Afghanistan-Konferenz Die Anarchie verhindern

Nur Vorschläge, aber keine Vorschriften will die Uno den in Bonn versammelten Vertretern Afghanistans machen, um eine freie, friedliche und multiethnische Nation zu entwickeln. Als letzte Teilnehmer trafen die Gesandten der Nordallianz ein. Sie sind besonders herausgefordert, denn sie sollen der Stationierung einer multinationalen Friedenstruppe zustimmen.

Von Holger Kulick


Der Petersberg im Nebel
DPA

Der Petersberg im Nebel

Königswinter - Nur die Transporthubschrauber kann man hören, aber nicht sehen. Denn seit Montagfrüh liegt dichter Nebel über dem hermetisch abgeriegelten Petersberg in Königswinter bei Bonn und das ist fast symbolisch. Denn die Aussichten dieser Konferenz sind immer noch ungewiss. Fest steht bislang nur das Auftaktprogramm: Heute um 10 Uhr begrüßt Bundesaußenminister Joschka Fischer die Gäste, dann will der Uno-Beauftragte und Leiter der Tagung, Lakhdar Brahimi, den Gästen vermutlich so eindringlich ins Gewissen reden, wie es sein Sprecher Ahmad Fawzi am Montag bereits vor der Presse formuliert hat: "Dies ist eine goldenene Chance [...] Eine bessere gibt es unter diesen Umständen nicht [...] Bei einem Scheitern müssen alle beteiligten Führer die Verantwortung schultern".

Nach und nach sind auf dem 330 Meter hoch gelegenen Petersberg zunächst 28 afghanische Unterhändler eingetroffen, die Politik offenbar noch als Männersache betrachten. Denn unter ihnen sind trotz Protesten afghanischer Frauengruppen nur drei Frauen. Als letzte der vier eingeladenen Gruppen wurden am Montagabend elf Vertreter der siegreichen Nordallianz von der britischen Luftwaffe nach Deutschland geflogen, ebenfalls nur mit einer Frau an Bord.

Große Erwartungen an die Nordallianz

Die Delegation der Nordallianz vor ihrem Abflug in Afghanistan
AFP

Die Delegation der Nordallianz vor ihrem Abflug in Afghanistan

Vor allem auf die Nordallianz und ihre Bereitschaft zum Kompromiss kommt es an. Denn die Uno will für eine Übergangszeit eine multinationale Schutztruppe vorschlagen, zwar mit Uno-Mandat, aber nicht als Uno-Blauhelmtruppe. Welche Nation dabei federführend sein soll, ist noch offen, möglicherweise die EU als neutraler Staatenbund. Eine "allafghanische Friedensmacht", wie sie Nordallianz-Sprecher schon mal vorgeschlagen hat, sei "zu schwierig zu erreichen", erklärte Uno-Sprecher Ahmed Fawzi.

Eine aktive Rolle ausländischer Militärs im Friedensprozess haben die Führer der Nordallianz aber bislang stets abgelehnt. Sie würden die Sache gerne selber in die Hand nehmen. Zugleich stehen sie jedoch unter starkem Druck von Seiten der US-Regierung, seitdem sie ohne deren Zustimmung Kabul überrannten.

Zwar sollen die Gäste nicht den Eindruck bekommen, bevormundet zu werden: Das erste und das letzte Wort sollen die Afghanen haben, versprechen die Uno-Vertreter. Doch den afghanischen Repräsentanten soll deutlich gemacht werden, dass die Zeit "ungeheuer drängt", um eine stabile und repräsentative Übergangsadministration zu bilden. "Technische und finanzielle Hilfe stehen vor der Tür", aber es werde sie nur geben, "wenn diese goldene Chance genutzt wird", mahnt Uno-Sprecher Fawzi.

Mehr Journalisten in Bonn als je zuvor

1200 Journalisten-Anmeldungen liegen vor - ein Bonner Rekord. Doch nur einige ausgewählte "Pool-Reporter" bekommen am Dienstag den offiziellen Start der Konferenz zu sehen, die anderen drängeln sich auf einem Konferenzschiff auf dem Rhein in der Hoffnung, dort von der Uno mehr über das abgeschirmte Tagungsgeschehen zu erfahren. Denn solange sich die Teilnehmer nicht auf einen Fahrplan für die Zukunft Afghanistans geeinigt haben, sollen sie isoliert auf dem Petersberg tagen.

"Wir werden einen Fahrplan für ein freies und friedliches Afghanistan entwickeln, dass multhiethnisch sein soll, wir haben aber keine Blaupause dafür im Gepäck" beschreibt Fawzi das unbestimmte Ziel. Was in Bonn geschehe, sei nur "der erste Schritt auf einer sehr langen Straße". Aber der sicherlich wichtigste. Ob ein 15 bis 25-köpfiges Interimskabinett oder eine 100 bis 200-köpfige Ratsversammlung als Zwischenziel verwirklicht werden sollen, müssen die Delegierten erörtern. Offenbar liegen bereits mehrere Vorschläge vor.

Runder Tisch und Gebetsraum

Der runde Tisch vom Petersberg (bei einem G8-Treffen 1999)
REUTERS

Der runde Tisch vom Petersberg (bei einem G8-Treffen 1999)

In dem historischen Tagungshotel auf dem Petersberg ist ein runder Tisch für 36 Teilnehmer eingerichtet worden. Dazu kommen Plätze für 30 mitangereiste Berater sowie für Beobachter aus 18 Ländern und der EU. Zu diesen Ländern gehören China, Indien, Pakistan, Russland, die USA, der Iran, England, Frankreich, Österreich, die Türkei und sogar Korea. Essen wird wegen der strengen Vorschriften des Ramadan nur am Abend nach Sonnenuntergang angeboten, gefrühstückt wird morgens um fünf. Um diplomatische Perfektion bemüht, wurde mit alten Orientteppichen auch ein eigener Gebetsraum ausgestattet.

Für jede der vier eingeladenen Delegationen steht ein eigener Rückzugsraum zur Verfügung. Zwischen ihnen wollen die beiden Uno-Vermittler, der algerische Diplomat Lakhdar Brahimi und sein spanischer Stellvertreter Francesc Vendrell Pendeldiplomatie betreiben, um Entscheidungen für das Plenum vorzubereiten.

Uno-Sprecher Ahmad Fawzi in Bonn
AP

Uno-Sprecher Ahmad Fawzi in Bonn

"Wir wollen keine Vorschriften machen, aber Vorschläge", beschreibt Uno-Sprecher Fawzi die Rolle der insgesamt elfköpfigen Uno-Delegation: Entscheiden sollen "zu 100 Prozent nur die Afghanen". Auch die nichtafghanischen Beobachter haben kein Stimmrecht und dürfen nicht am Verhandlungstisch sitzen. Sie lungern derweil wie klassische Lobbyisten in den Gängen vor der Tür, um in den Pausen beratend tätig zu sein oder Druck auszuüben.

Zu Vorgesprächen traf sich Brahimi am Montag mit den bereits eingetroffenen Delegierten. Im Anschluß an ein Essen mit Bundesaußenminister Fischer wollte er noch am späten Montagbend vorfühlen, ob auch die Nordallianz seine Spielregeln akzeptiert.

Prognosen über die Dauer der Verhandlungen wagt aber niemand zu geben. Von vier bis zu 14 Tagen reichen die Spekulationen. Und auch ein Scheitern ist noch möglich, zumal die Lage in Afghanistan noch längst nicht als befriedet, sondern eher als beunruhigend gilt. Die Kämpfe von heute und das Eingreifen amerikanischer Bodentruppen wollte Uno-Sprecher Fawzi lieber nicht kommentieren. Und auch das lehnte er ab - über einen "Plan B" im Fall des Scheiterns zu reden. Den gebe es angeblich nicht.

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.