SPIEGEL-Umfrage Große Mehrheit sieht Versagen in deutscher Afghanistan-Politik

Miserables Zeugnis nach zwei Jahrzehnten Einsatz am Hindukusch – die nun mit dem Sieg der Taliban enden: Drei von vier Deutschen bewerten die Afghanistan-Politik als gescheitert.
Soldaten in Kunduz (Archivaufnahme)

Soldaten in Kunduz (Archivaufnahme)

Foto: Tim Röhn / imago images

Die radikalislamischen Taliban haben am Wochenende Kabul eingenommen. Offenbar überraschend für den Westen. Nun versucht die Bundesregierung, Botschaftsmitarbeiter und afghanische Helfer in letzter Minute aus dem Land und in Sicherheit zu bringen.

In einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für den SPIEGEL hält eine große Mehrheit der Deutschen die Politik für gescheitert: Rund 76 Prozent bejahten die Frage, ob Deutschlands Afghanistan-Politik versagt habe. Die Umfrage wurde bereits am vergangenen Freitag gestartet, also noch vor der Einnahme Kabuls durch die Taliban.

Bei dem vernichtenden Zeugnis sind sich ausnahmsweise die Anhängerinnen und Anhänger aller Parteien nahezu einig. Am besten bewerten noch die Sympathisanten der Union die deutsche Afghanistan-Politik.

Der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour warf der Bundesregierung am Montag ebenfalls Versagen vor. Man habe keine Notfallpläne gemacht und deshalb seien jetzt Tausende Menschen in Lebensgefahr, sagt er im ARD-Morgenmagazin. Die Bundesregierung habe jahrelang Zeit gehabt, einen Plan zu schmieden für diesen Augenblick, und dies sei ausgeblieben.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) rechnet nach der Machtübernahme der Taliban mit einer wachsenden Zahl von Flüchtlingen. »Viele Menschen werden versuchen, das Land zu verlassen«, sagte Merkel in der Sitzung der CDU-Parteigremien. Das erfuhr der SPIEGEL aus Teilnehmerkreisen. Die Bundesregierung werde Merkel zufolge eng mit den Nachbarländern Afghanistans zusammenarbeiten: »Wir sollten alles tun, um den Ländern dabei zu helfen, die Geflüchteten zu unterstützen«, sagte sie demnach. »Das Thema wird uns noch sehr lange beschäftigen.«

Auch das Innenministerium stellt sich auf eine steigende Zahl von Flüchtlingen aus Afghanistan ein. »Wir müssen sicherlich davon ausgehen, dass die Menschen vor Ort sich in Bewegung setzen werden und dass die Lage vor Ort zu Migrationsbewegungen führen wird«, sagte eine Ministeriumssprecherin. Details zur erwarteten Zahl der Flüchtlinge nannte sie nicht.

Auf die Frage, ob Deutschland ausreichend vorbereitet wäre, wenn es zu einer deutlichen Erhöhung der Asylanträge aus Afghanistan käme, antworteten rund 79 Prozent der Deutschen in der SPIEGEL-Umfrage mit »Nein«.

Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet forderte, die Flüchtlinge in der Region um Afghanistan zu betreuen. Die EU müsse sich »dafür einsetzen, dass die Hilfe dort Priorität hat«, schrieb Laschet auf Twitter. »Die meisten Menschen werden in die Nachbarländer fliehen«, glaubt er. Die internationale Gemeinschaft müsse deshalb »die Nachbarländer unterstützen und dazu beitragen, die humanitäre Katastrophe zu lindern« (lesen Sie hier einen Kommentar).

als/Reuters/dpa/AFP
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