Afghanistan Bundeswehr-Soldat starb durch Schuss eines Kameraden

Die Bundeswehr muss im Fall eines im Dezember getöteten Soldaten ihre Darstellung korrigieren. Bisher war von einem Unglück beim Waffenreinigen die Rede. In Wirklichkeit aber starb der 21-Jährige durch den Schuss eines Kameraden, der fahrlässig mit einem Gewehr hantierte.

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Berlin - Der Tod eines 21-jährigen Hauptgefreiten Ende vergangenen Jahres in Afghanistan hat sich anders abgespielt als bisher von der Bundeswehr behauptet. Das Militär unterrichtete am Mittwochmorgen die Obleute des Verteidigungsausschusses, dass der aus dem bayerischen Bischofswiesen stammende Soldat auf einem Außenposten bei Pul-i-Kumri, südlich des Bundeswehrfeldlagers in Kunduz, nicht wie zuerst behauptet durch eine Kugel aus seinem Gewehr starb. Bislang hieß es, offenbar habe sich beim Reinigen der Waffe unabsichtlich ein Schuss gelöst.

Der wahre Hintergrund des Todesfalls wirft nun viele Fragen auf: So hätten die noch andauernden Ermittlungen ergeben, dass der Hauptgefreite in Wirklichkeit in einem Zelt getötet wurde - durch die Kugel aus dem Gewehr eines Kameraden. Der Schütze und wohl auch die anderen neun oder zehn Soldaten in dem Zelt, so die etwas vage Darstellung der Bundeswehr vor den Obleuten, hätte fahrlässig mit der Waffe hantiert. Dabei sei der Schuss losgegangen. Die Kugel durchschlug den Kopf des Soldaten und auch noch die Zeltwand.

Die neue Darstellung weicht deutlich von den bisherigen Berichten über den Vorfall ab, der sich kurz vor einem Blitzbesuch der Kanzlerin in Nordafghanistan ereignete. Damals hatte die Bundeswehr mitgeteilt, der Getötete sei in dem Außenposten mit einer Schusswunde schwer verletzt aufgefunden worden und während einer Notoperation verstorben. Weder von der Gruppe der anderen Soldaten noch von dem fahrlässigen Gebrauch von Schusswaffen war damals die Rede.

Guttenberg muss aufklären

Die Unterrichtung sorgte unter den Obleuten für kritische Kommentare. Nicht wenige fühlten sich an die alten Zeiten erinnert, in denen die Bundeswehr alles Negative so lange verheimlichte, bis es nicht mehr anders ging. Diese Haltung hat der neue Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) geändert, oft wurden Fachpolitiker und vor allem die Obleute in seiner Amtszeit von ihm selbst per Mobiltelefon über relevante Ereignisse aus dem Einsatzgebiet informiert.

Besonders die Politiker der Opposition warnten nun in der vertraulichen Runde, von dieser Linie abzuweichen. Aus dem Ministerium hieß es, die neuen Details hätten sich erst durch umfangreiche Vernehmungen der Bundeswehr ergeben.

Der Todesfall in Nordafghanistan wird die Bundeswehr ohnehin noch weiter beschäftigen. Bei den internen Ermittlungen konnte die Truppe bisher nicht klären, wie es genau zu der Schussabgabe gekommen ist. Demnach sagte der Schütze allerdings aus, der Schuss habe sich unabsichtlich gelöst. Die anderen Soldaten bemerkten erst durch den Knall, dass das Gewehr losgegangen sei.

Gegen den Mann läuft nun ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Gera wegen fahrlässiger Tötung. Dabei werden die Ermittler vor allem klären müssen, wie fahrlässig die Soldaten mit ihren Waffen umgegangen sind.

Für Guttenberg kommen die neuen Erkenntnisse zu einer Unzeit. Wieder einmal steht der Minister wegen drei Affären in seiner Truppe, vor allem wegen der ungeklärten Öffnungen von Feldpost und den beunruhigenden Berichten vom Marine-Schulschiff "Gorch Fock", im Mittelpunkt des Interesses.

Kritiker werden nun versuchen, den beliebten Guttenberg wegen der Verfehlungen haftbar zu machen. Ausweichen kann der Minister wohl nur durch eine Maßnahme - rückhaltlose Aufklärung.



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