Prozess gegen Bundeswehr-Ausbilder "Was ich angeleckt habe, ist meins" 

Er soll einer Soldatin über die Wange geleckt, einen Soldaten zum Komasaufen gezwungen und einem anderen in die Genitalien geboxt haben: Ein Soldat, der in Ahlen in der Grundausbildung eingesetzt war, steht ab Dienstag vor Gericht.

Ein Wohnblock der Westfalen-Kaserne in Ahlen
AP

Ein Wohnblock der Westfalen-Kaserne in Ahlen


Körperverletzung, Nötigung und Misshandlung von Untergebenen - so lautet die Anklage gegen einen ehemaligen Bundeswehr-Soldaten der Westfalen-Kaserne in Ahlen. Wie der WDR berichtet, war der 30-jährige Unteroffizier dort in der Grundausbildung eingesetzt. Bei seinen Opfern handelt es sich um untergebene Soldatinnen und Soldaten.

Am Dienstag beginnt vor dem Amtsgericht Ahlen der Prozess. Diese Fälle werden dem Angeklagten laut WDR unter anderem vorgeworfen: Er soll bei einer Feier einer Soldatin über die Wange geleckt und gesagt haben: "Was ich angeleckt habe, ist meins!" Einem Soldaten soll er schmerzhaft in die Genitalien geboxt haben.

Einen anderen Soldaten soll er gezwungen haben, bis zur Besinnungslosigkeit Alkohol zu trinken. Laut "Westfälischem Anzeiger" soll er außerdem einem Untergebenen Gewalt angedroht haben, falls dieser sich weigert, eine Soldatin zu belästigen.

Die Taten kamen ans Licht, weil Soldaten die Vorfälle intern meldeten. Daraufhin sei der angeklagte Feldwebel laut "Westfälischem Anzeiger" bereits im vergangenen Herbst von jeglicher Personalverantwortung entbunden worden. Außerdem dürfe der Mann, der zwar noch Angehöriger der Streitkräfte sei, seine Uniform nicht mehr tragen. Ihm droht eine Haftstrafe.

Dutzende Verdachtsfälle in der Bundeswehr

Der Fall Ahlen reiht sich ein in eine Serie von Skandalen um sexuelle Belästigung und entwürdigende Aufnahmerituale bei der Bundeswehr.

So hatte der SPIEGEL im Januar erhebliche Missstände in der Elite-Ausbildungskaserne Pfullendorf aufgedeckt: Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung. In einem Untersuchungsbericht ist von "gravierenden Verstößen" gegen Grundsätze der Bundeswehr die Rede. Die Staatsanwaltschaft leitete jedoch kein Ermittlungsverfahren ein - wegen Mangels an Beweisen.

Dabei war Pfullendorf laut dem Bericht zwar ein Extremfall, aber keine Ausnahme. Außerdem gebe es Defizite beim Meldesystem für solche Fälle. Es sei zersplittert, nicht kohärent und werde uneinheitlich gehandhabt, heißt es.

Laut Generalinspekteur Volker Wieker sind bei der internen Analyse weitere 40 Hinweise allein bei der Ansprechstelle Diskriminierung und Gewalt in der Bundeswehr eingegangen. Zivile Mitarbeiter klagten über Mobbing, Soldatinnen und Soldaten über sexuelle Übergriffe.

Die Verdachtsfälle und Vorwürfe betreffen vor allem Mannschaftssoldaten von Kampfverbänden und Unteroffiziere zwischen 20 und 30 Jahren. Wieker attestiert ihnen eine "besondere Erfordernis an stringenter Führung, Ausbildung und Erziehung". Ein weiterer Skandal wurde kurz darauf bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall bekannt. Ein Obergefreiter soll sexuell belästigt und genötigt worden sein.

lgr

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