Taliban-Einmarsch in Kabul Warum das Frühwarnsystem des BND versagte

Nach dem Fall von Kabul gibt es massive Kritik am BND, denn der Geheimdienst wurde vom Sieg der Taliban in Afghanistan überrumpelt. Wie konnte es dazu kommen?
Zentrale des BND: Gerade in Sachen Außenpolitik gilt der Dienst als Frühwarnsystem der Bundesregierung

Zentrale des BND: Gerade in Sachen Außenpolitik gilt der Dienst als Frühwarnsystem der Bundesregierung

Foto: Paul Zinken/ dpa

Der Bundesnachrichtendienst (BND) will nach dem Fall von Kabul seine technische Aufklärungsarbeit in Afghanistan überprüfen. Hintergrund ist, dass der sonst am Hindukusch gut informierte BND wie andere Geheimdienste von der Implosion der afghanischen Regierung und der Sicherheitsbehörden in den Tagen vor der Machtübernahme durch die Taliban kaum etwas mitbekommen hat. Folglich wurde die gesamte Bundesregierung am vergangenen Sonntag vom Fall Kabuls überrascht.

Kritik an den Diensten setzt es seit Tagen. Bis hoch zur Kanzlerin attestiert die Bundesregierung dem BND, die Lage in Afghanistan völlig falsch eingeschätzt zu haben. Für den BND sind solche Aussagen mehr als Rhetorik, ist es doch Kernauftrag des Diensts, »Informationen von außen- und sicherheitspolitischer Bedeutung zu sammeln, auszuwerten und der Bundesregierung in Form von Meldungen und Analysen zur Verfügung zu stellen«. Von Kanzlerin Merkel ist bekannt, dass sie diese Meldungen des BND aufmerksam liest.

Dass der Dienst vom Zerfall des afghanischen Staats, von der eiligen Flucht der halben Regierung und aller wichtigen Generäle und von Absprachen mit den Taliban nichts mitbekam, sorgt bei den Agenten für Bitterkeit. Es gehört zum Stolz des BND, bei der Auswertung von abgefangener Kommunikation in Afghanistan treffsicher zu sein. Vor dem Fall Kabuls aber fand die Analyse-Software XKeyscore nichts – weder hektische Telefonate unter den Regierenden noch Hinweise, dass die Taliban die Einnahme Kabuls planten.

Woran es lag, dass der BND trotz des technischen Know-hows und weitgehender Freiheiten beim Abhören quasi blind in die Krise schlitterte, soll nun aufgeklärt werden. BND-Präsident Bruno Kahl hat bereits eine interne Revision eingeleitet, bis kommende Woche sollen erste Ergebnisse vorliegen. Dann muss Kahl erneut dem Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestags vortragen. Die geheime Runde der Geheimdienstkontrolleure tagte bereits am Donnerstag in einer eilig einberufenen Sondersitzung.

Schon vor Beginn gaben alle Mitglieder zu Protokoll, der Dienst müsse genau erklären, warum er bei der Lagebewertung vergangene Woche so weit daneben lag. Der FDP-Vertreter brachte sogar einen Untersuchungsausschuss ins Spiel, der die möglichen Pannen ausleuchten soll. Mit der selbst angestoßenen Untersuchung durch die eigenen Leute würde BND-Boss Kahl einer solchen öffentlichen Nabelschau gern zuvorkommen – ein öffentlicher U-Ausschuss ist für ihn ein Horrorszenario.

Es ist ein dreiseitiges Dokument aus dem Haus von Maas, das Kahl und den BND schlecht aussehen lässt. Bei einer Krisenstabssitzung am vergangenen Freitag trug ein BND-Vertreter laut Protokoll vor, man halte einen militärischen Vormarsch der Taliban nach Kabul für »eher unwahrscheinlich«. Laut der BND-Einschätzung gebe es in der Führung der Islamisten, die damals noch in Doha residierte, »kein Interesse« an einem blutigen Kampf um die Hauptstadt. Stattdessen wolle sie mit einer Art Würgegriff die Kapitulation der Regierung von Präsident Ghani innerhalb von 30 bis 60 Tagen erzwingen.

Die Zeilen aus dem Protokoll wurden in den vergangenen Tagen gegen den BND verwendet. Die »Bild«-Zeitung sprach nach dem Fall Kabuls am Sonntag von Komplettversagen. Dabei hatte der BND-Mann in der Runde durchaus Einschränkungen gemacht. Laut Protokoll sagte er, ein schnellerer Abzug der internationalen Truppen aus Kabul und Absetzbewegungen afghanischer Eliten könnten die Abwärtsspirale weiter beschleunigen. Zudem wies er darauf hin, das Politbüro der Taliban im fernen Doha habe nur eingeschränkten Einfluss auf die Kämpfer in Afghanistan.

Aus Sicht des BND sind diese Zusätze extrem wichtig. Denn tatsächlich zogen sich die amerikanischen Truppen nur einen Tag nach der Krisenstabssitzung in Berlin ziemlich überraschend aus der »Green Zone« in Kabul zurück, verlegten zum Flughafen und bereiteten dort den Abzug der US-Botschaft vor. Die sonst mit Dutzenden Soldaten gesicherten Gates zu der Hochsicherheitszone Kabuls standen plötzlich mehr oder weniger offen, auch der Präsidentenpalast im Zentrum Kabuls blieb mehr oder minder schutzlos zurück.

Mit dem Jeep und reichlich Bargeld zum VIP-Terminal

Innerhalb der afghanischen Regierung deutete man die Anzeichen richtig. Wer noch konnte, rettete sich mit seinem gepanzerten Jeep und genug Bargeld zum VIP-Terminal des nahen Flughafens. Ähnlich lief es bei den bereits geschwächten Sicherheitskräften, die innerhalb von Stunden aus dem Stadtbild verschwanden. Spätestens am Samstagabend lag Kabul dann völlig schutzlos da. Beim BND glaubt man heute, dass erst dieser Dominoeffekt die Machtübernahme der Taliban möglich machte. Sie mussten Kabul nicht im Kampf erobern, sondern konnten ohne einen Schuss ins Zentrum durchfahren und die Kontrolle übernehmen.

Kahl musste am Mittwoch in einer geheimen Sitzung des Verteidigungsausschusses trotzdem einräumen, dass man mit der Einschätzung im Krisenstab danebenlag. Gleichwohl betonte er, die anderen Geheimdienste hätten die Lage ähnlich gesehen. Noch kurz vor dem Fall Kabuls hatte Kahl mit der Leitung des US-Geheimdiensts CIA telefoniert. Auch der US-Dienst soll den Kollaps damals noch nicht vorausgesehen haben.

Für den BND ist der Vorgang mehr als ärgerlich. Über die Jahre hatte sich der Dienst den Ruf aufgebaut, bei der Aufklärung in Afghanistan in der Weltspitze der Geheimdienste mitzuspielen. Vor allem für den Schutz der Bundeswehrmission hatte der Dienst seit 2001 deutlich mehr Agenten im Land als in jedem anderen Krisenstaat und bekam von der Bundesregierung immer wieder hohe Budgets für die aufwendige technische Aufklärung von möglichen Feinden.

Ab Ende 2020 prognostizierte der BND den Kollaps der Kabuler Regierung

Abseits der Fehleinschätzung vergangener Woche lieferte der BND auch. Schon Ende 2020 erreichte das Kanzleramt ein ausführliches Dossier zur Zukunft Afghanistans ohne die internationale Truppenpräsenz. In dem Papier beschrieben die Experten des Diensts unter dem Schlagwort »Emirat 2.0« die Rückkehr der Taliban an die Macht nicht mehr als eins von mehreren Szenarios, sondern wägten nur noch ab, wie schnell die jetzige Regierung zusammenbrechen würde.

Als der Abzug der internationalen Truppen näherrückte, wurden die BND-Berichte immer bedrohlicher. Im Januar 2021 meldete der Dienst, dass so viele Soldaten der von der Nato mit vielen Milliarden aufgepäppelten »Afghan National Army« (ANA) scharenweise zu den Taliban überliefen, dass diese selbst vom Ansturm neuer Rekruten überrascht seien. Im Juli dann bezifferte der Dienst die Erosion in Zahlen. Von 300.000 Soldaten auf dem Papier, so die Warnung, existierten nur maximal 90.000, kampfbereit seien nur rund 25.000.

Im August dann schrieben die Experten in Berlin täglich neue Warnungen, wie schnell die Taliban nach dem Nato-Abzug wieder an die Macht kommen könnten. Sie beriefen sich dabei auf Informationen, die ihnen ihr großes Team von knapp 20 Agenten vom Hindukusch über verschlüsselte Leitungen schickte. Die geheimen Papiere landeten im Kanzleramt aber auch im Verteidigungsministerium und im Außenministerium. Dort aber war nicht jeder glücklich über die pessimistischen Prognosen. Diese wollten so gar nicht zum Narrativ passen, man könne mit halbwegs gutem Gewissen aus Afghanistan abziehen.

Fatale Fehlkalkulation

Gleichwohl unterlief den Analysten just vor dem Sieg der Taliban eine fatale Fehlkalkulation. Nachdem der damalige US-Präsident Donald Trump 2020 einen Deal mit den Taliban geschlossen hatte, beobachtete der BND genau, ob sich die Islamisten an die wenigen Bedingungen hielten. Dass die Taliban dann tatsächlich keine Angriffe auf die internationalen Truppen verübten, verleitete die Experten zu dem Schluss, dass man den Zusagen der politischen Anführer zumindest halbwegs vertrauen könne.

Mitte August aber erwies sich das Vertrauen als Illusion. Entgegen der öffentlichen Ankündigung, man wolle die Macht nicht militärisch an sich reißen, nahmen die Taliban Distrikt um Distrikt ein. Da sich die afghanische Armee zurückzog, statt zu kämpfen, fiel eine Provinzhauptstadt nach der anderen. Ob der BND rechtzeitig erkannt hat, dass die Taliban schon damals den lokalen Machthabern Deals angeboten hatte, die ihnen das Abtreten schmackhaft machte, wird jetzt ebenfalls Thema der internen Untersuchungen sein.