Agrarministerin Aigner "Wir kommen nicht als Lehrmeister nach Afrika"

Agrarministerin Ilse Aigner sieht in der Landwirtschaft eine neue Chance für Afrika. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagt sie der Spekulation mit Nahrungsmitteln den Kampf an - und erklärt, was der Kontinent vom Regieren von Schwarz-Gelb lernen kann.

Flüchtlinge aus Somalia: "Deutschland hat Afrika nicht vergessen"
DPA / CARE

Flüchtlinge aus Somalia: "Deutschland hat Afrika nicht vergessen"


Berlin - Es ist ein Trip auf einen Kontinent im Schatten der Wahrnehmung: Die Kanzlerin reist an diesem Montag nach Afrika - offiziell zum zweiten Mal in ihrer Amtszeit. Auf dem Programm stehen Kenia, Angola und Nigeria. Mit dabei in Merkels Maschine: Agrarministerin Ilse Aigner.

Die CSU-Politikerin spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über die Landwirtschaft als einen neuen Schwerpunkt deutscher Entwicklungshilfepolitik. Dies sei ein Schlüssel für die Verbesserung der Verhältnisse in Afrika.

SPIEGEL ONLINE: Frau Aigner, woher kommt dieses plötzliche Interesse der Bundesregierung am vergessenen Kontinent?

Aigner: Deutschland hat Afrika nie vergessen, sondern sich schon immer stark für die gesamte Region engagiert. Da könnten sich andere Industriestaaten eine Scheibe abschneiden. Ein Schlüssel für eine Verbesserung der Verhältnisse und Stabilität in Afrika ist die ländliche Entwicklung, ist die Landwirtschaft. Über 60 Prozent der Afrikaner arbeiten direkt oder indirekt im Agrarsektor und 80 Prozent der Hungernden leben in ländlichen Räumen. Deshalb haben wir die Entwicklungshilfe für Afrika umgestellt, wir setzen jetzt den Schwerpunkt bei den Bauern.

SPIEGEL ONLINE: China dagegen pumpt vornehmlich viel Geld in afrikanische Infrastrukturprojekte. Warum ist das kein Vorbild für Deutschland?

Aigner: Die Absichten anderer Staaten kann und will ich nicht werten. Klar ist, was wir wollen: echte Partnerschaft mit den afrikanischen Ländern. Die Beziehungen Deutschlands zu Afrika gehen weit über die klassische Entwicklungszusammenarbeit hinaus. Wir wollen nicht einfach nur Großprojekte hinstellen oder mit der Gießkanne Geld verteilen. Wir kommen auch nicht als Lehrmeister. Uns geht es um gezielte Kooperation auf Augenhöhe mit Behörden, Unternehmen, Wissenschaftlern und Landwirten, um Wissenstransfer an der Basis, zum Beispiel um Hilfestellung bei der Frage: Wie können die Menschen Landwirtschaft effizienter betreiben?

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Aigner: Zwar ist das Potential der afrikanischen Landwirtschaft sehr groß, aber bei weitem nicht ausgeschöpft: Die Erträge sind im Vergleich zu Europa noch gering und die Ernteverluste hoch. Gründe sind nicht etwa allein die Trockenheit in manchen Regionen, sondern unter anderem massive Verluste von bis zu 50 Prozent bei Ernte, Transport und Lagerung. Wenn wir allein das in den Griff bekämen, wären Steigerungen des Nahrungsangebotes in erheblicher Größenordnung möglich. Bedenken Sie, was dies für die Bekämpfung des Hungers bedeuten könnte. Zusätzlich müssen wir durch Innovation und Ausbildung die Produktion in den ländlichen Gebieten steigern und den Bauern ermöglichen, ihre Waren auch auf die regionalen Märkte zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen in Afrika verhungern allerdings auch aufgrund stark schwankender Nahrungsmittelpreise, die es ihnen unmöglich machen, sich zu versorgen. Was tun Sie dagegen?

Aigner: Wir bauen gerade im Rahmen der G20, also der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, ein internationales Informationssystem für den Agrarmarkt auf. Damit sollen für wichtige Nahrungspflanzen wie Weizen, Mais, Reis und Sojabohnen weltweit vergleichbare Produktions-, Verbrauchs- und Vorratszahlen ermittelt werden. Was ist auf dem Markt? Wieviel ist auf dem Markt? Wie voll sind private Lager? Fehlende Information ist der Nährboden für Spekulation. Sie kann dazu beitragen, die Preise für Nahrungsmittel in absurde Höhen zu treiben - mit dramatischen Folgen für die ärmsten Länder. Vor dieser Entwicklung dürfen wir nicht die Augen verschließen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Transparenz allein die Sache zum Besseren wenden kann?

Aigner: Nein, aber es ist der erste unverzichtbare Schritt. Nun müssen die Finanzminister die Grundlage schaffen für eine stärkere Regulierung der Terminmärkte für Agrarrohstoffe. Ziel muss sein, die Achterbahnfahrt an den Rohstoffbörsen zu beenden, etwa durch Positionslimits für bestimmte Waren.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das?

Aigner: Damit könnten wir Kauf- oder Verkaufsaufträge einschränken. Nehmen Sie Kakao. Da ist es möglich, mit viel Geld ein kleines Marktsegment völlig aufzukaufen, um dann die Ware zu verknappen und so den Preis gezielt in die Höhe zu treiben. Das müssen wir in Zukunft verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mal mit Finanzminister Wolfgang Schäuble darüber gesprochen?

Aigner: Sicher.

SPIEGEL ONLINE: Und was war seine Reaktion?

Aigner: Er ist dabei. Wir sind uns einig, dass wir handeln müssen - nicht im Alleingang, sondern gemeinsam mit unseren Partnern in der G20. Allerdings ist die Einführung solcher Positionslimits kein Selbstläufer, es sind sehr verschiedene Nationen mit sehr verschiedenen Interessen in der G-20-Gruppe.

SPIEGEL ONLINE: Während der Afrika-Reise wollen Sie und die Kanzlerin auch über die sogenannte Good Governance mit Ihren Partnern sprechen, also die gute Regierungsführung. Ist Schwarz-Gelb in Berlin da überhaupt der richtige Ratgeber?

Aigner: Selbstverständlich! Wie kommen Sie denn darauf?

SPIEGEL ONLINE: Wir finden, die Frage drängt sich aufgrund der anhaltenden Querelen in Ihrem Bündnis auf, oder?

Aigner: Ach, kommen Sie. Diese Koalition mag eine schwierige Startphase erlebt haben, da hat der Motor manchmal etwas gestottert, aber mittlerweile läuft es. Das Ergebnis zählt: Hohes Wirtschaftswachstum, sinkende Arbeitslosigkeit, Einführung der Schuldenbremse, verlässliche Finanzpolitik. Unsere Nachbarn in Europa beneiden uns!

S PIEGEL ONLINE: Es gab selten zuvor eine Koalition, die solch ein schlechtes Image hatte.

Aigner: Sie neigen zu Übertreibungen - und haben Erinnerungslücken: Bei Rot-Grün war die B-Note in den ersten beiden Regierungsjahren auch nicht glänzend. Damals kamen beide Parteien aus der Opposition…

SPIEGEL ONLINE: Bei Schwarz-Gelb ist es nur die FDP. Haben die Liberalen noch immer das Regieren nicht gelernt?

Aigner: Ist doch klar, dass diese Umstellung zunächst nicht leicht fiel. Die FDP ist mit voller Wucht aus der Opposition in die Regierung gekommen und manches von dem, was die Kollegen im Wahlkampf erzählt haben, funktionierte eben in der Praxis nicht 1:1. Ähnliche Erfahrungen haben die Unionsparteien früher auch schon mal machen müssen.

Das Interview führten Sebastian Fischer und Roland Nelles

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