Afghanistan-Konferenz Im Schatten des Schlafmohns

Drei Viertel der weltweiten Opiumernte stammen aus Afghanistan. Bevor dieses Problem nicht gelöst ist, kann sich die Lage in dem Land am Hindukusch nicht grundlegend verbessern. Auf der Berliner Afghanistan-Konferenz fehlt es nicht am Willen, den Schlafmohnanbau zu stoppen. Wohl aber an tragfähigen Konzepten.

Von Yassin Musharbash




Mohn-Bauer in Afghanistan: 40 Mal mehr Profit
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Mohn-Bauer in Afghanistan: 40 Mal mehr Profit

Berlin - Es ist ein trauriger Rekord für Afghanistan: Während sich Präsident Hamid Karzai heute und morgen auf der dritten Berliner Afghanistan-Konferenz alle erdenkliche Mühe gibt, Finanzhilfen und internationale Unterstützung zu sichern, reift in dem Land am Hindukusch nahezu unbehindert die größte Opiumernte aller Zeiten heran. Zwei Jahre nach dem Ende des Krieges und der Taliban-Herrschaft machen die Gewinne aus dem Drogenanbau schon wieder über die Hälfte des in Afghanistan generierten Einkommens aus.

Ohne nachhaltige Eindämmung der Drogenproduktion aber, darüber sind sich afghanische Regierung und internationale Geberländer einig, sind alle anderen in den vergangenen Jahren erreichten Verbesserungen unsicher. Denn die lokalen Drogenbarone mit ihren bewaffneten Milizen stellen eine ernste Bedrohung für die noch lange nicht überall fest im Sattel sitzende afghanische Regierung dar. Der Opiumanbau, so die für Drogen und Verbrechen zuständige Behörde der Vereinten Nationen (UNODC), "steigert die Instabilität".

Drogenhandel ohne Risiko

Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul: Keine konkreten Ergebnisse
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Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul: Keine konkreten Ergebnisse

Die Armut im Land, betonte UNODC auf der Afghanistan-Konferenz, erkläre nur zum Teil, warum Tausende Bauern sich wieder ausschließlich auf den Anbau von Schlafmohn konzentrieren: "Gegenwärtig können Drogenproduktion und Drogenhandel in Afghanistan ohne Risiko und ohne Anreiz, etwas anderes zu tun, durchgeführt werden."

Diese Worte enthalten eine deutliche Kritik an der Internationalen Gemeinschaft, die bislang noch kein schlüssiges Konzept zum Kampf gegen den Mohnanbau vorgelegt hat. Auch eine internationale Anti-Drogen-Konferenz, die im Februar 2004 in Kabul abgehalten wurde, hat nach Bewertung der UNODC zu "keinen konkreten Ergebnissen" geführt.

Mit einigen Ideen sind die involvierten Staaten bereits kläglich gescheitert. Den teilweisen Aufkauf der letzten Opiumernte durch die Briten beispielsweise bezeichnete die deutsche Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul in der vergangenen Woche als Fehler. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Mohn wird auf diese Weise nicht durchbrochen.

Pharmapflanzen als Alternative?

Einigkeit besteht darin, dass die Bauern, die derzeit Opium produzieren, eine Alternative bekommen müssen. Das sagte auch Bundeskanzler Gerhard Schröder am Mittwoch in Berlin. Doch die Vorschläge wirken hilflos: Trockenfrüchte und Teppichproduktion nannte Wieczorek-Zeul jüngst als denkbaren Ersatz. Der afghanische Aufbauminister Mohammed Amin Farhang bevorzugt Safran, wilden Reis, andere teure Gewürzpflanzen und Wirkstoffpflanzen für die Pharmaindustrie.

Wie aber soll man einen afghanischen Bauern davon überzeugen, das Produkt zu wechseln, wenn die Gewinnspanne beim Opium nach einigen Berechnungen bis zu 40 mal höher ist als beim Anbau von Getreide? Das durchschnittliche Jahreseinkommen in Afghanistan beträgt derzeit rund 150 Euro. Es gelte, mahnte die UNODC, bei allen Maßnahmen zwischen "der Gier der Drogenhändler und den Bedürfnissen der Drogenbauern" zu unterscheiden: Während erstere strenge Strafen verdienten, bräuchten letztere dringend Unterstützung.

Soldaten der neuen afghanischen Armee: Keine adäquate Kapazitäten
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Soldaten der neuen afghanischen Armee: Keine adäquate Kapazitäten

Zumindest zwiespältige Folgen hätte deshalb auch die sofortige Vernichtung der Mohnfelder: Sie träfe vor allem die einfachen Bauern. Der deutsche Bundestag hat im Mandat für die deutschen Truppen in Afghanistan überdies die direkte Drogenbekämpfung ausgeschlossen - aus Sorge, dass die Soldaten ansonsten in bewaffnete Auseinandersetzungen mit den Drogenmilizen geraten. Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) bekräftigte diese Position im Januar 2004.

Die Briten sind für Drogenbekämpfung zuständig

So helfen die deutschen Soldaten derzeit vor allem indirekt, durch die Ausbildung und den Aufbau der afghanischen Polizei, bei der Drogenbekämpfung. Doch noch ist diese Truppe viel zu klein, um sich dieser gewaltigen Aufgabe stellen zu können. Polizei und Armee, so die Uno-Behörde UNODC, hätten zurzeit "noch keine adäquate Kapazität, die Gesetze auch durchzusetzen".

Trotz dieser Schwierigkeiten kündigte die Regierung Hamid Karzais kürzlich ein Ausrottungsprogramm an. "Wir erwarten, 25 Prozent der Mohnfelder im Land zu vernichten", sagte der afghanische Präsident am Mittwoch in Berlin und bat dabei um Unterstützung. Nach der international vereinbarten Arbeitsteilung für den Wiederaufbau in Afghanistan richtet sich dieser Appell vor allem an die Briten, die für die Drogenbekämpfung zuständig sind.

Ein positives Signal könnte derweil von einer im Rahmen der Berliner Konferenz erwarteten Vereinbarung zwischen Afghanistan und seinen Nachbarländer ausgehen: Die betreffenden Regierungen haben sich vorgenommen, den Transport von Drogen über ihre Gebiete entschieden zu bekämpfen. Sollten hier Fortschritte erzielt werden können, würde die Gewinnspanne für Opium zurückgehen. Der Anbau wäre dann weniger attraktiv.

Existenz Afghanistans bedroht?

Schröder mit Karzai: Existenz des Staates bedroht
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Schröder mit Karzai: Existenz des Staates bedroht

Guter Wille, so viel wurde auf der Konferenz von Berlin deutlich, ist auf allen Seiten vorhanden, wenn es gegen den Drogenanbau geht. Auch Geld steht zur Verfügung. So gilt beispielsweise als ausgemacht, dass ein großer Teil der von Deutschland für die nächsten vier Jahre zugesagten Finanzhilfe in Höhe von 320 Millionen Euro in die Drogenbekämpfung fließen soll.

Doch ein schlüssiges Konzept ersetzen Geld und guter Willen allein noch nicht. Vor allem die deutsche Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul drängt deshalb darauf, dass auf der Konferenz in Berlin, die am Donnerstag zu Ende geht, auch ein gemeinsamer Aktionsplan verabschiedet wird. Ob dies gelingen wird, ist noch offen. Wie dramatisch die Probleme sind, die der Schlafmohn aufwirft, betonte schließlich auch noch einmal Präsident Karzai: "Die Drogen untergraben die Existenz des afghanischen Staates", warnte er.



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