Taliban-Einmarsch in Kabul Bundeswehr fliegt ab Montag Deutsche und Ortskräfte aus

Ein Teil der deutschen Staatsbürger kann wohl bereits in der Nacht mit US-Maschinen Kabul verlassen. Wie viele Ortskräfte die Bundeswehr retten kann, ist indes offen.
Militärflughafen in Kabul (Archivbild): Keiner weiß, wie lange der Teil noch geöffnet bleiben kann

Militärflughafen in Kabul (Archivbild): Keiner weiß, wie lange der Teil noch geöffnet bleiben kann

Foto: Anja Niedringhaus/ AP

Nach dem Einmarsch der Taliban schaltet die Bundesregierung nach SPIEGEL-Informationen auf einen Notplan um, der die Rettung deutscher Staatsbürger aus Kabul priorisiert. Viele afghanische Ortskräfte kann Deutschland aber wohl nicht mehr retten. Um 17 Uhr schaltete Kanzlerin Angela Merkel erneut die Minister der wichtigsten Ressorts der Regierung zusammen. In der Krisenrunde einigte man sich darauf, dass noch in der Nacht Flieger mit robusten Einheiten der Bundeswehr nach Afghanistan fliegen sollen.

Nach SPIEGEL-Informationen können die am Sonntag bereits zum Flughafen Kabul gebrachten Botschaftsangehörigen und die meisten der zur Sicherung der Botschaft eingesetzten Bundespolizisten mit US-Jets nach Doha ausfliegen. Am Flughafen sollen nur ein dreiköpfiges Kernteam der Botschaft, einige wenige Personenschützer und BND-Agenten verbleiben. Einige der rund 80 noch in Kabul verbliebenen deutschen Staatsbürger werden auf diesem Weg Afghanistan verlassen können.

Gegen drei Uhr am Montagmorgen dann sollen zunächst zwei A400M der Bundeswehr in Richtung Kabul abfliegen. An Bord wird sowohl ein Krisenunterstützungsteam (KUT) sein, das die Ausreise der letzten deutschen Staatsbürger und dann auch der noch in Kabul verbliebenen Ortskräfte der Bundeswehr organisieren soll. Das Team wird von rund 60 Fallschirmjägern der Bundeswehr begleitet, die zur Sicherung von möglichen Transporten zum Flughafen eingesetzt werden können.

Eine Ausreise mit Chartermaschinen gilt derzeit als so gut wie unmöglich

Angedacht ist, dass die A400M zwischen Kabul und Taschkent pendeln und so viele Ortskräfte wie möglich aus dem Land holen. Wie viele es sein werden, ist jedoch unklar, da man nicht weiß, wie lange der Militärflughafen noch geöffnet bleibt und wie viele afghanische Ortskräfte man überhaupt dorthin bringen kann.

Eine Ausreise der Ortskräfte mit Chartermaschinen gilt derzeit als so gut wie unmöglich. Zwar hat die Bundesregierung bereits einen Charter-Jet gemietet, der in Kabul bereitsteht. Allerdings ist der zivile Teil des Flughafens seit dem Einmarsch der Taliban geschlossen, eine Abfertigung von Passagieren ist derzeit nicht möglich.

Die Bundesregierung geht deswegen davon aus, dass die Ortskräfte nur mit der Luftbrücke der Bundeswehr aus dem Land gebracht werden können. Das Innenressort stimmte in den Verhandlungen zu, dass diese auch ohne gültige Papiere nach Deutschland kommen können.

Am Sonntag hatte die Bundesregierung hinter den Kulissen die Rettungsaktion hektisch geplant. Kanzlerin Merkel drängte dabei auf Tempo bei der Rettung der Ortskräfte. Die anderen Ressorts gaben am Ende ihre Vorbehalte auf. So wollte die Bundeswehr zunächst gar keine Ortskräfte in Luftwaffen-Maschinen transportieren, dies wurde jedoch im Lauf der Gespräche zurückgezogen. Um 19 Uhr wollen Außenminister Heiko Maas und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer die Öffentlichkeit informieren. Zuvor sollen die Fraktionsspitzen unterrichtet werden.

US-Aktion soll innerhalb von 72 Stunden abgeschlossen sein

Die Liste der Probleme ist jedoch lang: Zwar wird etwa der militärische Teil des Flughafens gegenüber dem zivilen Flughafen derzeit noch von US-Soldaten mit robusten Kräften gesichert. Allerdings gab es am Hauptzugang, dem sogenannten Abbey Gate, am Sonntag bereits einen Versuch von Taliban-Kämpfern, in das Gelände einzudringen.

Die USA signalisierten zudem, dass sie ihre Operation zur Rettung von eigenen Diplomaten und Staatsbürgern so schnell wie möglich abschließen wollen. Die Rede ist von nur 72 Stunden.

In Regierungskreisen wurde betont, dass die »dramatische Lage« eine militärische Operation notwendig mache und das wegen der Dynamik im Vorfeld das notwendige Mandat nicht habe eingeholt werden können.

Zu den Ortskräften gibt man sich schon jetzt defensiv: Man habe mehr für die Afghanen, die an der Seite Deutschlands bei der Nato-Mission geholfen hätten, tun wollen. Allerdings sei man von der Lage und dem Vormarsch der Taliban überrascht worden. Nun wolle man alles tun, um so viele wie möglich von ihnen zu retten.

Versprechungen aber will niemand mehr abgeben.

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