Ende der Afghanistan-Mission Bundeswehr fliegt letzte Soldaten aus Masar-i-Scharif aus

Nach fast 20 Jahren am Hindukusch hat die Bundeswehr ihre Mission in Afghanistan beendet. Am Abend flogen Militärmaschinen die letzten deutschen Soldaten aus dem Land und beendeten die verlustreiche Auslandsmission.
Bundeswehrsoldaten bei einem der letzten Abzugs-Flügen aus Afghanistan

Bundeswehrsoldaten bei einem der letzten Abzugs-Flügen aus Afghanistan

Foto: Torsten Kraatz / dpa

Die Bundeswehr hat nach 20 Jahren ihre Mission in Afghanistan beendet. Am Dienstagabend flogen mehrere Transportmaschinen die letzten rund 250 deutschen Soldaten vom Camp Marmal in Nordafghanistan aus nach Tiflis in Georgien. Von dort sollen die Soldaten weiter nach Deutschland fliegen. An der Abzugs-Operation der Bundeswehr beteiligten sich auch die USA mit ihren riesigen C17-Militärmaschinen als Geste der Solidarität zwischen den Nato-Partnern.

Auf der allerletzten Maschine aus Afghanistan, einem grauen A400M der Luftwaffe, flogen gegen 22 Uhr Ortszeit auch der letzte deutsche Kommandeur, Brigadegeneral Ansgar Meyer, und die rund 20 Elitekämpfer des »Kommandos Spezialkräfte« (KSK) aus, die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer zur Sicherung des Abzugs nach Afghanistan entsandt hatte. Aus Sicherheitsgründen waren die Militärmaschinen für den letzten Schritt des Abzugs mit ausgeschalteten Transpondern unterwegs.

Kramp-Karrenbauer nannte den fast zwanzigjährigen Einsatz ein »historisches Kapitel« und gedachte auch der Gefallenen: »Meine Gedanken sind bei ihnen, sie bleiben unvergessen.« Sie dankte den insgesamt mehr als 150.000 Soldatinnen und Soldaten. Diese könnten »stolz sein auf das, was sie geleistet haben! Denn sie haben alle Aufträge, die ihnen das Parlament gegeben hat, erfüllt – mit Professionalität und mit Überzeugung.«

Mit den letzten Flügen endet eine der längsten und verlustreichsten Auslandsmissionen der Bundeswehr. Im Jahr 2001 war Deutschland aus Solidarität mit den USA mit nach Afghanistan gezogen. Die USA waren nach den Terror-Anschlägen des 11. Septembers in Afghanistan einmarschiert, da man annahm, dass die dort herrschenden Taliban die Planer der 9/11-Attacken am Hindukusch Schutz boten. Top-Terrorist Osama Bin Laden allerdings fasste man nicht, er wurde später in Pakistan aufgespürt und getötet.

In den Jahren nach 2001 wurde aus der hastig geplanten Intervention der USA eine groß angelegte Nato-Stabilisierungsmission (ISAF) und später eine Ausbildungsmission für die afghanischen Sicherheitskräfte, die unter dem Operationsnamen »Resolute Support« lief. In den Hochzeiten dieser Mission war die Bundeswehr mit 1300 Soldaten in Afghanistan aktiv. Neben dem zentralen Feldlager in Masar-i-Scharif gab es Außenposten in Kunduz und Faizabad.

Afghanistan hat die Bundeswehr für immer geprägt

Die Bundeswehr hatte in den letzten Wochen das gesamte Camp Marmal im Eiltempo für den Abzug geräumt und für die vollständige Übergabe an die afghanische Armee vorbereitet. In der letzten Phase hatte sich der Stab rund um Kommandeur Meyer in der ehemaligen Befehlszentrale des KSK zurückgezogen, einem abgetrennnten Baufeld, das auch »Die Burg« genannt wurde. Von dort wurden die letzten Schritte des Abzugs koordiniert.

Für die Bundeswehr war die Afghanistan-Mission der verlustreichste Einsatz ihrer Geschichte. 59 deutsche Soldaten fielen in Afghanistan, 35 kamen bei Gefechten oder bei Anschlägen ums Leben. Afghanistan war für die Bundeswehr der zweitlängste Auslandseinsatz nach der Kosovo-Mission, die bereits 1999 begann. Lange vermied die Bundesregierung aber die Formulierung, dass am Hindukusch ein Krieg tobe. Stattdessen war lange von einem Stabilisierungseinsatz die Rede.

Der Abzug der Bundeswehr folgt der Entscheidung der USA, die Mission in Afghanistan zu beenden. Auch wenn es bis heute keinen ausverhandelten Friedensvertrag mit den radikalislamistischen Taliban gibt, entschied US-Präsident Joe Biden kurz nach seiner Amtsübernahme, seine Truppen bis spätestens September 2021 aus Afghanistan abzuziehen. Mittlerweile aber geht man davon aus, dass auch der US-Truppenabzug bereits bis zum 4. Juli 2021 beendet wird.

Die Taliban bereiten sich schon auf die Übernahme des Landes vor

Für das kriegsgeplagte Afghanistan und seine 38 Millionen Menschen brechen mit dem Abzug der Nato erneut ungewisse Zeiten an. Schon in den letzten Wochen eroberten die Taliban dutzende Distrikte, hielten sich aber mit Angriffen auf die Nato-Truppen zurück. Ein Sprecher gab sich siegesgewiss. »Wir sehen ja, dass ihr mit dem Abzug begonnen habt, dabei werden wir euch nicht durch Angriffe stören oder gar aufhalten«, sagte Sabihullah Mudschahed dem SPIEGEL.

Eine große Zeremonie zum Ende der Mission ist derzeit nicht geplant. Zwar wird es auf dem Fliegerhorst Wunstorf am Mittwoch ein Antreten einiger der zurückgekehrten Soldaten und einen Appell des Befehlshabers des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, Generalleutnant Erich Pfeffer, geben. Für das Event aber wurden allerdings nur vom Ministerium sorgsam ausgewählte Journalisten zugelassen. So geht eine der größten Missionen der Bundeswehr unter mehr als merkwürdigen Bedingungen zu Ende.

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Zuletzt kam der Bundeswehr noch die Delta-Variante des Coronavirus beim Abzug in den Weg. Weil sich Anfang Juni in deutscher Soldat im Feldlager nachweislich mit der Variante infiziert hatte, sollten eigentlich alle zurückkehrenden Soldaten in der Heimat zwei Wochen in Zwangsquarantäne. Am Montagabend, nur 24 Stunden vor den letzten Flügen, aber änderte die Truppe ihre Richtlinien. Statt der Quarantäne wurden alle Soldaten vor Abflug noch einmal auf Corona getestet.

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