Übergabe im Feldlager Kunduz Ein Ort zum Kämpfen, ein Ort zum Weinen

Nirgendwo in Afghanistan musste die Bundeswehr härter kämpfen, nirgends starben mehr Soldaten: Das Feldlager Kunduz ist ein Symbol für den deutschen Einsatz am Hindukusch. Nun übergibt die Truppe an die lokalen Einheiten. Von Sicherheit oder gar Frieden ist der Ort weit entfernt.

Aus Kunduz berichtet


Es ist die große Show in der gleißenden Morgensonne von Nordafghanistan. Der deutsche Noch-Außenminister Guido Westerwelle ist angerückt und hat seinen Kollegen vom Verteidigungsressort, Thomas de Maizière, gleich mitgebracht. Von der afghanischen Regierung sind der Innen- und der Vize-Verteidigungsminister nach Kunduz eingeflogen. Sogar der vielbeschäftige Chef der Isaf-Truppen gibt sich die Ehre.

Nacheinander sprechen sie von einem "historischen Event": Nach gut zehn Jahren Einsatz in Kunduz übergibt die Bundeswehr ihr zweitgrößtes Camp in Nordafghanistan an die afghanische Armee. Von nun an, so die Maxime, sollen die Afghanen selber für die Sicherheit rund um die Provinzmetropole sorgen. Symbolische Holzschlüssel mit den Landesfarben werden übergeben, Verträge unterzeichnet, dann ist der Deal perfekt.

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Feldlager Kunduz: Die Bundeswehr packt zusammen
In den Straßen des Camps ist der Abzug, den die Bundeswehr nur Rückverlegung nennt, überall sichtbar. Wo sich früher über 2000 Mann in eng gestellten Zelten und Wohnblöcken drängelten, ist es leer geworden, viele der gepanzerten Fahrzeuge sind schon in Richtung Hauptlager abgefahren.

In den letzten Wochen beschäftigte man sich hauptsächlich damit, die hochmodernen deutschen Anlagen für die Afghanen vorzubereiten: Hightech-Herde in den Küchen wurden durch Feuerstellen ersetzt, teure Dieselgeneratoren abgebaut. Trotzdem bekommen die Afghanen mit Kunduz das modernste Militärcamp Afghanistans, fast eine Dreiviertelmilliarde Euro hat Deutschland hier investiert.

Kunduz, dieser Ortsname wird in Deutschland für eine lange Zeit mit dem Krieg in Afghanistan verbunden bleiben. 2003 begonnen als Aufbaumission mit militärischem Schutz entwickelte sich der Einsatz rund 200 Kilometer nördlich des Hindukusch-Gebirges rasch zum Kampfeinsatz.

An keinem deutschen Standort in Afghanistan wurde mehr gekämpft, hier starben 20 der 54 Gefallenen der Bundeswehr während der Afghanistan-Mission. De Maizière spricht bei der Feier dann auch von einer Zäsur. Hier sei der Ort, "an dem die Bundeswehr zum ersten Mal gekämpft hat, lernen musste zu kämpfen", sagt er. Und: "Hier wurde aufgebaut und gekämpft, geweint und getröstet, getötet und gefallen."

Ab dem Jahr 2007 kamen immer wieder schlechte Nachrichten aus der Region. Robuster denn je versuchte die Bundeswehr, rund um das Lager Nester der Taliban und anderer militanter Gruppen auszuräuchern. Schwere Verluste lehrten, dass der Gegner zwar militärisch unterlegen sein mag, jedoch mit Hinterhalten und versteckten Selbstbau-Bomben jederzeit zuschlagen kann.

Dieser Eindruck der ständigen Bedrohung war es auch, der Oberst Georg Klein zum Befehl für einen Luftschlag trieb. Zwei auf einer Sandbank festgefahrene Tanklaster wurden dabei im Herbst 2009 beschossen, mehr als 100 Menschen starben. Klein hatte in den Trucks fahrende Bomben vermutet.

Die No-Go-Area am Fluss

Der Verteidigungsminister verschweigt in Kunduz nicht, dass sich an der Gefahrenlage wenig geändert hat. Er spricht immer wieder von einer "großen Herausforderung", vor der die Afghanen nun stünden, und kündigt auch an, dass es "schwere Rückschläge" geben wird. Über ihm kreist ein deutscher "Tiger"-Kampfhelikopter, der vor allem die Westseite des Lagers abfliegt.

Noch am Morgen gab es dort, in Chahar Darreh, ein heftiges Gefecht zwischen Taliban-Kämpfern und der lokalen Polizei. Der Landstrich am Kunduz-Fluss gilt bis heute als Taliban-Rückzugsgebiet. Trotz Dutzender Operationen der Bundeswehr und unzähligen Zugriffen der Amerikaner gilt die Gegend wieder als extrem gefährliche No-Go-Area.

Folglich hält sich de Maizière auch mit einer Bilanz des Einsatzes in Kunduz zurück, er spricht lieber von der Notwendigkeit, dass sich die Afghanen abnabeln müssten. Vielleicht gebe es für eine solche Übergabe nie den richtigen Zeitpunkt, sagt der Minister, so sicher wie daheim in Deutschland werde es in Afghanistan wohl eh niemals. Dann folgt das Mantra der deutschen Afghanistan-Politik: Man lasse die Afghanen nach der Übergabe auf keinen Fall im Stich. Schließlich wolle man sie ja weiter mit Training und viel Geld unterstützen. 600 bis 800 deutsche Soldaten will Berlin für diese Trainingsmission "Resolute Support" nach 2014 stellen.

Pläne für die Null-Option, den Totalabzug

Neben de Maizière läßt sich Isaf-Kommandeur Joseph Dunford jedes Wort des Minsters von einer Dolmetscherin übersetzen, mischt sich aber nicht ein. Unter vier Augen hat der Vier-Sterne-General dem deutschen Gast kurz nach der Landung von den endlosen Streitigkeiten mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai berichtet.

Dabei geht es um ein Truppenstatut, eine Art formelle Einladung für die Trainer. Karzai stellt seit Monaten in den Gesprächen mit den USA immer neue Forderungen, Militärs und Diplomaten sind genervt. So genervt, dass sie die sogenannte Null-Option für die Zeit nach 2014 wieder diskutieren. Kommt es dazu, würde auch die Bundeswehr Ende 2014 komplett aus Afghanistan abziehen.

Auch wenn niemand darüber spricht, sind die Pläne dafür längst in der Schublade.

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beekay 06.10.2013
1. Innenresort ? Bild 2/5
...weis der spiegel zum neuen kabinett schon mehr zum neuen kabinett ? oder seit wann ist Thomas de Maizière Innenminister :-).
bssh 06.10.2013
2. Traurig
So viele Menschen sinnlos gestorben. Und vermutlich war das wieder alles "alternativlos" Wem hat da genützt, wem hat das alles geholfen?
rotercorsar 06.10.2013
3. optional
Da ziehen sie nun dahin: die Bundeswehr, die Amerikaner; wie zuvor die Russen und Alexander der Große! Ausgerichtet haben sie alle nichts. Es bleibt dort wie es war - nur ein durch und durch korrupter Präsident Karsai tritt noch auf der Bühne auf. Zu bedauern sind die vielen toten Soldaten. Ich höre noch die Worte von Peter Scholl-Latour in einer Talkshow vor vielen Jahren: Hände weg von Afghanistan - der Mann hatte ja so recht.
Stabhalter 06.10.2013
4. nur zum nachdenken
Zitat von sysopAP/dpaNirgendwo in Afghanistan musste die Bundeswehr härter kämpfen, nirgends starben mehr Soldaten: Das Feldlager Kunduz ist ein Symbol für den deutschen Einsatz am Hindukusch. Nun übergibt die Truppe an die lokalen Einheiten. Von Sicherheit oder gar Frieden ist der Ort weit entfernt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afghanistan-bundeswehr-uebergibt-das-feldlager-kunduz-a-926340.html
nirgends starben mehr deutsche Soldaten als in Afgahnistan,hat doch unsere Superkanzlerin nicht einst vollmundig erklärt:wenn nur ein deutscher Soldat ums Leben kommt,dann trete ich als Kanzlerin zurück. Aha man hat also im Sept.2013 eine Lügnerin gewählt,bravo deutscher Wahlverein deine Dummheit ist grenzenlos.
commonsense2 06.10.2013
5. erst nachforschen dann grosse Worte riskieren
Zitat von Stabhalternirgends starben mehr deutsche Soldaten als in Afgahnistan,hat doch unsere Superkanzlerin nicht einst vollmundig erklärt:wenn nur ein deutscher Soldat ums Leben kommt,dann trete ich als Kanzlerin zurück. Aha man hat also im Sept.2013 eine Lügnerin gewählt,bravo deutscher Wahlverein deine Dummheit ist grenzenlos.
es waren doch die SPD mit ihren Koalitionspartner Gruene unter Kanzler Schroeder/Fischer die sich diesem Kriegsabenteuer begeistert anschlossen, sofern ich mich richtig besinne, ihr Verteidigungsminister toente doch wiederholt, dass die Freiheit des Westens am Hindukusch verteidigt wuerde???
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