsai: Kritik an Pakistans Rolle in der Region

Ranghohe Vertreter der Isaf-Schutztruppe bezeichneten Pakistan als eines der "Top-Probleme" in der Region. Uno-Vertreter in Afghanistan warfen ihm vor, sich mit den Taliban zu arrangieren. Die afghanische Seite kritisierte erneut, dass das Nachbarland zu wenig für die Kontrolle der pakistanisch-afghanischen Grenze tue.

Mark Laity, Nato-Sprecher in Afghanistan, bestätigte diesen Eindruck. Über die "fast offene" Grenze sickerten Aufständische nach Afghanistan ein. Bei der Isaf hieß es, es gebe unwiderlegbare Beweise, dass Pakistan seine Grenzen zu Afghanistan nicht kontrolliere. Es gebe inzwischen sogar die Befürchtung, dass die Taliban versuchten, die pakistanische Nordwest-Region abzuspalten. In Kabul wurden auch erneut starke Vorwürfe gegen den pakistanischen Geheimdienst ISI laut, in den Anschlag auf die indische Botschaft in Kabul Anfang Juli mit mehr als 40 Toten verstrickt zu sein.

Steinmeier, der in Kabul ein neues Gebäude in einer von Deutschland aufgebauten Logistik-Schule für die afghanische Armee eröffnete, sagte, die Sicherheitslage in Afghanistan habe sich im vergangenen Jahr verschlechtert. Es sei noch ein langer Weg, bis Frieden und Stabilität in Afghanistan erreicht seien. Die Ausbildung von Soldaten und Polizisten in Afghanistan müsse daher forciert werden.

2007 wurden rund 160 Selbstmordanschläge registriert. Rund 8000 Menschen starben eines gewaltsames Todes. Derzeit nehmen die Angriffe zu.

Nato-Sprecher Laity bestätigte, man sei "derzeit mitten in der Kampfsaison". Pro Tag gebe es zwischen 40 und 50 Vorfälle mit ganz unterschiedlicher Intensität, von vereinzelten Schüssen auf eine Isaf-Kolonne bis zu schwerwiegenden Sprengstoffangriffen. 90 Prozent der Vorfälle konzentrierten sich auf den Süden und Osten des Landes - im vergleichsweise ruhigen Norden, wo die Bundeswehr stationiert ist, seien es etwa ein bis zwei Vorfälle in der Woche. "70 Prozent der Vorfälle passieren in zehn Prozent der afghanischen Distrikte."

Der kanadische Außenminister David Emerson, der sich zurzeit ebenfalls in Afghanistan aufhält, sicherte der Führung in Kabul zu, sein Land werde die Zahl seiner Soldaten erhöhen. Nach Angaben Emersons hat Kanada bis zu 2500 Mann in Afghanistan stationiert. Diese Zahl könne bis auf 2700 steigen.

plö/dpa



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